Arbeitsmarkt

Großbritannien: Freitag wird der neue Samstag

John Boot ist in der Industriegeschichte Großbritanniens unvergessen geblieben. Der Mann, der einmal das Pharmazieimperium Boots leitete, gilt heute als Vorkämpfer für eine neuartige Arbeitszeit. Anfang der 1930er-Jahre wurde er zum „Pionier der Fünftagewoche“ auf der Insel. Angesichts klarer Überproduktion seines Betriebs auf dem Höhepunkt der Großen Depression jener Jahre beschloss er, die Produktion zu verringern, ohne Arbeiter zu entlassen.

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Also teilte er den 5000 Werktätigen mit, sie brauchten nicht mehr wie bis dahin üblich am Samstagvormittag zur Arbeit zu erscheinen. Ihr Lohn werde ihnen trotzdem voll ausbezahlt. Statt einer Fünfeinhalb-Tage-Woche arbeiteten die Boots-Leute so, ohne Einkommensverluste, nur noch fünf Tage die Woche. Nach und nach zogen andere Unternehmen nach, und die Fünftagewoche setzte sich bei den Briten – wie anderswo in der westlichen Welt – durch.

Vier-Tage-Woche: Positive Folgen für Kapital und Arbeiter

Eine Studie, erstellt vom Professor der Universität Birmingham und Bergbauingenieur Sir Richard Redmayne, kam zum Schluss, dass die damalige Reform überwiegend positive Folgen hatte, fürs Kapital ebenso wie für die Arbeiterschaft. Die Extrafreizeit, die den Mitarbeitern der betreffenden Betriebe zur Verfügung stand, führte zu besserer Gesundheit, einer zufriedeneren Belegschaft und weniger Abwesenheit von der Arbeit, befand die Untersuchung. Bei Boots habe die Erholungsmöglichkeit des verlängerten Wochenendes physisch wie psychisch zu einer „Verbesserung der persönlichen Kondition und der Arbeitsfreude geführt“.

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Fast ein Jahrhundert später beginnt man sich in Boots Heimat nun wieder an jenen Wandel zu erinnern. Mittlerweile sei es Zeit für einen neuen und noch radikaleren Schritt, haben gleich mehrere reformwillige Unternehmen erklärt. Vor Kurzem ist auf der Insel ein Pilotprojekt angelaufen, das Aufschluss darüber geben soll, ob sich die Arbeitswoche weiter verkürzen ließe. Die Zeit sei gekommen, finden die Beteiligten, von der Fünf- zur Viertagewoche überzugehen.

Freitag soll der neue Samstag, ein zusätzlicher „day off“, im Vereinigten Königreich werden. Oder aber die Arbeit bleibt im gleichen Umfang und wird anders über die verschiedenen Wochentage verteilt.

Vier-Tage-Woche soll sechs Monate getestet werden

70 kleinere und mittlere Firmen mit insgesamt rund 3300 Beschäftigten tragen den Versuch mit, der sechs Monate laufen soll. Eine Londoner Brauerei, ein Fish-and-Chips-Shop in Norfolk, eine Firma zur Entwicklung von Computerspielen, diverse Baubetriebe, Bildungsinstitutionen, Marketing- und Nahrungsmittelfirmen sowie die Königliche Gesellschaft für Biologie, die 35 Mitarbeiter hat, sind mit von der Partie.

Organisiert wurde das Projekt von der gemeinnützigen Gruppe 4 Day Week Global in Zusammenarbeit mit Forschern der Universitäten Oxford, Cambridge und Boston sowie dem Thinktank Autonomy. Bei ihrer Idee sprechen sie von einem „100:80:100-Modell“ – das meint, dass die Beteiligten 100-prozentigen Lohn für 80 Prozent der Arbeit erhalten, solange sie sich zu 100-prozentiger Produktivität verpflichten.

„Fitter“ als bisher und „weniger erschöpft“

„Erst mal war ich ja misstrauisch, als ich hörte, dass man für weniger Arbeit denselben Lohn bekommen soll“, sagte Wyatt Watts, Fish-and-Chips-Teamleiter bei Platten‘s in Norfolk. Aber mittlerweile begreife er, dass er viel besser arbeite, wenn er „nicht so kaputt“ sei und mehr Zeit „zum Auftanken“ habe. Auch andere Teilnehmer des Projekts fühlen sich, wenn sie an die Arbeit gehen, „fitter“ als bisher und „weniger erschöpft“.

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Erst mal war ich ja misstrauisch, als ich hörte, dass man für weniger Arbeit denselben Lohn bekommen soll.

Wyatt Watts, Teamleiter bei Platten’s

In diesem Punkt steht das Projekt der Viertagewoche ganz in der Tradition der John-Boot-Reform des vorigen Jahrhunderts. Während damals die Massenarbeitslosigkeit den Anstoß zur Verkürzung der Arbeitszeit gab, geht es diesmal direkt um mehr Lebensqualität und mehr Energie.

Immerhin habe sich in den vergangenen drei Jahrzehnten der Charakter der Arbeit stark verändert, erklärt Sarah O’Connor, Arbeitsexpertin der „Financial Times“. Damit meint O’Connor die Einführung neuer Technologien, die ein neues Maß an Konzentration verlangen, den vermehrten Druck in vielen Branchen, höhere Ansprüche der Kundschaft, Zwang zu schnellerer Produktion und Lieferung – kurz: die „Intensivierung“ der Arbeit überall.

Mehr Zeit für Familie durch Vier-Tage-Woche

Dazu kommt laut Schauspieler und Autor Stephen Fry, dass durch die Pandemie und durchs Home­of­fice das traditionelle Arbeitsleben „aufgemischt“ worden sei und ein neues Denken erlaube. Fry, der sich der Viertagewoche-Kampagne als prominenter „Poster Boy“ zur Verfügung gestellt hat, verweist auch darauf, dass durch weniger Arbeitstage in Firmen oder Büros generell Pendelzeit und dadurch Schadstoffausstoß eingeschränkt würden und mehr Zeit für die Familie verfügbar sei.

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Andrew Barnes, der die 4-Day-Week-Global-Kampagne aus der Taufe gehoben hat, meint: „Im Grunde benutzen wir Arbeitsweisen, die im Zusammenhang mit sich monoton wiederholenden Arbeitsgriffen der Fertigungsindustrie vor 100 Jahren entwickelt wurden. Die wenden wir aufs 21. Jahrhundert an. Das macht absolut keinen Sinn.“

Barnes vermutet, dass schon in fünf Jahren eine Mehrheit britischer Unternehmer mit kürzeren Arbeitszeiten operieren werde. Seine Kampagne verweist darauf, dass es bereits einzelne Fälle gibt, in denen das offensichtlich funktioniert. Ein großes Callcenter in Glasgow zum Beispiel, das unter anderem für Google und den nationalen Gesundheitsdienst arbeitet, hat schon vor Längerem für seine 350 Mitarbeiter eine Viertagewoche eingeführt. Seitdem, erklärt Callcenterchefin Lorraine Gray, habe man die Produktivität um fast 30 Prozent steigern können. Sehr viel weniger Mitarbeiter als zuvor kündigten nun jedes Jahr. Und Krankmeldungen seien „fast auf null“ zurückgegangen. Früher, meint Gray, hätten sich Leute krankgemeldet, wenn sie „nur ein paar Stunden brauchten, um etwas zu erledigen, um einen Termin wahrzunehmen“. Nun hätten sie freie Tage extra, um diese Dinge zu tun.

Spaltung der Arbeiterschaft befürchtet

Doch es gibt durchaus Skeptiker. Nicht in allen Wirtschaftsbranchen sei so etwas durchführbar, glauben Ökonomen wie Robert Skidelsky: „Gesetzlich lässt sich das jedenfalls nicht regeln, landesweit.“ Und in einer Zeit enorm steigender Lebenshaltungskosten und gleichzeitig sinkender Kaufkraft stehe zu erwarten, dass Leute zum Erhalt ihrer Lebensstandards eher mehr als weniger Arbeit suchen würden – „vor allem in der Gig-Ökonomie, wo man oft mehrere Jobs zum Überleben braucht“. Unter Gig-Ökonomie versteht man Arbeitsbereiche, in denen vor allem geringfügig Beschäftigte und Freelancer tätig sind.

In der „Sunday Times“ äußerte deren renommierter Wirtschaftsexperte David Smith die Befürchtung, dass die Einführung der Viertagewoche durch einzelne Firmen die Arbeiterschaft spalten werde in Leute, die aus dieser Entwicklung Nutzen ziehen können, und in andere, für die das nicht gilt. Interessant findet Smith das Pilotprojekt dennoch: „Sollte es sich bewähren, könnte es ein großartiges neues Instrument zur Personalbeschaffung sein.“

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