Nach Angriffen im Dezember: Afghanistans Taliban bremsen pakistanischen Ableger nicht

Ein pakistanischer Soldat (r.) und Kämpfer der Taliban stehen Wache an einem Grenzübergang zwischen Pakistan und Afghanistan in der Provinz Khyber auf den jeweiligen Seiten der Länder.

Ein pakistanischer Soldat (r.) und Kämpfer der Taliban stehen Wache an einem Grenzübergang zwischen Pakistan und Afghanistan in der Provinz Khyber auf den jeweiligen Seiten der Länder.

Peshawar. Jedes Jahr am 17. Januar backt die Pakistanerin Shahana einen Kuchen und lädt Freunde in ihr Haus in der Stadt Peshawar ein. Sie singen „Happy Birthday“ zu Ehren ihres Sohnes, zünden sogar eine Kerze für ihn an. Aber es ist ein Geburtstag ohne das Geburtstagskind. Shahanas Sohn Asfand Khan war 15 Jahre alt, als bewaffnete Männer im Dezember 2014 die vom Militär betriebene öffentliche Schule überfielen, die er besuchte. Sie töteten 150 Menschen, die meisten Schüler. Asfand wurde drei Mal in den Kopf geschossen.

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Die Angreifer waren pakistanische Taliban, die jetzt, sieben Jahre später, ihre Attacken wieder verstärkt haben - anscheinend ermutigt durch die Rückkehr von Afghanistans Taliban an die Macht in Kabul. In der letzten Dezember-Woche 2021 töteten sie im Zuge mehrerer Angriffe acht pakistanische Militärangehörige. Zwei weitere pakistanische Soldaten wurden am Mittwoch bei einer Attacke auf einen Taliban-Außenposten erschossen.

UN-Report warnte vor Neuorganisation der TTP

Die pakistanischen Taliban, bekannt unter dem Kürzel TTP, sind stetig dabei, sich neu zu organisieren, wie die UN bereits im vergangenen Juli in einem Report gewarnt haben. Demnach haben ihre Anführer ihr Hauptquartier in Afghanistan, aber die dortigen Taliban bislang nichts getan, um sie auszuweisen oder daran zu hindern, Angriffe auf pakistanischem Boden auszuführen. Das, obwohl ihre Untätigkeit Pakistans Bemühungen untergräbt, die Welt zu Kontakten mit den neuen afghanischen Herrschern zu ermutigen und das Nachbarland vor einem völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu retten.

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Zahlreiche militante Gruppen haben in Afghanistan im Zuge von mehr als vier Jahrzehnten Krieg Zuflucht gefunden, und einige von ihnen wie die TTP sind ehemalige Kampfverbündete der afghanischen Taliban. Diese haben sich unwillig oder unfähig gezeigt, gegen sie vorzugehen - mit einer einzigen Ausnahme, dem einheimischen Ableger des Islamischen Staates. Er ist der Feind der Taliban, führt eine Kampagne der Gewalt gegen sie und seit Jahren gegen Afghanistans Minderheit der schiitischen Muslime. Hunderte sind in Dutzenden Attacken gegen Schulen, Moscheen und sogar eine Entbindungsklinik ums Leben gekommen.

Al-Kaida ohne Führung

Auch die USA betrachten den IS-Ableger, kurz IS-K, als eine größere militante Herausforderung, die aus Afghanistan erwachsen ist. Der Langzeit-Verbündete der Taliban, die Terrororganisation Al-Kaida, wird nicht als eine starke Bedrohung angesehen. Sehen militärische Führungspersonen in den USA auch Anzeichen für ein mögliches leichtes Anwachsen der Gruppe, scheint sie fast ruderlos zu sein, ihr Anführer Aiman al-Sawahiri ist den UN zufolge zwar am Leben, jedoch nicht bei guter Gesundheit.

Aber genügend andere in Afghanistan angesiedelte militante Gruppen lösen unter Nachbarn Besorgnisse aus. Russland und zentralasiatische Nationen sind über die Islamische Bewegung von Usbekistan beunruhigt, die in den vergangenen Jahren Mitstreiter aus den Reihen ethnischer Usbeken in Afghanistan rekrutiert hat. Für Pakistan ist es die TTP, kurz für Tehrik-i-Taliban Pakistan (Bewegung der pakistanischen Taliban). Die Gruppe hat einige der schlimmsten Terrorattacken in Pakistan ausgeübt, darunter der Schulangriff 2014.

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Anhänger der militant-islamistischen Taliban marschieren in Pakistan mit ihren weißen Fahnen in der Nähe der afghanisch-pakistanischen Grenzen.

Anhänger der militant-islamistischen Taliban marschieren in Pakistan mit ihren weißen Fahnen in der Nähe der afghanisch-pakistanischen Grenzen.

Asien-Experte: „Die meisten der Terrorgruppen in Afghanistan sind Taliban-Verbündete“

Dem UN-Report vom vergangenen Juli zufolge liegt die Zahl ihrer Kämpfer zwischen 4.000 und 10.000. Und sie hat ihre Rekrutierung in Pakistan ausgeweitet, über frühere Stammesgebiete an der Grenze hinaus, wo sie traditionell Mitkämpfer gefunden hat, wie Amir Rana von der unabhängigen Denkfabrik Pakistan Institute of Peace Studies in Islamabad sagt.

Analysten werten die Abneigung der Taliban, gegen die TTP durchzugreifen, als ein schlechtes Omen für ihre Bereitschaft, gegen die vielen anderen militanten Gruppen in Afghanistan vorzugehen. „Die schlichte Wahrheit ist, dass abgesehen von IS-K die meisten der Terrorgruppen, die in Afghanistan operieren, Taliban-Verbündete sind“, sagt Asien-Experte Michael Kugelman vom Wilson Center in Washington. „Und die Taliban werden kaum ihre Waffen gegen ihre Freunde richten, auch wenn es wachsenden Druck von regionalen Spielern und dem Westen gibt.“

In der pakistanischen Stadt Quetta kamen mehrere Menschen durch islamistische Attentate ums Leben.

In der pakistanischen Stadt Quetta kamen mehrere Menschen durch islamistische Attentate ums Leben.

Pakistan besorgt vor Flüchtlingswelle

Pakistan seinerseits glaubt Analysten zufolge, dass die ihm von der TTP zugefügten Verluste dem Risiko vorzuziehen sind, Afghanistans Herrscher durch das Ausüben von Druck in dieser Frage zu untergraben. Ein Zusammenbruch würde eine Flut von Flüchtlingen erzeugen, und Pakistan könnte dann sehr wohl deren erste Station werden. Islamabad warnt aber auch, dass Europa und Nordamerika ihr bevorzugtes Ziel wären.

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Die pakistanische Regierung hat unlängst versucht, mit der TTP zu verhandeln, aber die Gespräche brachen zusammen. Rana vom Pakistan Institute of Peace Studies sagt, dass der Kurs, Gespräche mit der TTP zu führen und sie zugleich zu attackieren, „verwirrend“ sei und ähnlich gesinnte Rebellen in beiden Ländern ermutigen könnte.

Verflechtungen des Militärs mit der Taliban

Derweil wächst der Druck aus dem Ausland auf Islamabad, von den afghanischen Taliban die Auslieferung der TTP-Anführer zu verlangen. Aber Pakistans Beziehung zu den Taliban ist kompliziert. Sein mächtiges Militär, das die Afghanistan-Politik des Landes lenkt, hat Verbindungen zur Taliban-Führung, die mehr als 40 Jahre zurückgreifen. Damals, zusammen mit den USA, bekämpfte man die seinerzeitigen sowjetischen Invasoren. Und nach der US-geführten Invasion in Afghanistan lebten Taliban-Anführer mit ihren Familien in Pakistan, während sie ihren Aufstand gegen Kabul führten.

Und so wächst denn unter vielen Pakistanern die Furcht vor einer Rückkehr der schrecklichen Gewalt, die die TTP in der Vergangenheit verübt hat - und Shahana ihren Sohn raubte.

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RND/AP

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