Stromsparen mit Kretschmann

„Cleverländ“-Kampagne: „Es fehlt an Gespür für die sozial unterprivilegierte Klientel“

Winfried Kretschmann spricht zum Auftakt der Energiesparkampagne „Cleverländ“ an einem Infostand der baden-württembergischen Gartenschau. Links neben ihm: Innenminister Thomas Strobl.

Winfried Kretschmann spricht zum Auftakt der Energiesparkampagne „Cleverländ“ an einem Infostand der baden-württembergischen Gartenschau. Links neben ihm: Innenminister Thomas Strobl.

Der ältere, freundlich aussehende Herr im Sakko hält den Daumen in die Kamera. „Schon ein Grad weniger Heizen spart sechs Prozent mehr Energie.“ Sanfte Hintergrundmusik, ein heller, steril wirkender Raum. Zuvor hat er sich etwas ungelenk vor eine Heizung gekniet und das Thermostat runtergedreht.

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„Tagsüber, wenn Sie sich in der Wohnung aufhalten, wird geheizt. Und nachts, wenn alle schlafen, wir die Heizung runtergefahren.“ Ein eingeblendeter Pfeil zeigt die korrekte Drehrichtung des Reglers an.

Die Botschaft: Energiesparen, es kann so einfach sein.

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Der Herr im Sakko ist Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Das Video entstammt der neuen Energiesparkampagne seines grün regierten Bundeslands: „Cleverländ“. Der von Kretschmann im Clip verkündete Slogan: „Man muss kein Cleverle sein, um Energie zu sparen – aber es ist clever, Energie zu sparen.“

„Dieser Beitrag ist eine Beleidigung meiner Intelligenz“

Angesichts steigender Preise sicher hilfreich. Doch die Präsentation im Stil seichter YouTube-Werbespots in Kombination mit dem simpel anmutenden Tipp, die Heizung nachts auszuschalten, kam nicht gut an.

Top-Kommentar unter dem Video: „Jedes Mal, wenn man denkt, dass es nicht peinlicher werden kann, schafft ihr es, uns vom Gegenteil zu überzeugen! Weiter so, liebe Rägierung!“ Mehr als 400 Likes.

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Nach vielen deftigen Kommentaren bat die Landesregierung auf YouTube, sich doch bitte an die Community-Richtlinien zu halten. Man freue sich über „konstruktive Reaktionen“. Antwort einer Userin: „Ich würde mich schon über konstruktive Beiträge freuen, nicht solche, die uns Bürger wie kleine, unmündige Kinder behandeln! Dieser Beitrag ist eine Beleidigung an meine Intelligenz!“ Ein anderer schreibt: „Sie sollten ihre Richtlinien durch den Begriff Verhöhnung erweitern.“

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Viele, die vielleicht sowieso schon seit Wochen sparen, fühlen sich verschaukelt, wenn ein Spitzenpolitiker im feinen Zwirn Energiespartipps von der Stange präsentiert. Die Landesregierung hat ein ganzes „Energiesparbüchle“ mit Hinweisen zusammengestellt, darunter: mit Topfdeckel kochen oder Stoßlüften.

Seitdem hagelt es Kritik. Hat Kretschmann das nicht kommen sehen?

Kretschmann und sein „Waschlappen-Tipp“

„Das Problem ist nicht die Botschaft, sondern der Botschafter“, sagt der Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje. Er berät Bundesministerien, Parteien und Verbände. Kretschmanns Auftritt, sagt Hillje, sei eine „Überreizung der Landesvaterrolle“.

Besser wäre es gewesen, Bürgerinnen oder Bürger, Handwerker oder die Verbraucherzentrale hätten den Heizungstipp präsentiert. „Politiker sind berufsbedingt besser gestellt in der Gesellschaft. Wer den Bürgern solch triviale Tipps gibt, läuft Gefahr, weltfremd zu wirken.“

Das Problem ist nicht die Botschaft, sondern der Botschafter

Johannes Hillje,

Politikberater

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Dabei sei Kretschmann persönlich sicher überzeugt davon, dass es noch Potenzial zum Energiesparen gibt, meint Hillje. Das soll auch der Beginn des „Cleverländ“-Videos zeigen. Eingeblendet wird eine Aufnahme des jungen, dunkelhaarigen Winfried in 70er-Jahre-Optik. Er überlegt, wie eine „Klosettspülung“ sparsamer gestaltet werden könnte. Lösung: eine „Zweistufenregelung“.

Es gibt eine gewisse Kontinuität beim Ministerpräsidenten in Sachen Energiespartipps. Man müsse nicht dauernd duschen, sagte er neulich in einem Interview mit der „Südwest Presse“. Auch der Waschlappen sei eine „brauchbare Erfindung“. Die Reaktionen fielen teils ähnlich aus wie nach seinem „Cleverländ“-Debüt.

„Ein Stück weit passt das zu Kretschmann und seiner Generation“, sagt Hillje. Jüngere Mitglieder der Gesellschaft hätten zu einem solchen Hygieneverhalten aber weniger Bezug. „In letzter Konsequenz ist es authentisch, was Kretschmann macht.“ Kretschmann sei jemand, der sich in der Öffentlichkeit nicht verbiege; eine „Marke“ in der deutschen Politik. „Er spricht aus, was er denkt – auch gegen die Parteilinie.“

Das Problem beim „Cleverländ“-Video: „Es fehlt an Gespür für die sozial unterprivilegierte Klientel, die schon immer spart und dazu keine Tipps von höherer Ebene braucht. Besser wäre es gewesen, zusätzlich zu sagen, was Regierung und Industrie tun, um Energie zu sparen. Hier gibt es ohnehin größere Potenziale als beim Individuum.“

Trotzdem hält Johannes Hillje den Schaden für begrenzt. „Die Stimmung in den Sozialen Medien ist nicht repräsentativ. Negative Reaktionen bestimmen immer die Diskussion.“

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Der Politikberater Dr. Johanns Hillje hält die Meinung über das erste "Cleverländ"-Video von Winfried Kretschmann für verzerrt.

Der Politikberater Dr. Johanns Hillje hält die Meinung über das erste "Cleverländ"-Video von Winfried Kretschmann für verzerrt.

Caritas findet Energiespartipps gut

Bei Stromsparexperten kommt die Intention der baden-württembergischen Regierung gut an. „Alles, was dazu beiträgt, Energie zu sparen, hilft“, sagt Nicola Buskotte vom Deutschen Caritasverband. Ihr Verein bietet einen „Stromspar-Check“ an, bei dem Berater direkt in Privathaushalten Energiespartipps geben. Die Nachfrage sei in den vergangenen Wochen erheblich gestiegen, berichtet Buskotte. „Wir machen schon Termine für den November.“ Die von Kretschmann vorgeführte Nachtabsenkung der Heizung bezeichnet sie als „Klassiker“. Dennoch helfe es, solche Tipps vor Augen geführt zu bekommen, um Routinen zu entwickeln. „Jede eingesparte Tonne Co2 ist außerdem gut für den Klimaschutz.“

Der Heizungstipp von Winfried Kretschmann war übrigens nur der Auftakt, offiziell „Tipp#1″ der Kampagne.

Tipp Nummer zwei präsentiert CDU-Innenminister Thomas Strobl, Titel: „Stand bye bye“. Strobl, ebenfalls im Anzug, drückt nach dem Fernsehgucken auf den Ausschaltknopf der Steckdosenleiste. Kamerazoom zum Powerlicht des Fernsehers: es geht aus.

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Wie gut, dass die Landesregierung heute schnell das dritte Video veröffentlicht hat. Es geht darum, wie man Heizungsrohre dämmen kann. Präsentiert von einer jungen Sanitär- und Heizungsexpertin. Sie trägt ein blaues Firmen-T-Shirt. Bis zum Abend sammelt das Video gerade einmal drei Kommentare.

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