In Osteuropa ist die Impfskepsis wesentlich größer als im Westen

Blick in einen überfüllten Corona-Isolationsraum im Universitäts-Notfallkrankenhaus Bukarest in Rumänien. Das Gesundheitswesen wird mit der Versorgung einer steil anwachsenden Zahl von Covid-19-Patienten kaum noch fertig.

Blick in einen überfüllten Corona-Isolationsraum im Universitäts-Notfallkrankenhaus Bukarest in Rumänien. Das Gesundheitswesen wird mit der Versorgung einer steil anwachsenden Zahl von Covid-19-Patienten kaum noch fertig.

Berlin. Bei den Corona-Impfungen herrscht ein deutliches Ost-West-Gefälle innerhalb der Europäischen Union. Das belegen aktuelle Auswertungen. die im Internet abrufbar sind, aber auch verschiedene wissenschaftliche Studien. Dabei zeigt sich, dass der Anteil der vollständig geimpften Menschen in den ärmeren EU-Mitgliedsländern besonders niedrig ist, was einerseits mit der schwierigen sozialen Lage großer Bevölkerungsgruppen zusammenhängt, andererseits aber auch mit einem hohen Misstrauen gegen die eigene Regierung oder das jeweilige Gesundheitssystem.

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Ein Blick in den aktuellen „Covid-19-Impfstoff-Tracker“ des Europäischen Zentrums für Prävention und Kontrolle von Krankheiten zeigt, dass am südöstlichen Ende der Europäischen Union, in Bulgarien, lediglich 25,4 Prozent der Bevölkerung doppelt gegen Corona geimpft sind, während es am westlichen Ende, in Portugal, 81,6 Prozent sind.

In Bulgariens Nachbarland Rumänien sind es 38,3 Prozent, in Spanien dagegen 74,3 Prozent. Über Kroatien (46,8) und die Slowakei (46,1) steigt die Rate Richtung Westen und Norden allmählich an, um dann die 50-Prozent-Marke zu überspringen (Tschechien, Ungarn, Polen) und sich auf die Besserplatzierten zuzubewegen: Deutschland, die Niederlande, Belgien und die skandinavischen Länder, die alle im Bereich der 70 Prozent liegen oder sogar darüber (Italien 73,2 Prozent).

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Dass die soziale Lage der Bevölkerung starken Einfluss auf das Impfen hat, zeigt eine Studie des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik München, die untersucht hat, welche Faktoren bei der Entscheidung, sich impfen zu lassen, eine Rolle spielen.

Basierend auf der größten gesamteuropäischen Panelstudie (SHARE), die in 27 europäischen Ländern und Israel Daten über die Impfbereitschaft in der Risikogruppe „50 Plus“ von etwa 47.000 Personen erhoben hat, kamen die Münchner Forscher zu der Erkenntnis, dass in Osteuropa die Impfunsicherheit und -verweigerung ganz klar stärker ausgeprägt ist als in den anderen Regionen.

„Menschen mit geringerem Einkommen oder niedrigerem Ausbildungsniveau lassen sich seltener impfen“, fasst Dr. Michael Bergmann zusammen, einer der vier Autoren der Münchner Studie, die auf Erhebungen im Zeitraum Juni bis August zurückgeht. „Wir haben uns angeschaut, wie gut die Menschen finanziell über die Runden kommen, ob sie von Armut bedroht sind und welchen Erwerbsstatus sie haben“, erläutert Bergmann im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Ein Drittel der Befragten aus der Altersgruppe „50 Plus“, die nur „mit großen Schwierigkeiten“ über die Runden kommen, waren beim Impfen unentschlossen oder lehnten es gleich konsequent ab. Bei jenen, die wirtschaftlich gut zurechtkommen, waren das nur 7,8 Prozent.

Neben der eher schlechten wirtschaftlichen Lage spielt nach Bergmanns Worten auch das Vertrauen in das Gesundheitssystem eine Rolle. So ist in den postkommunistischen Ländern, die auch noch nicht so lange EU-Mitglieder sind, das Vertrauen in die Regierung und das Gesundheitssystem eher schwach ausgeprägt. „Die Länder, die geringe Impfquoten haben, das sind tendenziell auch diejenigen, in denen ein geringes Vertrauen in die Regierung und das Gesundheitsmanagement im Umgang mit Corona herrscht“, sagt Bergmann.

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Gestützt wird diese These auch durch andere Studien, auf die sich beispielsweise die linksliberale slowakische Tageszeitung „Pravda“ beruft. Danach ist die Impfskepsis in den osteuropäischen Ländern auch in der Gruppe der 36- bis 45-Jährigen groß. „In den postsozialistischen Staaten wuchs gerade diese Generation in der Blütezeit des Neoliberalismus auf und hat kein Vertrauen in die staatlichen Institutionen“, schreibt das Blatt und betont, dass unter den Impfskeptikern sehr häufig Nichtwähler sind.

Dabei handele es sich vor allem um ärmere Menschen, die deshalb nicht an Wahlen teilnehmen würden, weil sie überzeugt seien, dass Parteien und Regierungen nicht ihre Probleme lösen, sondern nur den Interessen von Unternehmern und der oberen Mittelschicht dienten.

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