Drohende Gasknappheit

Volkssport Energiesparen: Japans Rezept gegen die Energiekrisen

Im Stadtteil Kabukicho von Tokio blinkt die ganze Straße. Japan geht einen kreativen Weg, um Energie zu sparen.

Energie sparen ist zurzeit das zentrale Thema in Deutschland. Vor allem Gas könnte im kommenden Herbst und Winter zum knappen Gut werden, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin die Gaslieferungen zuletzt immer weiter gedrosselt hat. Wirtschaftsminister Robert Habeck hatte am Donnerstag entsprechend die Alarmstufe des sogenannten Notfallplans Gas ausgerufen. „Wir haben in Deutschland eine Störung der Gasversorgung, daher ist es erforderlich, diese Alarmstufe auszurufen“, sagte der Minister in Berlin. Damit ist die zweite der insgesamt drei Warnstufen des Notfallplans erreicht.

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Zwar sind die deutschen Gasspeicher zu 60 Prozent gefüllt, allerdings steigt die Nachfrage ganz natürlich Richtung Winter. Energiesparen im Sommer hilft also.

Japaner sparen gemeinsam Strom

Ein Blick nach Japan könnte auch für Deutschland einige sinnvolle Erkenntnisse bringen. Denn seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011 ist Energiesparen zu einer Art Volkssport geworden. Eingeprägt hat sich in Japan der Begriff „Setsuden“. In den Sommermonaten sollen die Bürger mit einem weniger energieintensiven Lebensstil Energie für den Winter einsparen.

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Wirtschaftsminister Habeck ruft mit Aktion zum Energiesparen auf

Bundesregierung, Wirtschaft und Verbraucherschützende wollen mit Werbeplakaten, Förder- und Beratungsprogrammen die Bevölkerung zum Energiesparen motivieren.

Nach Fukushima mussten rund zwei Drittel der 54 japanischen Atomkraftwerke stillgelegt werden, da die Regierung die Sicherheitsvorschriften für die Kraftwerke massiv verschärft hatte. Hinzu kamen in den vergangenen Jahren einige veraltete Wärmekraftwerke, die ebenfalls stillgelegt wurden. Damit ist Strom in Japan in den vergangenen zehn Jahren immer wieder ein heikles Thema gewesen. Die Regierung warnte Anfang des Monats nun erneut vor möglichen Stromausfällen in den Wintermonaten und rief seit 2011 zum ersten Mal wieder zum Stromsparen auf.

Vor zehn Jahren hatte die „Setsuden“-Bewegung ihren Ausgangspunkt in einem Notfallplan der Tokioer Stadtverwaltung, die Informationen zum Energiesparen an etwa 300.000 Haushalte und Betriebe im Stadtgebiet ausgegeben hatte. Die Maßnahmen waren dabei sowohl einfach und schnell umsetzbar als auch technisch komplex. In vielen Bürohochhäusern und Supermärkten prüften die Unternehmen, ob überflüssiges Licht abgeschaltet werden kann. Rolltreppen und Fahrstühle wurden teilweise abgestellt. Gerade in Hochhäusern mit mehreren Fahrstühlen fuhren im Sommer 2011 einfach ein oder zwei Lifts weniger – im Übrigen wurden auch an öffentlichen Bahnstationen viele Rolltreppen abgestellt. Im Büro galt die Regel „One up, two down“. Wer ein Stockwerk höher oder zwei nach unten will, sollte statt dem Fahrstuhl die Treppe nutzen.

Energieknappheit steigerte Innovationskraft

Großes Sparpotenzial haben in Japan auch Klimaanlagen. Gerade im Sommer kann es in Städten wie Tokio unangenehm heiß werden. Hinzu kommt dabei noch eine hohe Luftfeuchtigkeit, die die gefühlte Temperatur noch unerträglicher macht. Zwei Grad mehr in Büros, Zügen und Restaurants sparen in Japan daher einiges an Strom ein.

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Daneben befeuerte die Sparkampagne auch die Innovationskraft der Japaner. Der Technikriese Panasonic entwickelte seine Energiemanagementanlagen, die damals bereits für Kühlschränke für Privathaushalte zur Verfügung standen, für Großverbraucher und Fabriken weiter.

Strom, Gas und Energie werden teurer: So kann man im Alltag Geld sparen

Grundsätzlich hilft gegen die steigenden Energiepreise, seine Ausgaben zu kalkulieren und einen Überblick über die Fixkosten zu haben.

Zu den technischen Neuerungen kam außerdem eine Rückbesinnung auf traditionelle japanische Lebensgewohnheiten – etwa auf Bambusmatten. Als Sonnenschutz halten diese die Wärme effektiv aus den Wohnungen und Häusern heraus. Aber auch skurrile Vorschläge machten die Runde. So schlugen viele Stromspargruppen vor, auf elektrische Reiskocher zu verzichten und den Reis stattdessen im traditionellen Tontopf zuzubereiten. Statt dem Staubsauger sollten die Japaner einen Besen zum Putzen benutzen.

Regierung will Stromsparer belohnen

Die „Setsuden“-Bewegung war dabei von Anfang an vor allem durch freiwillige Aktionen geprägt. Auch bei ihren neuen Maßnahmen setzt die japanische Regierung in erster Linie auf Anreiz statt auf Verbote. Am Dienstag erklärte der japanische Premierminister Fumio Kishida, dass die Stromrechnungen der Bürger über ein Punktesystem gesenkt werden könnten. Punkte sammeln dabei alle, die gewissenhaft Strom einsparen.

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Komplett übertragen lassen sich die Maßnahmen auf Deutschland allerdings nicht. Denn Deutschlands Gasproblem wird sich für Privathaushalte im Winter vor allem beim Heizen bemerkbar machen, nicht beim Strom. Gas für die Stromerzeugung macht lediglich rund 15 Prozent aus. Analog zur japanischen Klimaanlagenregelung könnte aber im Winter eine gesetzliche Absenkung der Mindesttemperatur in Mietwohnungen, die aktuell im Mietrecht geregelt ist, Gas einsparen. Noch sind Vermieter verpflichtet, eine Temperatur zwischen 20 und 22 Grad in Mietwohnungen sicherzustellen. Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hatte eine zeitlich begrenzte Absenkung ins Spiel gebracht.

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