875. Stadtgeburtstag Moskaus

Pompöses Ablenkungsmanöver

Eine Artistin performt beim 875. Geburtstag der Stadt Moskau.

Eine Artistin performt beim 875. Geburtstag der Stadt Moskau.

Moskau. Pünktlich zu Beginn des meteorologischen Herbstes ist es kühl geworden in Moskau. Herrschten bis Ende August stetig Temperaturen von 30 Grad und darüber, so zeigte das Thermometer Anfang September schlagartig nur noch zwölf Grad an.

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Doch zum 875. Stadtgeburtstag, den die Megastadt an diesem Samstag und Sonntag feierte, spielte das Wetter hervorragend mit: Bei strahlendem Sonnenschein und 16 Grad Celsius herrschten ideale Bedingungen für die vielen Freiluftaktivitäten, die die kommunale Verwaltung für den Jubeltag organisiert hatte. So konnten die Bürger etwa die Twerskaja-Straße ausnahmsweise mal ganz für sich beanspruchen, denn die zentrale Magistrale der Stadt am Kreml war für Autos gesperrt.

Da, wo normalerweise der Verkehr brandet, standen Themenbanner, Lichtinstallationen, skurrile Kunstobjekte und Blumenbögen. Auf dem Zentralen Telegrafenamt, einem der Markenzeichen der Straße, gaben meterhohe Videos Auskunft über Moskaus viele Sehenswürdigkeiten. Titelmelodien populärer Filme schallten von einer der zahlreichen Bühnen, Kinder konnten Malkurse absolvieren und Erwachsene eine Fahrt als Lokführer im derzeit modernsten Metrotriebwagen der Stadt simulieren, dem „Moskau-2020″.

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Modenschau beim 875. Stadtgeburtstag in Moskau.

Modenschau beim 875. Stadtgeburtstag in Moskau.

Ein Riesenherz und viel Fürsorge

Im Gorki-Park richtete das Festival „Stadt der Fürsorge“ eine Art zentralen Tag der offenen Tür für gemeinnützige Organisationen aus, die etwa Behinderten helfen, herrenlose Tiere aufsammeln und armutsbedrohte Rentner versorgen. Auf einer großen Bühne munterte ein Animateur im Rahmen von „olympischen Übungen“ die Besucher dazu auf, linke und rechte Haken zu üben, wie sie Boxsportler austeilen.

Auf der weitflächigen „Dauerausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“ (WDNCh), auf der schon die Sowjetunion ihre Erfolge in der Raumfahrt gefeiert hatte, bot eine interaktive Karte Moskaus jedem Besucher die Möglichkeit, seinen Lieblingsort in der Stadt zu markieren. Außerdem wurden die Moskowiter aufgefordert, gemeinsam mit Kreide ein Herz von 1500 Quadratmetern auf den Asphalt zu malen und damit einen neuen russischen Rekord aufzustellen.

Putin: Russland hat durch das Vorgehen in der Ukraine nichts verloren

Der russische Präsident betonte auf einem Wirtschaftstreffen in Wladiwostok, Russland werde seine Souveränität stärken.

Ebenfalls auf dem WDNCh-Gelände eröffnete Wladimir Putin ein neues und mit einer Höhe von 104 Metern das nun höchste Riesenrad Europas. Der Staatspräsident war dafür mit einem Video zugeschaltet, er selbst hielt sich 15 Autokilometer entfernt am Luschniki-Stadion auf – einem weiteren Feierort, wo er ein Sportzentrum für Sambo und Boxen in Betrieb nahm.

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Größerer Menschenauflauf als vor Corona

Am Abend desselben Tages kam außerdem enorm viel Pyrotechnik zum Einsatz: Feuerwerke an 23 Orten erleuchteten den Nachthimmel über der ganzen Stadt, wofür 30.000 Raketen in die Luft geschossen wurden.

Insgesamt richtete Russlands Hauptstadt 200 große und kostenfreie Festveranstaltungen aus – auf Straßen, Plätzen, in Parks, Museen, Ausstellungshallen, Bibliotheken und Theatern in allen Bezirken der Metropole. Viele umschwärmte Musiker traten auf: Neben MTV-Russia-Music-Award-Gewinnerin Walerija, dem Rapper GeeGun und Oleg Miami, der Russland 2018 im North Vision Song Contest vertreten hatte, luden viele weitere populäre Künstler zu Gratisauftritten ein.

Damit fiel der Stadtgeburtstag Moskaus 2022 deutlich pompöser aus als in den zwei Vorjahren, als Corona derartigen öffentlichen Feiern im Wege gestanden hatte. Allerdings war der Menschenauflauf in diesem Jahr auch merklich größer als in der Vorpandemiezeit des Jahres 2019. Das lag daran, dass die Stadt einen größeren Aufwand betrieb, schließlich handelte es sich mit dem 875. Jahrestag um ein halbrundes Jubiläum.

Moskauer in Donezk, Donezker in Moskau

Der Gedanke, dass sich bombastische Feiern in einer Zeit verbieten, in der Menschen nur 1000 Kilometer entfernt durch russische Waffen sterben, spielte bei den Ausrichtern der Feierlichkeiten erwartungsgemäß keine Rolle – im Gegenteil, sie schlachteten die Vorgänge in der Ukraine sogar propagandistisch aus. So stand ein Teil der Veranstaltungen auf der Twerskaja-Straße unter dem Motto „Moskau – Donbass“: 36 Installationen und Skulpturen sollten den Feiernden die engen historischen Verbindungen vor Augen führen, die zwischen ihrer Stadt und dem derzeit von russischen Truppen zum Teil besetzten Donbass-Gebiet bestehen. So wurde etwa ein Modell des Kinos „Sieg“ ausgestellt, das der Moskauer Architekt Wladimir Schtscherbakow in den 1950er-Jahren für die Stadt Donezk entworfen hatte. Eine Skulptur des Komponisten Sergei Prokowjew, der viele Jahre seines Lebens in Russland verbracht hat, sollte verdeutlichen, dass er aus dem Oblast Donezk stammte.

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Ukrainische Streitkräfte erobern wichtige Stützpunkte im Nordosten zurück

Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte am Samstag den Rückzug seiner Kräfte aus der Stadt Isjum in der Region Charkiw.

Auch die Feiernden selbst ließen sich die Laune wegen der Kampfhandlungen in der Ukraine in aller Regel nicht verderben – und das, obwohl die militärische Lage der russischen Armee in den umkämpften Gebieten derzeit alles andere als verheißungsvoll erscheint. Tatjana Rodionowa etwa zeigte sich beglückt über die persönlichen Erfolge, die sie mit dem Projekt „Langlebigkeit in Moskau“ erzielt. Die Aktion, die darauf ausgerichtet ist, die Lebenszufriedenheit und -dauer von Menschen zu erhöhen, stellte sich im Sarjadje-Park vor, der zeitgleich mit dem Moskauer Stadtgeburtstag das fünfte Jahr seines Bestehens feierte.

„Es ist, als ob ich in die Kindheit zurückgekehrt wäre, als alles einfach und leicht war“, sagte die fünffache Großmutter dem Moskauer Stadtteilportal „Nowije Okruga“ („Neue Stadtviertel“). Erst vor einem Monat hatte Rodionowa mit der 57-jährigen Anna Gawrilowa unter Vermittlung der Langlebigkeitskampagne das Gesangsduett Melodija gegründet. Nun traten die beiden mit dem bisher einzigen Lied ihres Repertoires bei einem Gesangswettbewerb im Sarjadje-Park an und holten mit „Zwei Seelen“ den zweiten Platz.

Ein Geburtstagsgruß klingt anders

Für Gedanken an die allgemein gesunkene Lebenserwartung in der Ukraine schien da wenig Platz zu sein. Ein weiterer Sänger sorgte bei seinem Auftritt dann allerdings doch dafür, die allgegenwärtige Unbekümmertheit bei diesem Stadtgeburtstag zu stören: Bei seinem Konzert im Luschniki-Stadion am Samstagabend provozierte der Ska-Punker Sergei Schnurow seine Zuhörerschaft mit dem Lied „Moskau, für wen läuten deine Glocken?“.

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Der Song stammt von der Band Leningrad, die Schnurow 1997 gegründet hat und die ihn 2012 auf ihrem Album „Riba“ („Fisch“) veröffentlichte: In den ersten fünf Strophen des Stücks heißt es:

„Gestern hatte ich einen wunderschönen Traum.

Moskau brannte vollständig nieder.

Feuer auf dem Roten Platz,

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Und das ehemalige Wahlkomitee schwelt.

Keiner hat überlebt – alle sind verbrannt.“

Das klang nicht nach einem Geburtstagsgruß und zog in den sozialen Netzwerken die Diskussion nach sich, was Schnurow gemeint haben könnte. Ging es ihm allgemein um die Situation der Menschen in der Ukraine, oder bedauerte er die jüngsten Meldungen vom Rückzug russischer Truppen, die nicht gefeiert werden dürften?

Kreml-naher Journalist erhofft Absage des Feuerwerks

„Ich glaube, ich verstehe da gerade etwas nicht ganz richtig“, schrieb der Kreml-nahe Radiomoderator Michail Schachnazarow in seinem Telegram-Kanal. „Ich werde versuchen, mir einen Reim drauf zu machen, und dann Schlussfolgerungen ziehen.“

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Deutlicher wurde der Journalist Artjom Scheinin auf Telegram: „Ich habe bis zum Schluss gewartet und gehofft, dass wenigstens das festliche Feuerwerk in Moskau heute ausfallen würde“, schrieb er. „Das Schlüsselwort ist HEUTE. Heute, nachdem unsere Truppen, unter welchen Umständen auch immer, einen ziemlich großen Teil der befreiten Gebiete mit mehreren Städten verlassen haben. Heute, wo Zehntausende von Menschen in diesen Gebieten entweder gezwungen sind, dringend evakuiert zu werden, oder entsetzt darauf warten, was nun nach der Ankunft der ukrainischen Nazis mit ihnen geschehen wird.“

Etwas Unruhe herrschte beim Moskauer Stadtgeburtstag aufgrund der allgemeinen Lage also doch – auch wenn die Behörden alles dafür taten, eine möglichst heile Welt zu suggerieren.

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