Kampf gegen sexualisierte Gewalt

So will die neue Missbrauchsbeauftrage Kerstin Claus Kinder besser schützen

Kerstin Claus, die neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), gibt im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ihre Antrittspressekonferenz.

Kerstin Claus, die neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), gibt im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ihre Antrittspressekonferenz.

Berlin. Die Botschaft der neuen Missbrauchsbeauftragten ist klar: „Ich kämpfe dafür, sichtbar zu machen, dass sexueller Missbrauch jede und jeden angeht“, sagt Kerstin Claus, die neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) am Dienstag bei ihrer Antrittspressekonferenz im Berliner Familienministerium. Claus arbeitete zuvor als Journalistin und engagiert sich bereits seit vielen Jahren im Kampf gegen sexualisierte Gewalt – auch weil sie in ihrer Jugend selbst Gewalterfahrungen machen musste.

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Sexualisierte Gewalt sei keine Impulsivhandlung, sondern sei strategisch geplant, erklärt sie. Die Tatorte seien vielfältig: Sportvereine, Kirchen und Campingplätze waren zuletzt im Fokus der Öffentlichkeit. Doch auch neben dem Tatort Familie gäbe es viele weitere: „Wir alle müssen lernen, für möglich zu halten, dass sexualisierte Gewalt in unserem ganz persönlichen Umfeld stattfindet, dass wir alle mit großer Wahrscheinlichkeit betroffene Kinder und wahrscheinlich auch Täter und Täterinnen kennen. Nur wer das begreift, wird Missbrauch wahrnehmen, sich zuständig fühlen und bereit sein zu handeln.“

Start der Aufklärungskampagne im Herbst

Claus’ Ziel ist es, das Bewusstsein für sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft zu stärken, damit Kinder und Jugendliche besser geschützt und Taten schneller aufgedeckt werden können. Den Bewusstseinswandel will Claus mit einer auf mehrere Jahre angelegte Aufklärungskampagne erreichen. Die hatte bereits 2020 ihr Vorgänger Johannes-Wilhelm Rörig mit der damaligen Bundesfamilienministerin Franziska Giffey auf den Weg gebracht. Das Problem: Trotz früherer Zusagen fehle es aktuell an Finanzierungszusagen von rund 5 Millionen Euro jährlich über 2022 hinaus.

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Sexueller Missbrauch sei noch immer ein Tabuthema: „Noch immer wird die ganz konkrete Bedrohung von so vielen Kindern und Jugendlichen verdrängt und weggeschoben“, kritisiert Claus. Die Kampagne wolle genau diese Haltung des Verdrängens durchbrechen: „Damit dies gelingen kann, müssen wir dieses Thema immer wieder neu zu den Menschen bringen“, sagt die Beauftragte.

Lagebild mit Daten aus den einzelnen Ländern

Eines ihrer zentralen Ziele sei es, ein Lagebild zu Präventions-, Interventions- und Aufarbeitungsmaßnahmen auch mit Daten aus den einzelnen Bundesländern zusammenzuführen: „Denkbar wäre eine Schulbefragung in Absprache mit der Kultusministerkonferenz. Denn die würde uns ein komplettes Bild ermöglichen und auch zeigen können, welche Hilfsangebote Kinder und Jugendliche überhaupt schon wahrnehmen und wo wir nachbessern müssen.“

Auch eine Dunkelfeldstudie mit bundesweitem Fokus will Claus vorantreiben: „Es ist ein Skandal, dass wir selbst im Jahr 2022 noch immer keine verlässlichen Zahlen zum Ausmaß von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche haben. Und das, obwohl wir wissen, dass die in den verschiedenen Systemen erfassten Fälle, das Hellfeld, nur ein Bruchteil der tatsächlichen Zahlen darstellt.“

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Vorbeugen von Missbrauchsfällen

In den vergangenen Jahren hätten diverse Fälle gezeigt, was es heiße, wenn „zu spät interveniert wird, weil Strukturen im Kinderschutz sich nicht effektiv vernetzen und Hinweisen nicht konsequent nachgegangen wird“.

In Staufen bei Freiburg war beispielsweise ein Kind über Jahre im Darknet angeboten und von Fremden, der eigenen Mutter und deren Freund missbraucht worden. Der Fall des hundertfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz im ostwestfälischen Lügde sorgte bundesweit für Entsetzen.

„Rund 14 Millionen Kinder und Jugendliche leben in Deutschland. Wenn wir sie ausreichend schützen wollen, müssen die Strukturen um das Kind herum funktionieren“, betont Claus.

12.05.2022, USA, Imperial Beach: Ashley Maddox füttert ihren fünf Monate alten Sohn Cole mit Säuglingsnahrung, die sie über eine Facebook-Gruppe für Mütter in Not gekauft hat. «Ich habe mich mit einer Frau aus meiner Gruppe in Verbindung gesetzt, und sie hatte sieben Dosen der von mir benötigten Säuglingsnahrung in ihrem Haus stehen, die ihr Baby nicht mehr brauchte», sagte sie. «Also fuhr ich los, es waren etwa 20 Minuten Fahrt, holte sie ab und bezahlte sie. Es war ein Wunder.» Wegen dramatischer Engpässe bei Säuglingsmilchnahrung in den USA hat sich US-Präsident Biden eingeschaltet, um die Versorgung zu gewährleisten. Foto: Gregory Bull/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Leere Regale: Den USA geht die Babymilch aus – Präsident Biden unter Druck

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Ausbau von Beratungsstellen in den einzelnen Bundesländern

Notwendig seien starke Netzwerke, Schutzkonzepte und verlässliche Hilfen für Betroffene. Die müssten über die gesamte Lebensspanne niedrigschwellig zur Verfügung stehen: „Hierfür müssen wir diejenigen stärken, die sich vor Ort gegen sexuelle Gewalt engagieren: die Beratungsstellen, die Kinder- und Jugendhilfe, die Ermittlungsbehörden und auch Ausbildungseinrichtungen, zum Beispiel für soziale und pädagogische Fachkräfte – dies sind alles Strukturen, die in Länderverantwortung liegen und dort ressortübergreifend weiter ausgebaut werden sollten.“ Insbesondere in ländlichen Gebieten sieht Claus Nachbesserungsbedarf.

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Arbeit mit Betroffenenräten

Sie will zudem die Betroffenenräte bestmöglich mit einbeziehen. Es brauche einen konsequenten Austausch zwischen der Politik und Betroffenen, auch auf Länderebene: „Betroffene wissen, was geholfen hätte, die Taten zu verhindern oder wenigstens die Folgen bestmöglich zu minimieren“, ist sich Claus sicher.

Hilfe für Betroffene gibt es hier: www.hilfe-portal-missbrauch.de sowie über das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch Tel. 0800 22 55 530 (kostenfrei und anonym).

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