Ostdeutsche Physikerinnen: Was aus all den anderen Merkels wurde

Die berühmtestete Physikerin Deutschlands: Angela Merkel.

Die berühmtestete Physikerin Deutschlands: Angela Merkel.

Berlin. Als Angela Merkel im Jahr 2000 zunächst CDU-Vorsitzende und fünf Jahre später Kanzlerin wurde, da waren ihre „Alleinstellungsmerkmale“ ein großes Thema. Merkel war Frau, ostdeutsch, kinderlos, protestantisch und, was im Westen Seltenheitswert besaß, Physikerin.

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Die ostdeutsche Historikerin Heike Amos hat nun die Frage aufgeworfen, was aus all den anderen Merkels wurde – in ihrem jetzt erschienenen Buch „Karrieren ostdeutscher Physikerinnen in Wissenschaft und Forschung 1970 bis 2000“. Das Fazit fällt zwiespältig aus.

In Westberlin an die Spitze

Die Naturwissenschaften hatten in der DDR einen hohen Rang; darin waren Frauen einbezogen. „Nie vorher und nie wieder wurde so intensiv um Wissenschaftlerinnen geworben“, schreibt Amos. Die Physik rangierte zwar unter den Naturwissenschaften mit bis zu 14 Prozent Physikerinnen auf akademischer Mittelbauebene auf dem letzten Platz.

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Für die 1980er-Jahre konnten aber zehn bis zwölf aktive ordentliche Physikprofessorinnen im Hochschulbereich ermittelt werden. Unter den 37 Rektoren von Universitäten und Hochschulen waren drei weiblich. Von all dem konnte Westdeutschland nur träumen.

„Durchweg erfolgreich“ sei die Förderung von Frauen im Studium gewesen, so die Historikerin. „Keine Studentin mit Kind musste seit den frühen 1970er-Jahren ihr Studium wegen der Gründung einer Familie aufgeben.“ Seit Ende der 1960er-Jahre waren 85 Prozent der Hochschulabsolventinnen in ihrem studierten Fach berufstätig.

Das wirkte sich nach der Vereinigung positiv aus. Amos notiert: „Während sich an der Leipziger Universität zwischen 1970 und 1990 fünf Frauen in der Physik habilitierten, von denen zwei zu Professorinnen berufen wurden, habilitierte im Fachbereich Physik der Freien Universität Westberlins bis 1990 keine Physikerin, es gab dort keine Physikprofessorin.“

Die erste deutsche Physikprofessorin an der Freien Universität sei 2007 berufen worden, sie stammte aus Ostberlin. Auch an der Technischen Universität Westberlins habilitierte bis 1990 keine Frau in der Physik, hier habe 2008 ebenfalls eine Ostberlinerin als erste Frau eine Physikprofessur erhalten.

Schließlich seien die Leitungsebenen der neuen Physikinstitute und Forschungsverbände zwar fast ausnahmslos westdeutsch besetzt worden, so Amos. Der Frauenanteil an den Berufungen für eine Professur sei indes bis Mitte der 1990er-Jahre mit 12 Prozent doppelt so hoch gewesen wie im Westen.

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Vorsprung gehalten

Bilanzierend heißt es in der Studie über die ostdeutschen Physikerinnen: „Sie hielten ihren Gleichstellungsvorsprung, der zugleich ein Modernisierungsvorsprung in Sachen Geschlechtergerechtigkeit war.“

Dass nach 1990 vielfach westdeutsche Physiker das akademische Rennen auch in Ostdeutschland machten, führt Amos auf deren „schiere Überzahl“ zurück. Ferner hätten die ostdeutschen Wissenschaftlerinnen „weder in Ost noch in West eine politische Lobby“ gehabt. Gleichstellungskonzepte hätten nicht existiert.

Dass es gezielter Förderung bedarf, sieht mittlerweile auch eine Frau so, die es vor 30 Jahren noch anders sah: die ostdeutsche Physikerin Angela Merkel.

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