Der Falklandkonflikt

Krieg der Ferne

Das Telegramm des Verteidigungsministeriums in London zeugte von überschaubarem Interesse. „Wir haben anscheinend verlässliche Beweise dafür, dass sich morgen im Morgengrauen eine argentinische Einsatzgruppe vor Stanley versammeln könnte“, hieß es in der Nachricht, die am Nachmittag des 1. April 1982 bei Rex Hunt, dem damaligen Gouverneur der Falklandinseln, eintraf. Das Telegramm endete mit dem Hinweis: „Sie werden Ihre Vorbereitungen entsprechend treffen wollen.“

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Was ein wenig bürokratisch klang, war nichts Geringeres als die Ankündigung eines einschneidenden Ereignisses der britischen Geschichte: die Invasion der zu Großbritannien gehörenden Falklandinseln durch die argentinische Armee. Die Nachricht zeigte allerdings auch das Interesse, das die britische Regierung zu jenem Zeitpunkt an den Inseln besaß – nämlich ein sehr geringes.

Bewaffnete Soldaten 1982 während des Krieges zwischen Großbritannien und Argentinien um die Falklandinseln.

Bewaffnete Soldaten 1982 während des Krieges zwischen Großbritannien und Argentinien um die Falklandinseln.

Ein Krieg nach einem schwelenden Konflikt

Die Falklands und die Ukraine sind kaum vergleichbar – weder von ihrer Größe noch von ihrer strategischen Bedeutung. Doch auch 1982 entwickelte sich aus einem länger schwelenden Konflikt ein Krieg. Argentinien sah die Inseln, die in dem Land Malvinas genannt werden, stets als eigenen Besitz an. Doch deren Geschichte ist in Wahrheit kompliziert: Großbritannien hatte die Falk­lands im 16. Jahrhundert entdeckt. Die ersten Siedler kamen aus Frankreich. Auch Spanien erhob Besitzansprüche, später Argentinien. 1833 jedoch waren es wieder die Briten, die hier einen Stützpunkt errichteten.

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Rund 13.000 Kilometer trennen die Inselhauptstadt Stanley von London. 400 Kilometer sind es bis zur Südküste Argentiniens. Zweimal wöchentlich gibt es einen Flug zwischen England und den Falklandinseln. Er benötigt 18 Stunden und muss einen Tankstopp auf den Kapverden einlegen. Auch aufs südamerikanische Festland kann man noch heute nur alle paar Tage fliegen. Die Falklandinseln sind so abgeschieden wie kaum sonst etwas im Vereinigten Königreich. Knapp 3000 Menschen leben hier, dazu 300.000 Schafe und 900.000 Pinguine. Wer sollte solch eine Inselgruppe angreifen? Zum Zeitpunkt der Invasion vor 40 Jahren jedenfalls hatte die britische Armee gerade einmal 90 Royal Marines dort stationiert – quasi pro forma. Sie wurden am 2. April geradezu überrannt.

Die Falklands, Heimat von Schafen und Pinguinen

Gegenüber der BBC erinnerte sich der 2012 verstorbene Gouverneur Hunt später an die Einzelheiten. Unter seinem Schreibtisch habe er am frühen Morgen ausgeharrt, während draußen geschossen worden sei. Seine Hausangestellten und seine Familie habe er am Vortag in Sicherheit gebracht. „Unsere Haushälterin hatte ihre Prioritäten richtig gesetzt“, zitierte ihn die BBC. „Sie ging mit einem Bild der Queen unter dem einen und einer Flasche Gin unter dem anderen Arm los.“

Unsere Haushälterin hatte ihre Prioritäten richtig gesetzt. Sie ging mit einem Bild der Queen unter dem einen und einer Flasche Gin unter dem anderen Arm los.

Rex Hunt, 1982 Gouverneur der Falklandinseln, gegenüber der BBC

Obwohl schon damals Erdölvorkommen vor der Küste der Falk­lands vermutet worden waren, schien der Krieg um eine primär von Schafen und Pinguinen bewohnte Gegend im Südatlantik eher skurril zu sein. „Die Inseln sind nicht wichtig“, erläutert Christoph Bluth, Professor für internationale Beziehungen und Sicherheit an der University of Bradford und Autor mehrerer Analysen des Falklandkonflikts, gegenüber dem RND. Das sah offenbar auch die Regierung in London vor dem Angriff so: Die Bewohner der Falklandinseln hatten damals das Recht verloren, in Großbritannien selbst zu leben. So viele Privilegien wollte ihnen Downing Street nicht einräumen.

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Eine Abbildung der Karte der Falklandinseln in den argentinischen Farben steht am Grab eines argentinischen Soldaten auf dem Darwin-Friedhof.

Eine Abbildung der Karte der Falklandinseln in den argentinischen Farben steht am Grab eines argentinischen Soldaten auf dem Darwin-Friedhof.

„Die blanke Aggression durch die Argentinier machte die Falklandinseln plötzlich zur Grundsatzfrage“, erklärt Bluth die Kehrtwende. Die britische Armee schickte im Laufe der 74 Tage dauernden Kämpfe 25 Kriegsschiffe und sechs U‑Boote zu den Falklands. Mehrere davon wurden im Laufe der Kämpfe versenkt, auch die argentinische Seite verlor Schiffe. Rund 900 Soldaten kamen ums Leben, 11.000 Argentinier landeten nach dem Sieg der Briten am 14. Juni 1982 in Gefangenschaft. Das anschließende Entschärfen der unzähligen Landminen beschäftigte die Inselgruppe noch bis zum Jahr 2020.

Die blanke Aggression durch die Argentinier machte die Falklandinseln plötzlich zur Grundsatzfrage.

Christoph Bluth, Professor für internationale Beziehungen und Sicherheit an der University of Bradford

Kämpfe wie im Ersten Weltkrieg auf den Falklands

Der ganze Konflikt wirkte schon damals wie aus der Zeit gefallen. Eine Invasion, Seeschlachten, zuletzt Schützengrabenkämpfe wie im Ersten Weltkrieg – nicht wenige Beobachter fragten sich, was dieser Krieg eigentlich solle. Es war, wie sich schnell zeigte, ein Duell zweier Staatschefs, die es geschickt verstanden, damit von innenpolitischen Problemen abzulenken.

Die britische Premierministerin Margaret Thatcher stand damals während ihrer ersten Amtszeit daheim massiv in der Kritik – sie hatte reichen Briten Steuererleichterungen eingeräumt, belastete aber im Gegenzug die überwiegende Mehrheit der Bürger durch gravierende soziale Einschnitte. Der Falklandkrieg brachte für die Premierministerin die Wende: Im Jahr nach dem Sieg über Argentinien stellte sich Thatcher zur Wiederwahl und errang den bis dahin größten Sieg der Konservativen. Ihr Ruf als Eiserne Lady war gefestigt.

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Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher und ihr Ehemann Denis 1992 in Stanley auf den Falklandinseln.

Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher und ihr Ehemann Denis 1992 in Stanley auf den Falklandinseln.

Margaret Thatcher wurde zur Eisernen Lady

Den argentinischen Militärherrscher Leopoldo Galtieri kostete die Niederlage hingegen sein Amt. Ein Abgang mit weitreichenden Folgen: Kurz darauf, 1983, kehrte in Argentinien die Demokratie zurück.

Immer wieder erneuerte die Regierung in Buenos Aires seitdem ihren Anspruch auf die Falklandinseln. Zuletzt war Chinas Präsident Xi Jinping seinem argentinischen Kollegen Alberto Fernandez in dieser Frage beigesprungen: Nach einem Treffen im vergangenen Februar erklärten beide Seiten, Peking unterstütze Buenos Aires im Streit um die Inseln. In Stanley sieht man das fortbestehende Interesse Argentiniens mit Skepsis. 2013 sprachen sich in einem Referendum 99,8 Prozent der Falklandbewohner für den Verbleib im Vereinigten Königreich aus. Es gab nur drei Gegenstimmen.

Für die alte Kolonialmacht Großbritannien steht noch mehr auf dem Spiel: Das Land besitzt nach wie vor an mehreren Stellen der Welt Land. Unter anderem die territoriale Frage Gibraltars ist bis heute ein ewiger Streitpunkt zwischen Briten und Spaniern. Könnte ein Konflikt wie auf den Falklandinseln also ein weiteres Mal geschehen, irgendwo auf dem Globus – womöglich in Europa, in Gibraltar? Experte Bluth ist da skeptisch: „Ich bezweifle, dass es zu einem bewaffneten Konflikt kommen könnte“, sagt er. Es gebe lediglich Handels- und politische Streitigkeiten und Streitigkeiten über Grenzbestimmungen.

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