Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Katholische Laien: „Wenn wir nichts ändern, wächst die Frustration“

Irme Stetter-Karp ist Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Irme Stetter-Karp ist Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Berlin. Irme Stetter-Karp ist seit November 2021 Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Die promovierte Sozialwissenschaftlerin und Diplom-Pädagogin hat mehrere Jahrzehnte in den Diensten der Diözese Rottenburg-Stuttgart gearbeitet. Ehe sie 2020 in den Ruhestand ging, leitete die 66-Jährige dort die Hauptabteilung der Caritas.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Frau Stetter-Karp, Sie leiten als Präsidentin das Zentralkomitee der deutschen Katholiken seit vergangenem Jahr. Welche Rolle spielt Ihre Organisation innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland?

Wir koordinieren Verbände und Organisationen in der katholischen Kirche, wir vereinen die Räte der 27 Diözesen, und wir versammeln Einzelpersönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft. Wir sind das demokratische Gesicht dieser katholischen Kirche. So ist auch unsere Entstehungsgeschichte zu interpretieren. Je stärker die Krise der Kirche wurde, desto weniger sichtbar war die Pluralität. Die überkommenen Machtstrukturen in der katholischen Kirche haben nicht nur Intransparenz erzeugt – sie wirken nach außen auch monolithisch.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Dieses Jahr verlegte das ZdK seinen Sitz von Bonn nach Berlin. Wollen Sie mehr politischen Einfluss?

Wir wollen auch gemeinsam mit unseren evangelischen Geschwistern versuchen, noch stärker christliche Werte in die Politik einzubringen. Ich finde es richtig und klug, transparent seine Meinung zu vertreten. Wir müssen argumentativ überzeugen, gerade in Zeiten wie diesen, da die öffentliche Meinung kirchenkritisch ist und das Katholische kaum differenziert.

Die Aufdeckung von Missbrauch unter Kirchendächern hat zum Reformprozess „Synodaler Weg“ geführt. Wäre dies auch ohne öffentlichen Druck geschehen?

Ich habe meine Zweifel. Ohne Druck gerät oft nichts in Bewegung. Doch die Strukturen und Mechanismen, die den Missbrauch in der katholischen Kirche ermöglicht und ihn geduldet haben, sind immer noch nicht geknackt. Ich bin zwar froh, dass die jüngste, dritte Synodalversammlung Anfang Februar den Weg zu substanziellen Veränderungen mit großer Mehrheit geebnet hat. Aber das Risiko ist ebenfalls hoch: Wenn wir nicht Entscheidendes verändern, wächst die Frustration, und weitere Menschen treibt es aus der Kirche.

Hat das Zentralkomitee zu lange weggeschaut?

Grob gesagt, ja. Andererseits kenne ich viele Gefährtinnen und Gefährten, die den Mund aufmachten. Manche wurden auch mit Sanktionen hinausgetrieben. In Sachen Missbrauch haben wir zu lange gebraucht, die Betroffenen als eigenständige Akteurinnen und Akteure ernst zu nehmen. Man hätte sie von Anfang an an den Gesprächsprozessen beteiligen müssen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Am Ende muss die Frage beantwortet sein: Wie gelingt es, dass sich Missbrauch und Führungsversagen in diesem Umfang nicht wieder ereignen können?

Irme Stetter-Karp

Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)

Beim ZdK holen wir in diesem Punkt auf. Ein System von innen heraus zu reformieren, das ist grundsätzlich nicht einfach. Aber die Krise hilft uns jetzt, die wunden Punkte klar zu benennen. Am Ende muss die Frage beantwortet sein: Wie gelingt es, dass sich Missbrauch und Führungsversagen in diesem Umfang nicht wieder ereignen können?

Werden junge Katholikinnen künftig stärker Führungsansprüche geltend machen?

Davon gehe ich aus. Doch es ist keine Frage allein der jungen Frauen. Die Diskriminierung, also die Exklusion von Frauen, wird längst von vielen der älteren Katholikinnen nicht mehr mitgetragen. Das lässt sich an den Statistiken zu Kirchenaustritten glasklar ablesen. Ein Austritt steht am Ende eines Prozesses massiver Enttäuschungen. Es geht an unsere Substanz.

Wie wertvoll ist ein Reformprozess, der abhängig ist vom Votum der Bischöfe?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Über Kirchenrecht können wir uns nicht hinwegsetzen. Und da der „Synodale Weg“ von Laien und Bischöfen gegangen werden soll, sind jeweils Mehrheiten gefragt. Ich sehe keine Alternative.

Und dann hat der Papst das letzte Wort…

In der Frauenfrage kommen wir nicht an Rom vorbei, das stimmt. Aber die Grundordnung kirchlicher Dienste, Präventionsregelungen oder die Segnung sich liebender Paare – da müssen wir in Deutschland sichtbare und spürbare Veränderungen voranbringen, da sind wir als Ortskirche gefragt. In der Frauenfrage natürlich auch – im Gespräch mit Rom. Ich lasse da nicht locker. Wir werden bald mit Verantwortlichen im Vatikan über unsere Vorstellungen sprechen.

Sieht sich das ZdK als Teil weltweiter Reformbemühungen in der katholischen Kirche?

Es gibt auch in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten Prozesse vergleichbarer Art. Zwischen uns gibt es persönlichen, aber auch textlichen Austausch. Wir sehen uns als Geschwister, die sich zurufen, was sie kümmert.

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen