Nowitschok: Die düstere Logik des quälenden Gifts

“Sie haben sich als so barbarisch und rücksichtslos erwiesen, wie ihre ärgsten Feinde es behauptet haben”: Der im Jahr 2006 vergiftete Regimekritiker Alexander Litwinenko schrieb, als seine Kräfte schon nachließen, in der Intensivstation eines britischen Krankenhauses einen offenen Brief an Wladimir Putin.

“Sie haben sich als so barbarisch und rücksichtslos erwiesen, wie ihre ärgsten Feinde es behauptet haben”: Der im Jahr 2006 vergiftete Regimekritiker Alexander Litwinenko schrieb, als seine Kräfte schon nachließen, in der Intensivstation eines britischen Krankenhauses einen offenen Brief an Wladimir Putin.

Während dieser Text geschrieben wird, liegt Alexej Nawalny in der Intensivstation der Berliner Charité und wird maschinell beatmet.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ob der 44-Jährige die Vergiftung durch Nowitschok, einen in der Sowjetunion entwickelten chemischen Kampfstoff, übersteht – und wenn ja, mit welchen Langzeitfolgen –, weiß kein Mensch.

Was aber wissen wir?

Wir wissen, dass Russland in den vergangenen Jahren immer wieder zu Gift gegriffen hat, um ein Zeichen zu setzen – gegen Menschen, die ernsthaft die Macht Wladimir Putins infrage stellen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Gift gilt in Moskau auch als die gerechte Strafe für Überläufer aus dem russischen Geheimdienst.

Sergei Wiktorowitsch Skripal, der sich dem britischen MI 6 anvertraut hatte, sank am 4. März 2018 auf einer Parkbank in seinem britischen Wohnort Salisbury bewusstlos nieder. Am 12. März verkündete Premierministerin Theresa May: Nowitschok war im Spiel. Im September 2018 wurde ein europäischer Haftbefehl erlassen gegen zwei russische Agenten, die sich zur fraglichen Zeit sogar vor Überwachungskameras gezeigt hatten. Ihre Legende: Zwei Russen, die Urlaub haben, gucken sich einfach mal die Sehenswürdigkeiten von Salisbury an. Dort gibt es immerhin eine Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert.

Moskaus Machthaber lachen sich tot

Sehr wahrscheinlich (”highly likely”) sei es, dass Moskau den Anschlag auf Skripal in Auftrag gegeben habe, sagte May damals. Über diese Formulierung lachen die dortigen Machthaber sich bis heute tot: Was ist nicht alles “highly likely” im Leben? Grinsend nahm der intellektuell brillante russische Außenminister Sergei Lawrow diese Aussage Mays schon mehrfach aufs Korn.

Hat irgendjemand einen Beweis? Russlands Präsident Wladimir Putin.

Hat irgendjemand einen Beweis? Russlands Präsident Wladimir Putin.

Ach, dieser Westen. Ist seine ewige kleinkarierte Suche nach Wahrheit und Gewissheit nicht schon immer seine größte Schwäche gewesen? Viel eleganter ist es doch, achselzuckend Macht durch Doppeldeutigkeit zu demonstrieren.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Im Fall Nawalny blickt Putin jetzt einmal mehr mit kühlen blauen Augen in die Welt und fragt: Hat irgendjemand einen Beweis? Den hat tatsächlich niemand.

Wir blicken aber auf Muster. Boris Nemzow, Anna Politkowskaja und Selemkin Changoschwili, Letzterer per Kopfschuss hingemordet am helllichten Tag im Berliner Tiergarten: Sie alle waren Gegner Putins, und sie alle starben kurioserweise einen rätselhaften Tod.

Bei manchen zog sich das Leiden unmenschlich lange hin, etwa bei Alexander Litwinenko. Der hatte sich im Londoner Asyl erlaubt, Putin immer wieder zu kritisieren. Am 3. November 2006 kam er mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus, nach drei qualvollen Wochen war er tot. Todesursache: Polonium in einer Tasse Tee.

“Sie werden es vielleicht schaffen, mich zum Schweigen zu bringen”, schrieb Litwinenko, schon kahlköpfig, in einem an Putin gerichteten Abschiedsbrief. “Aber dieses Schweigen hat einen Preis. Sie haben sich als so barbarisch und rücksichtslos erwiesen, wie Ihre ärgsten Feinde es behauptet haben.”

Der Gewinner der Affäre Litwinenko war Putin

Doch was hat Litwinenko wirklich bewegen können? Gewiss, anfangs war das Mitleid im Westen groß mit dem sterbenden Russen, der seine Frau Marina hinterließ und einen zehn Jahre alten Sohn.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wenige Wochen später aber, als die Gefühlsaufwallungen sich wieder gelegt hatten, war klar, dass der Gewinner der Affäre Litwinenko in Moskau sitzt. Putin hatte seine Macht gefestigt – nicht trotz, sondern gerade wegen des grausigen Todes seines Gegners.

Der gleichen düsteren Logik fiel jetzt Nawalny zum Opfer. Man hätte ihn einfach erschießen können. Doch dann wäre alles zu schnell gegangen. Erschießen kann jeder jeden. Mit Nowitschok aber ist, wie damals mit dem Polonium, die Abschreckungswirkung maximal. Ein Gift, das nicht jeder zur Hand hat, wirkt wie die absichtlich hinterlassene Signatur staatlicher Stellen. Und der nun eingetretene lebensgefährliche Schwebezustand des Patienten lässt den Horror wachsen, wochenlang, in Russland selbst, aber auch in aller Welt.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Am Donnerstagmorgen fragte Deutschlandfunk-Moderator Christoph Heinemann zum Fall Nawalny den CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen: “Herr Röttgen, jeder Mensch verbindet Nowitschok mit Russland. Wieso sollten mutmaßlich mörderische russische Behörden so plump handeln?” Röttgen gab die richtige Antwort: “Das ist nicht plump, sondern es ist die Intention. Es ist die Absicht der russischen Spitze, nicht nur den Einzelnen zur Strecke zu bringen, auszuschalten, zum Schweigen zu bringen, sondern ein Zeichen zu setzen, eine Botschaft zu vermitteln.”

Ein Grüner sieht “Sadismus auf offener Bühne”

Oft glauben Menschen im Westen, brutalen Herrschern sei ihre Brutalität peinlich. In Wahrheit liegt gerade darin der Clou. Immer wieder wurden in der Geschichte gerade jene Anführer am meisten gefürchtet, die die größten Grausamkeiten zu begehen bereit waren. Der bloße Tod erschien den Herrschenden oft als zu geringe Strafe für Aufständische. Es ging stets auch um das Wie ihres Sterbens, um eine Verlängerung ihres Leidens.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Dies ist der Grund, warum man im Römischen Reich Missliebige, auch einen gewissen Jesus von Nazareth, an weithin sichtbare Holzkreuze schlug. Dies ist auch der Grund, warum man anderswo durch Steinigungen Bestrafte zu entwürdigen suchte. Solches Denken setzt sich fort, wenn ein Staat im 21. Jahrhundert einen Kritiker vergiftet wie eine Ratte und dann zusieht, wie er sich tage- oder wochenlang quält.

Ralfs Fücks, ein langjähriger Russland-Kritiker aus den Reihen der Grünen, sieht in der Verwendung von Nowitschok “Sadismus auf offener Bühne”. Das Opfer erlebe den eigenen Todeskampf, auch für Angehörige und Freunde beginne eine furchbare Zeit: “Es ging nicht darum, Nawalny möglichst geräuschlos zu beseitigen. Ganz im Gegenteil: Die Tat sollte Angst und Schrecken verbreiten.”

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Das Beklemmende ist: In all dem liegt mehr als nur eine Drohgebärde nach innen. Putins Psycho-Attacken zielten schon immer auch auf Hirne und Herzen der Menschen im Westen: Die Welt soll vor ihm erzittern.

Aber tut sie das noch immer? Oder dreht sich jetzt etwas?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ende August hielt das Magazin “Economist” fest, dass Putin mittlerweile an vielen Fronten in die Defensive geraten ist wie nie zuvor. Tatsächlich schmiert die russische Wirtschaft ab, der Rubel hat in diesem Jahr fast 30 Prozent seines Werts verloren, und in pazifischen Provinzregionen rebelliert die Bevölkerung. Hinzu kommt die neue Herausforderung der postsowjetischen Autokraten Putin und Lukaschenko durch die Unruhen in Minsk.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Moskauer Szene: grell, modern – und zynisch

Noch allerdings hat sich die neue politische und ökonomische Schwäche Russlands nicht überall herumgesprochen, am wenigsten bei der schicken neuen tonangebenden Schicht in Moskau.

Die höhnische Art, mit der diese Kreise auf Nawalnys Vergiftung reagiert haben, macht sprachlos. Die Chefredakteurin des Propagandasenders RT zum Beispiel twitterte, für Nawalnys Bewusstlosigkeit könne vielleicht auch Glukosemangel verantwortlich sein. Sie selbst habe für solche Fälle vorsichtshalber immer eine Praline dabei.

Es sind Grüße aus einer elitären neuen Moskauer Szene, grell und modern, die von Putin und Lawrow über viele Jahre hinweg zu Zynismus pur erzogen wurde.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.


Putins Tage gehen irgendwann zu Ende

Europa muss all diese Botschaften aus Russland jetzt endlich sortieren, übersetzen – und eine gemeinsame Antwort finden.

Der Tag

Der Tag

Die Themen des Tages und besondere Leseempfehlungen: Das Nachrichten-Briefing vom RedaktionsNetzwerk Deutschland. Jeden Morgen um 7 Uhr.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Einerseits gilt es, einen neuen Ernst der Lage anzuerkennen: Der Anschlag auf Nawalny ist nicht nur ein Anschlag auf einen russischen Regimekritiker. Er ist ein Anschlag auf die Zivilisation, auf die Menschenwürde, auf die Freiheit. Er ist ein Anschlag auf uns alle. Nichts kann im Verhältnis zu Russland so weitergehen wie bisher, bevor dieser Fall aufgeklärt ist und rechtsstaatskonforme Konsequenzen daraus gezogen wurden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Zugleich aber bleibt jetzt Besonnenheit gefragt, Haltung, Selbstbewusstsein. Immer wieder hat sich in der Geschichte gezeigt, dass Herrscher, die Angst zu verbreiten suchten, ihrerseits Angst hatten.

Putin weiß, welche Grenzen ihm gesetzt sind. Seine Tage im Kreml gehen irgendwann zu Ende. Den Ruf von Menschen in seinem Land nach Freiheit aber wird es immer wieder geben.


Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen