Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Olaf Scholz beim US-Sender CNN – der Eiertanz um die Erdgasröhre

Journalistinnen und Journalisten verfolgen das Interview mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nach seinem Treffen mit dem US-Präsidenten beim Fernsehsender CNN.

Washington. Der offizielle Teil der Reise ist fast vorbei, als ihr schwierigster Part beginnt. Zwei Stunden lang hat Bundeskanzler Olaf Scholz auf seiner Washington-Visite mit dem amerikanischen Präsidenten Joe Biden über die Weltlage im Allgemeinen und die Ukraine-Krise im Besonderen beraten. Bei der anschließenden Pressekonferenz hat er sehr freundliche Worte des Gastgebers gehört. Doch nun muss der SPD-Politiker die wohl größte Herausforderung bestehen: Er muss die amerikanische Öffentlichkeit überzeugen, dass Deutschland nicht jener unsichere Kantonist ist, als der er von Kritikern dargestellt wird.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Scholz hat entschieden, auf volles Risiko zu setzen. Er wählt keinen Auftritt vor geladenem Publikum bei einer Washingtoner Denkfabrik, wie das seine Vorgängerin Angela Merkel zuletzt gemacht hatte. Stattdessen fährt der 63-Jährige vom Weißen Haus direkt in die Höhle des Löwen: Im Studio des liberalen Senders CNN stellt er sich live und auf Englisch den Fragen des streitbaren Moderators Jake Tapper.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Zu erklären gibt es eine Menge – vom Zurückschrecken vor einem offiziellen China-Boykott über die Verweigerung von Waffenlieferungen an die Ukraine bis zum eigenartigen Eiertanz, den der Kanzler seit Wochen hinlegt, um bloß keine Sanktionen gegen die Ostseepipeline Nord Stream 2 androhen zu müssen. In Kiew würde manch einer die Deutschen inzwischen eher „als Verbündeten Russlands“ sehen, behauptet Tapper bewusst provokativ zu Beginn des Gesprächs.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Fremdsprache bricht Scholz’ Sprachmuster auf

„It‘s absolutely nonsense“, schießt es da aus dem sonst eher spröden Kanzler heraus. Die folgenden 20 Minuten haben Höhen und Tiefen, aber unter dem Strich hat man selten ein so lebendiges Interview von Scholz gesehen. Es wirkt, als reiße die fremde Sprache den Hanseaten aus den eingefahrenen Pfaden seines üblichen Vortrags, der es oft kunstvoll vermeidet, eine Antwort auf die Frage zu geben. Sein Englisch ist fließend und einwandfrei. Gleichwohl scheint er sich eher auf die Vokabeln als auf das Drechseln schlauer Formulierungen zu konzentrieren. Das kommt der Argumentation sehr zugute.

Spektakuläre Schlagzeilen liefert Scholz nicht. Doch kann er einiges zurechtrücken. Ob er den Briten eine Überflugerlaubnis für ihre Maschinen mit Militärhilfe verweigern würde, wie dies seit Wochen geunkt wird? „Never“, kontert der Kanzler. Er wisse gar nicht, woher das Gerücht komme: „Sie können den deutschen Luftraum nutzen.“ Im Übrigen würden das auch die Amerikaner tun.

Und der Gaslobbyist Schröder? „Wenn ich die Verfassungsordnung der Bundesrepublik Deutschland richtig verstehe, gibt es nur einen Bundeskanzler, und das bin ich“, hat Scholz vor ein paar Tagen im „heute journal“ herumgedruckst. Jetzt antwortet er: „Er spricht nicht für die Regierung. Er arbeitet nicht für die Regierung. Er ist nicht die Regierung.“ Und im Übrigen: „I am the Chancellor.“ So klingt die Distanzierung schon deutlicher.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Wir sind bereit, uns selbst etwas abzuverlangen“

Um die Kritik an Deutschlands restriktiver Haltung zu Waffenexporten zu kontern, verweist Scholz auf die Rolle Berlins als größter ziviler Geldgeber der Ukraine. Und sehr deutlich sind auch seine prinzipiellen Aussagen zu möglichen Konsequenzen einer russischen Invasion in das Land: „In diesem Fall arbeiten wir absolut mit unseren Verbündeten zusammen und werden dieselben Schritte ergreifen.“ Ein Truppeneinmarsch werde eine „Vielzahl von Sanktionen auslösen, die Russland schmerzen“, sagt er und setzt hinzu: „Wir sind bereit, Schritte zu unternehmen, die uns selbst etwas abverlangen.“ Eine deutliche Ansage.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Nun müsste er eigentlich nur noch die Schließung der Ostseepipeline Nord Stream 2 androhen, die von Demokraten und Republikanern im Kongress unisono gefordert und von der amerikanischen Regierung seit Wochen angedroht wird. „Falls Russland angreift und Panzer und Soldaten wieder die Grenze der Ukraine überqueren, dann wird es kein Nord Stream 2 mehr geben“, hat Joe Biden im East Room des Weißen Hauses gesagt: „Wir werden das beenden.“ Auf die Frage, wie das angesichts der deutschen Zuständigkeit gehen soll, hat der Präsident hart erwidert: „Ich verspreche Ihnen, wir können das.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Da stand Scholz schweigend daneben und wich zweimal Fragen zu der umstrittenen Röhre aus. Auch Jake Tapper bohrt nun vergeblich nach. Eigentlich ist es nach der überdeutlichen Ansage des Präsidenten unvorstellbar, dass er an eine Zukunft von Nord Stream 2 bei einer kriegerischen Auseinandersetzung glaubt. Aber aus irgendwelchen Gründen will er das einfach nicht aussprechen, sondern philosophiert über „strategische Uneindeutigkeit“ und Optionen, die auf dem Tisch liegen. Verstehen tut das in Washington niemand.

So bleibt die PR-Offensive trotz des starken medialen Auftritts auf halber Strecke stecken. Dass Biden das Ende der Pipeline angekündigt habe, melden am Dienstag die amerikanischen Zeitungen groß. Der deutsche Kanzler, ergänzt die „New York Times“ beiläufig, sei weiter „vage“ geblieben.

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.