Greenpeace-Chef Kaiser: „Was die einzelnen Länder an Zielen eingereicht haben, reicht nicht aus“

Martin Kaiser ist Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland.

Martin Kaiser ist Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland.

Berlin. Herr Kaiser, die Klima­konferenz in Glasgow neigt sich dem Ende zu. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

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Was die einzelnen Länder an Plänen und Zielen einge­reicht haben, reicht in der Summe nicht aus, um die globale Erwär­mung unter 1,5 Grad zu stabili­sieren. Eine gemein­same Verpflich­tung ist notwendig, nicht mehr in fossile Energien zu investieren.

China und Indien wollen 2060 bezie­hungs­weise 2070 klima­neutral werden. 100 Milliarden Dollar jährlich für Klima­anpassungen in Entwick­lungs­ländern kommen bis 2023 zusammen. Wie schätzen Sie diese Ergeb­nisse der COP ein?

Die 100 Milliarden waren ein abso­lutes Muss. Die Länder, die am wenigsten mit den Ursachen der Klima­krise zu tun haben, kämpfen am meisten mit den Folgen und sollten dafür finan­zielle Unter­stüt­zung erhalten. Was China und Indien angeht, waren wir sehr enttäuscht. Wir hatten uns erhofft, dass wenigstens China ab 2025 seine Emis­sionen senken will. Die geo­poli­tische Situation zwischen den USA und China hat die Konfe­renz zunächst über­schattet, dann durch eine gemein­same Erklärung diese Woche zumin­dest etwas verbessert. So besteht Hoffnung, dass die Konferenz ein Ergebnis erzielen kann, aber China und die USA müssen sich bei der CO₂-Minde­rung und Finan­zierung noch deut­lich bewegen.

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Ein Schlüssel war von vorn­herein, wie weit die Welt­gemein­schaft bei der Rege­lung von Emis­sions­abrech­nungen kommt. Sehen Sie da genug erreicht?

Nein, wir benötigen gemein­same Berech­nungs­grund­lagen für CO₂-Emissionen. Entscheidend ist, dass eine Tonne CO₂ bei uns genauso viel ist wie in Südafrika oder in den USA. Die angege­benen CO₂-Emissionen der Staaten sollten darüber hinaus abge­glichen werden von unabhän­gigen Klima­instituten.

Ist es ausrei­chend, dass die Welt­gemein­schaft alle fünf Jahre die Maß­nahmen anpasst, oder müssen die Inter­valle verkürzt werden?

Das Fünf­jahres­inter­vall ist ein altes, nicht mehr zeit­gemäßes UN-Verhand­lungs­ritual. Drin­gend notwendig sind jähr­liche Repor­tings der Länder, welche konkreten Instru­mente sie anwenden und neu beschließen, um die Erd­erwär­mung unter 1,5 Grad zu stabili­sieren. Bei den Fern­zielen reicht es aus, sie alle fünf Jahre anzupassen. Beides sollte so beschlossen werden. Die am meisten verwund­baren Länder fordern ein jähr­liches Berichts­wesen, da muss sich auch Europa bewegen. Die EU hat in der Vergan­genheit ihren Emis­sions­handel oft auf zehn Jahre ausgerichtet, damit muss ebenfalls Schluss ein.

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Glauben Sie, dass die Welt­gemein­schaft das 1,5-Grad-Ziel erreicht?

Ich bin optimis­tisch. Mir machen die jungen Leute, die heute auf den Straßen für konse­quenten Klima­schutz eintreten, Mut. Sie sind gebildet und tragen in den nächsten Jahren Verant­wortung in Politik und Wirt­schaft und setzen schon heute ihre Eltern­generation unter Hand­lungs­druck. Die sorgen dafür mit, die Welt noch zu stabili­sieren.

Wie zufrieden sind sie mit der Rolle Deutsch­lands in den Verhand­lungen?

Deutsch­land war mit einer geschäfts­führenden Bundes­regie­rung eine „Lame Duck“ auf der Klima­konfe­renz. Die Bundes­regierung ist zwar enga­giert, aber sie kann eben nur in dem durch die große Koali­tion gesetzten Rahmen agieren. Wir befinden uns immer noch in der Politik von Bundes­verkehrs­minister Andreas Scheuer, der vier Jahre lang wenig für den Klima­schutz geleistet hat. Das wurde bei der Erklä­rung zum Aus für Verbren­nungs­motoren deut­lich, die Deutsch­land nicht unter­zeichnet hat.

Welche Impulse wünschen Sie sich von einer Ampel­regierung?

Wir brauchen einen Ruck für den massiven Ausbau erneuerbarer Energie, da müssen auch die Bundes­länder in die Pflicht genommen werden. Außerdem müssen nun klare Entschei­dungen für das Vorziehen des Kohle­ausstiegs auf 2030 und die Trans­formation des Verkehrs­bereiches fallen. Und wir benötigen im Bereich der Massen­tier­haltung, die ja auch für wesent­liche Emissionen verant­wort­lich ist, einen beschleu­nigten Abbau von Tier­beständen bei gleich­zeitiger Garantie guter Preise für Bäue­rinnen und Bauern.

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Mich beschleicht das Gefühl, dass der Klima­schutz immer noch von einigen als eines von vielen Politik­feldern betrachtet wird.

Greenpeace-Deutschland-Geschäftsführer Martin Kaiser

Deutschland als Klima­schutz­vorbild?

Niemand sollte Deutsch­lands Rolle beim Klima­schutz über­schätzen, aber eben auch nicht unter­schätzen. Auf europä­ischer Ebene muss die Bundes­republik beweisen, dass sie Motor der Klima­ambi­tion und -umset­zung ist. Europa kann ambitio­niertere Wege beschreiten als bislang, wenn die soziale Frage eine wichtige Rolle spielt – das wird auch die Ost­euro­päer moti­vieren, mehr zu tun. Angestrebt werden muss eine strate­gische Allianz Europas mit den USA und China. Dann entsteht eine neue Dynamik beim Klima­schutz.

Trauen Sie der Ampel diese progres­sive Rolle zu?

Ich glaube, es ist noch ein weiter Weg, die Vorstel­lungen der drei Parteien in den Koali­tions­verhand­lungen in einer progres­siven Program­matik umzusetzen. Mich beschleicht das Gefühl, dass der Klima­schutz immer noch von einigen als eines von vielen Politik­feldern betrachtet wird, auf dem man die Physik wegver­handeln kann.

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Das war jetzt ein Jein?

Genau. Klarer kann ich nichts erkennen.

Beim Klima­schutz wird viel über Tech­nolo­gien geredet. Was ist eigent­lich mit dem Verlust der Arten­vielfalt?

Ich bin selbst Förster. Unsere Land­schaft und die Natur sind extrem stark belastet durch die Land­wirt­schaft, mit Pestiziden, mit Dünger, eine intensive Forst­wirt­schaft und aber auch durch Neubau­projekte wie Auto­bahnen oder Industrie­flächen. Wir riskieren, dass unsere Öko­systeme kolla­bieren. Die Kata­strophe im Sommer im Ahrtal war ein Warn­schuss. Es muss also gelingen, Natur­schutz und Arten­schutz zu stärken, indem wir den Druck durch schäd­liche Infra­struk­turen redu­zieren. Das schafft im Übrigen auch mehr Akzep­tanz für erneuer­bare Ener­gien.

Gerade wird im Rahmen der EU-Taxo­nomie über die Nach­haltig­keit von Investi­tionen in Atom­kraft geredet. Kann sie Brücken­techno­logie sein, bis die Erneuer­baren ausgebaut sind?

Nein. Und das nicht nur, weil das Risiko von Super-GAUs viel zu hoch und bis heute die Entsor­gung völlig ungeklärt ist. Die Erzeu­gung von Atom­energie ist auch ökono­misch unsinnig. Atom­kraft ist am teuersten. Die Herstel­lung erneuer­barer Ener­gien ist am günstigsten. Der Vorschlag der EU-Kommis­sion muss vom Tisch, da Atom­energie oder Gas nicht als nach­haltige Energie­formen einge­stuft werden dürfen und damit auch noch mit Geld gefördert.

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