Ökostrom statt Braunkohle

Klimazwerg Sachsen: Wie der Ausbau der erneuerbaren Energien gelingen soll

Bei den erneuerbaren Energien ist Sachsen noch ein Entwicklungsland.

Bei den erneuerbaren Energien ist Sachsen noch ein Entwicklungsland.

Dresden. Sachsens Energie ist fast alles – aber garantiert nicht grün. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich hier kaum ein Windrad gedreht. Stattdessen wurde Braunkohle verfeuert, Gas und Öl verbrannt. Der Freistaat wirkt beim Ausbau der Erneuerbaren selbst wie ein Fossil. Doch auch in Sachsen soll die Zukunft nun beginnen. Die Transformation hin zu den grünen Energieträgern wird mittlerweile auch von der Landesregierung angeschoben. Und in der Wirtschaft wächst die Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Nach Jahren, in denen viel über die Grenzen von Photovoltaik und Windkraft gesprochen wurde, muss nun binnen eines Jahrzehnts die Umkehr geschafft werden. Der Freistaat steht vor einer Mammutaufgabe, wenn die Energiewende gelingen soll.

Wie versorgt sich Sachsen mit Energie?

Auf den ersten Blick wirkt die Sache glasklar: Sachsen kann sich eigenständig mit Energie versorgen. So gut sogar, dass es beispielsweise freigiebig mit seinem Strom umgehen kann: Im Freistaat wird schlicht mehr Strom produziert als verbraucht. Mehr als 13 Terawattstunden wurden in andere Bundesländer oder ins Ausland geliefert, wie die aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2019 belegen. Das entspricht ungefähr dem jährlichen Stromverbrauch des Internets in ganz Deutschland.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Lesen Sie auch

Die Sache mit der Energie ist trotzdem ein wenig komplizierter. Formal könnte sich Sachsen ein Weilchen auf seinen Braunkohlereserven ausruhen. Millionen Tonnen werden hier im Jahr gefördert. Sie bildet nach wie vor die wichtigste Energiequelle für die Stromversorgung. Allerdings geht in den Kraftwerken viel der ursprünglichen Energie verloren. Lediglich knapp 40 Prozent der eingesetzten Energie verlassen das Kraftwerk als Strom, weitere sieben Prozent als Fernwärme.

Sachsen ist also auf andere Energieträger angewiesen, um den Energiehunger im Freistaat zu stillen. Fast 64 Prozent der sächsischen Energie werden durch Mineralöl (36,6 Prozent) und Erdgas (27 Prozent) erzeugt. Die erneuerbaren Energien machen gerade einmal 6,7 Prozent aus, wie aus der Endenergiebilanz hervorgeht.

Die Zahlen zeigen die Herausforderungen, vor denen Sachsen in den nächsten Jahren steht: Klimaschonend ist diese Art des Energieeinsatzes nicht, der Anteil von Wind- und Sonnenenergie gering. Der Freistaat muss – quasi bei laufendem Wirtschaftsbetrieb – seine Energiebilanz aufbessern.

Nicht zuletzt deswegen, weil Deutschland sich bis 2038 von der – für die sächsische Stromproduktion wichtigen – Braunkohle lossagen möchte. Bislang war die Politik davon ausgegangen, dass Erdgas den notwendigen Übergang zu den erneuerbaren Energien abfedern könnte. Doch das war vor dem russischen Krieg in der Ukraine.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Was lief schief in der Vergangenheit?

Sachsen gehört zu den Bundesländern, die skeptisch auf die erneuerbaren Energien geblickt haben. Der Ausbau war in den vergangenen Jahrzehnten bescheiden – auch weil Politik und Bevölkerung die Nachteile betonten.

Sachsen gehört zu den Bundesländern, die skeptisch auf die erneuerbaren Energien geblickt haben.

Sachsen gehört zu den Bundesländern, die skeptisch auf die erneuerbaren Energien geblickt haben.

Eine Windenergieanlage kann zum Beispiel als technisches Wunder verkauft werden, als eine Möglichkeit, wie auch Bürger ganz konkret Geld an der Energiewende verdienen können. In Sachsen sah man die Windräder dagegen eher als Gefahr: für die Schönheit der Landschaft, für den Frieden in der Region und nicht zuletzt für die Anwohner in der unmittelbaren Nähe. Die Menschen sollten vor dem Anblick, dem Schattenwurf der Rotoren und Betriebsgeräuschen möglichst beschützt werden.

Auf dem Papier war es in den vergangenen zehn Jahren leicht, ein Windrad in Sachsen zu bauen. Die Vorgaben waren aber so gestaltet, dass Verhinderungsmaßnahmen relativ einfach umzusetzen waren. Wenn Kommunen oder Anwohner sich dagegen sperrten, boten sich ihnen ausreichend Möglichkeiten, mit denen sie das Verfahren verschleppen konnten.

Die neuen Abstandsregeln für Windkraftanlagen, die die Landesregierung beschlossen hat, machen das nun schwerer. Mit dem neuen Energie- und Klimaschutzprogramm, mit dem Landesregierung im vergangenen Jahr die energiepolitische Ausrichtung neu regelt, hat Sachsen nun zudem offiziell das Ziel ausgegeben, mit dem Ende der Braunkohleverstromung seinen Strombedarf vollständig aus erneuerbaren Energien zu decken.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Zu einem Windenergie-Boom in Sachsen muss das aber nicht führen. Nicht nur im Vogtland und im Erzgebirge kämpfen Bürger gegen Projekte. Sie wollen nicht, dass die Natur durch die neuen Anlagen "zerstört" wird. Orte, in denen die Windenergieanlagen befürwortet werden, erscheinen schon fast als Ausnahme. Und der Streit könnte sogar noch aufflammen. Denn Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat vor Monaten bereits vorgeschlagen, dass diejenigen Flächen in den sächsischen Wäldern, die vom Borkenkäfer beschädigt wurden, für den Bau von Windkraft freigegeben werden. Auch die Grünen signalisieren Zustimmung.

Ein grundlegendes Problem beim Ausbau wird aber der Freistaat alleine nicht lösen können. Im Schnitt dauert es fünf bis sieben Jahre in Deutschland, bis eine Windenergieanlage gebaut und ans Netz gehen kann. Das Planungsrecht ist oft langsam und sehr geduldig.

Wie groß ist das Potenzial der Erneuerbaren?

Sachsen hat eigentlich die Voraussetzungen, um einen guten Teil seines Bedarfs mit erneuerbaren Energien zu sichern. Es windet nach Meinung von Experten ausreichend und auch auf eine erquickliche Anzahl von Sonnenstunden im Jahr kann man sich verlassen: Falls alles ausgeschöpft wird, könnte der Freistaat knapp 43 Prozent seines Stromverbrauchs mit der Nutzung von Windenergie, Photovoltaik oder Biomasse abdecken – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Technischen Universität Dresden aus dem Jahr 2014.

Auch die Sächsische Energieagentur (Saena), ein Unternehmen des Freistaates Sachsen mit der Sächsischen Aufbaubank, hat 2018 in einer Untersuchung die Ausbaupotenziale der Erneuerbaren in den Blick genommen. Ihre Analysten zeigen sich ebenso überzeugt, dass ein Ausbau der erneuerbaren Energien kein Problem sein dürfte. Demnach sei es möglich, Windkraftanlagen mit einem jährlichen Potenzial von 7,65 Terawattstunden Strom in Sachsen zu installieren. Das würde ungefähr einem Drittel der durchschnittlichen monatlichen Stromproduktion entsprechen, für die im ersten Halbjahr 2022 allein erneuerbaren Energien in Deutschland verantwortlich waren.

Inzwischen dürfte das Potenzial noch höher liegen. Die Saena-Studie hatte als Grundlage für diese Zahlen ein Szenario angenommen, bei dem 1,1 Prozent des sächsischen Waldes und insgesamt rund 0,5 Prozent der sächsischen Landesfläche als Windenergiegebiete notwendig wären. Mit den neuen Abstandsregeln für Windkraftanlagen lassen sich mittlerweile 0,7 Prozent Sachsens für die Windkraft erschließen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch bei der Photovoltaik nutzt Sachsen momentan nicht alle Möglichkeiten. Aktuell gibt es rund 60.900 Anlagen im Freistaat. Theoretisch könnten es aber viel mehr sein: Photovoltaik-Anlagen auf Dächern könnten laut der Saena-Studie insgesamt bis zu 10.000 Hektar ausmachen – das entspricht mehr als 14.000 Fußballfeldern. Bis zu 13 Terawattstunden Strom wären dann denkbar, also ungefähr die Strommenge, die Sachsen an andere Bundesländer oder ans Ausland abgibt. Wobei nicht auf allen denkbaren Gebäuden am Ende vermutlich eine Anlage stehen wird. Ein Ausbau erscheint aber leicht möglich.

Auch bei der Photovoltaik nutzt Sachsen momentan nicht alle Möglichkeiten.

Auch bei der Photovoltaik nutzt Sachsen momentan nicht alle Möglichkeiten.

Welchen Plan hat Sachsen?

So unterschiedlich die Vorstellungen der drei Koalitionspartner CDU, Grüne und SPD in der Vergangenheit gewesen sein mögen, hinter einer Vision können sie sich aktuell alle versammeln: Ehemalige Braunkohle-Tagebaue sollen zu Energieparks werden, in denen sich Windkraftanlagen drehen und Photovoltaik-Anlagen Strom ins Netz einspeisen. Im besten Fall kann die Energie ebenfalls dazu genutzt werden, um Wasserstoff zu erzeugen, der dann in den industriellen Zentren Sachsens eingesetzt wird.

Zurzeit ist das noch Zukunftsmusik. Der Lausitzer Energiekonzern Leag hat allerdings im September angekündigt, auf seinen Tagebauflächen in Sachsen und Brandenburg mit insgesamt 33.000 Hektar Fläche zahlreiche Wind- und Solarpark aufzubauen. Die „Gigawatt Factory“ soll eine Leistung von sieben Gigawatt haben, mit deren Ökostrom rechnerisch vier Millionen Haushalte versorgt werden könnten.

Auch die Landesregierung will ihren Beitrag zum Ausbau der Erneuerbaren leisten. Ihr Ziel: Bis 2024 soll sich die Stromerzeugung aus diesen Quellen von 6380 Gigawattstunden (Jahr 2019) auf 10.380 Gigawattstunden deutlich erhöhen. Vor allem bei der Stromgewinnung aus Wind- und aus Sonnenenergie setzt der Freistaat fast auf eine Verdoppelung der Kapazitäten. Das ist ziemlich ehrgeizig.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Landesregierung setzt dennoch darauf, dass dies vor allem durch die Nutzung der stillgelegten Braunkohlereviere gelingen kann. Auch will sie prüfen, ob sie eine Pflicht zur Installation und Nutzung von Photovoltaikanlagen auf Dachflächen oder offenen Parkflächen erlässt. Die Potenziale sind schließlich vorhanden. Die Regierung wird mit gutem Beispiel vorangehen: Die Errichtung von PV-Anlagen auf den Dächern der Immobilien in Staatsbesitz soll vorangetrieben werden.

Es gibt auch ausgefallenere Ideen: So denkt die Landesregierung auch über schwimmende Solaranlagen auf den Gewässern nach. Konkrete Überlegungen dazu gibt es aber noch nicht.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue LVZ-App herunter:

- Für iOS

- Für Android

Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken