Zweitgrößte Stadt des Landes

„Wir sind Patrioten“: So leben Ukrainerinnen und Ukrainer an der Front in Charkiw

Ein Mann geht über die Trümmer der Hryhoriy Skovoroda Universität in Charkiw nach einem Angriff der russischen Streitkräfte.

Ein Mann geht über die Trümmer der Hryhoriy Skovoroda Universität in Charkiw nach einem Angriff der russischen Streitkräfte.

Charkiw. Viktor Lasar teilt seinen Balkon mit einer kleinen orangefarbenen Schlange - sein einziger Gefährte in einer Wohnung, die sich am Rand der Welt zu befinden scheint. Und dann ist da ein Opernglas, aber das ist eher als Scherz gemeint, denn Lasar benötigt es kaum: Die Front kann er auch so sehen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Unter seinem Balkon ist ein Krater, einer von vielen. Auf einer Straße in der Nähe rollt ein Raketenwerfer vorbei. Der Krieg ist auch zu hören, das Grollen von russischem und ukrainischem Artilleriefeuer, obwohl Lasar so tut, als würde er davon keine Notiz nehmen. Er schätzt, dass die Russen vielleicht gerade mal zehn Kilometer entfernt sind.

Selenskyj lobt Treffsicherheit der westlichen Artillerie

Der ukrainische Präsident sagt, die Ukraine zerstöre mit zielgenauer Artillerie Depots und andere Ziele der Russen.

Es ist der fünfte Monat des Krieges mit Kampffronten im Osten und Süden, und Lasar und seine wenigen verbliebenen Nachbarn in Saltiwka repräsentieren ein Leben in einem Zustand der Ungewissheit, in dem viele in seinem Land gefangen sind. Niemand weiß, wie es weiter geht. Während Städte und Dörfer in der Umgebung der Hauptstadt Kiew nach dem Rückzug der Russen vor ein paar Monaten mit dem Wiederaufbau begonnen haben, können andere Ukrainer im Osten weiterhin nicht ruhig schlafen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Saltiwka am Rand von Charkiw ist schwer zerstört. Die Wohnungskomplexe aus der Sowjetära beherbergten einst eine halbe Million Menschen, was diese Wohngegend zu einer der größten in Europa machte. Jetzt sind vielleicht noch ein paar Dutzend Bewohner da. Manche der Gebäude sind schwarz von den Einschlägen, andere zerfallen Stück für Stück.

„Das hier ist mein Zuhause“

Aber der 37-jährige Lasar denkt nicht daran, woanders hinzugehen. „Das hier ist mein Zuhause“, sagt er. Lasar steht mit bloßem Oberkörper in der sengenden Sommerhitze, auf seinem rechten Arm ist ein Maschinengewehr tätowiert. Lasar sagt, dass er bereit sei, die Russen zu bekämpfen, aber seine einzigen Waffen sind Küchenmesser.

+++ Lesen Sie alle aktuellen News und Entwicklungen in unserem Liveblog +++

Eine kaputte Gitarre hängt an einer Wand in seiner Wohnung. Lasar, ein Musiker, träumt davon, ein Konzert in den leeren widerhallenden Straßen von Saltiwka zu geben, sozusagen als Trotzreaktion gegen die Russen. In besseren Tagen spielte er für Passanten auf den Plätzen von Charkiw, der zweitgrößten Stadt in der Ukraine, nur etwa 20 Kilometer entfernt von der russischen Grenze.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In Saltiwka sind alle Läden geschlossen, die Fenster von Wohngebäuden zerbrochen. In einem dreht sich ein Brocken Beton, groß wie ein Tisch, an einem Stück Stahlverstrebung, jeden Augenblick wird er fallen. Die leeren Spielplätze sind von Gras überwuchert, in einigen Wohnungen, jetzt aufgerissen, hängt noch Wäsche an der Leine.

Manchmal gibt es Strom, fließendes Wasser aber nicht

Draußen vor Lasars Gebäude haben Leute eine improvisierte Küche errichtet, mit einer Glocke, die geläutet wird, wenn das Essen für den Tag eintrifft. Nahe der Teekanne auf einem Holzofen sind Munitionsbehälter aufgestellt, die jetzt Brot enthalten, das langsam hart wird. Es gibt wieder etwas Strom, aber kein fließendes Wasser. Im Keller gurgelt noch etwas, Lasar und seine Nachbarn nutzen das bisschen Nass, um sich zu waschen.

Pawel Goworyhow kann das nicht, der 84-jährige hat Probleme mit dem Gehen. Er sitzt am Eingang eines Gebäudes, das jetzt so fragil ist wie er selbst, zwei Gehstöcke sind griffbereit. Vier Monate lang hat Goworyhow im Keller gelebt, jetzt ist er zurück in seiner Wohnung. Bei plötzlichen Geräuschen verkrampft er sich. Schon allein über seine Mühsalen zu sprechen treibt ihm Tränen in die Augen. „Warum brauche ich ein solches Leben?“ sagt er.

Unweigerlich, das weiß er, wird der Winter zurückkehren - gnadenlos in diesen ungeheizten Wohngebäuden. Aber auch die Russen könnten wiederkommen. Mehr als 600 Zivilisten sind seit Beginn der Invasion Ende Februar in der Region Charkiw nördlich von Donezk getötet worden, manche auch in der Gegend, in der Goworyhow lebt. Die Ukrainer werfen den Russen vor, Streubomben eingesetzt zu haben, was völkerrechtlich verboten ist.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Russland will mit gezielten Angriffen offenbar ukrainische Truppen binden

Gemeinden an den Rändern von Charkiw sind weiter umkämpft, wie es heißt, ist das Teil der russischen Strategie: Ukrainische Truppen sollen so gebunden werden, dass sie nicht in Orte wie Donezk geschickt werden können, wo die Invasoren stetig an Boden gewinnen.

„Das wünscht du niemandem“, beschreibt Bogdan Nezow, ein 14-Jähriger, seine Lebenssituation in Saltiwka. Er lebt mit seiner Familie in einer Wohnung mit zugezogenen Fenstervorhängen. In einem anderen Gebäude hat jemand in einem Treppenhaus eine Warnung an potenzielle Besetzer gekritzelt: „Wenn du reinkommst, wirst du getötet.“

Dieses Haus nennt Viktor Schewtschenko weiter sein Zuhause, auch wenn er sogar tagsüber das Licht seines Handys benötigt, weil es drinnen so düster ist. Aber nichts, so scheint es, kann seinen Stolz brechen. Unrasiert und gestärkt mit Tee versichert er: „Wir werden Russland vertreiben. Denn wir sind Patrioten, und wir leben auf unserem Land.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In seiner zerstörten Küche sind zerbrochene Teller verstreut. Eine Uhr an der Wand steht still, wie die Gegend um Schewtschenko herum. Wird es so bleiben? Schewtschenko greift nach der Uhr und zieht sie auf. „Sie läuft“, sagt er mit einem Anflug von Stolz. „Sie läuft.“ Dann wendet er sich ab, geht auf unsicheren Beinen in die Stille von Saltiwka zurück - die tickende Uhr in seiner Hand.

RND/AP

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen