Medienreaktionen im Überblick

„Es ist schon etwas peinlich“: Wie die Presse den Gasdeal mit Katar kommentiert

ARCHIV - 22.04.2022, Schleswig-Holstein, Brunsbüttel: Blick auf eine Flüssiggas-Pipeline am Nordsee Gas Terminal. Der Energieriese Qatar Energy hat laut Katars Energieminister Saad Scharida al-Kaabi Abkommen über Flüssiggaslieferungen nach Deutschland geschlossen. Das Gas solle an das US-Unternehmen Conoco Phillips verkauft werden, das es weiter nach Brunsbüttel liefere, sagte der Minister am Dienstag in der katarischen Hauptstadt Doha. (zu dpa "Katar gibt Abkommen über Gaslieferungen nach Deutschland bekannt") Foto: Marcus Brandt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

ARCHIV - 22.04.2022, Schleswig-Holstein, Brunsbüttel: Blick auf eine Flüssiggas-Pipeline am Nordsee Gas Terminal. Der Energieriese Qatar Energy hat laut Katars Energieminister Saad Scharida al-Kaabi Abkommen über Flüssiggaslieferungen nach Deutschland geschlossen. Das Gas solle an das US-Unternehmen Conoco Phillips verkauft werden, das es weiter nach Brunsbüttel liefere, sagte der Minister am Dienstag in der katarischen Hauptstadt Doha. (zu dpa "Katar gibt Abkommen über Gaslieferungen nach Deutschland bekannt") Foto: Marcus Brandt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Katar will von 2026 an Flüssigerdgas nach Deutschland liefern, die geplante Menge könnte etwa 3 Prozent des deutschen Jahresbedarfs decken. Unter anderem wegen der Menschenrechtslage in dem Land und aus Klimaschutzgründen ist der Deal allerdings nicht unumstritten. Einige Pressereaktionen im Überblick.

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„Abhängig wie der Junkie vom Heroin“

„Stuttgarter Zeitung“: Ist es moralisch vertretbar, Gasgeschäfte mit Katar zu machen? Ja und nein. Im Gegensatz zu Russland ist das Emirat kein Land, das durch einen Angriffskrieg die europäische Friedensordnung unterminiert und dadurch eine direkte Bedrohung für Deutschland und seine Verbündeten wäre. Zur Wahrheit gehört aber auch: Solange die Bundesrepublik und andere europäische Staaten von fossilen Energieträgern abhängig sind wie der Junkie vom Heroin, können sie bei der Beschaffung nicht allzu wählerisch sein.

„Mitteldeutsche Zeitung“ (Halle): Seine eigentliche Bedeutung erhält der Gasdeal allein als katarischer Kommentar zur Debatte um Boykott und Menschenrechte: Tatsächlich steht Deutschland nun als Weltmeister der Doppelmoral da. Als Gasverkäufer ist uns Katar in der Not gerade recht, als WM-Gastgeber aber sei er bei jeder Gelegenheit geschmäht: Das ist ein Widerspruch, der sich tatsächlich schwer auflösen lässt. Auch nicht durch den Hinweis, dass es im einen Fall um existenzielle Bedürfnisse geht, im anderen nur um ein Spiel.

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„Es ist schon etwas peinlich“

„Reutlinger General-Anzeiger“: Zwar ist der Gasdeal mit Katar also grundsätzlich zu begrüßen. Aber zum einen liefert das Emirat gerade mal 3 Prozent des jährlichen deutschen Gasbedarfs. Zum anderen ist mit der ersten Lieferungen erst im Jahr 2026 zu rechnen. An der Abhängigkeit von russischem Gas ändert es kurzfristig erst mal gar nichts. Das heißt weiter, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland mit voller Wucht weiter vorangetrieben werden muss.

„Berliner Zeitung“: Verständlich ist: Deutschland muss realpolitische Wege finden, um sich aus der Abhängigkeit von russischem Gas zu befreien. Aber welches Signal senden wir in die Welt, wenn wir uns abermals für fossile Brennstoffe an ein autoritäres Regime binden? Es sind diese Verträge, die den Kataris so viel Geld in die Kasse spülen, dass sie es sich leisten können, ihr Image mit einer unrentablen WM aufzupolieren – oder es zumindest zu versuchen. Das Emirat ist einer der letzten elf Staaten weltweit, in denen Homosexualität noch mit dem Tode bestraft werden kann – und sitzt auf einem verlockenden Billionenschatz aus Gas. Es ist schon etwas peinlich, wenn deutsche Politikerinnen sich einerseits mit Regenbogenbinden in Katar präsentieren und wir die absolutistische Monarchie dort andererseits mit langfristigen Fossildeals finanzieren.

„Ein Vertrag zum Zähneknirschen“

„Volksstimme“ (Magdeburg): Der Flüssiggasdeal mit Katar setzt in Deutschland fix Empörungspotenzial frei. Das ist ein Dolchstoß für den Klimaschutz, tönt es sofort. Und dann noch der Lieferant: Dieses Menschenrechte missachtende Golfemirat, das Ausländer sich krumm schuften lässt, den westlichen Wertekanon missachtet und keine Regenbogen-Armbinden haben will! Die sollen uns nun Gas liefern? Ja, wer denn sonst? Ganz praktisch ist es ein Vertrag zum Zähneknirschen. Niemand wäre noch vor Jahresfrist in diesem Land darauf gekommen, den Katarern Flüssiggas abzukaufen. Inzwischen haben wir seit einem Dreivierteljahr Krieg in Osteuropa – der Grund für den Ausfall der Erdgaslieferungen aus Russland. Diese zu ersetzen stand offensichtlich niemand Schlange am Kanzleramt. Ersatz tut not, und mit Katar ist sich die Bundesregierung einig geworden. Wer das Gas vom Golf nicht will, soll sagen, womit wir morgen heizen sollen.

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„Nordbayerischer Kurier“ (Bayreuth): Deutsche tun sich nicht schwer, ihre Seele zu verkaufen, wenn es um ihr warmes Wohnzimmer geht. Vor einem Jahr hat Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) den Boykott der WM verlangt wegen der zu Tode geschundenen Arbeiter beim Stadionbau. Alles vergessen! Heute huldigen wir der Realpolitik.

„Typischer Fall deutscher Doppelmoral“

„Augsburger Allgemeine“: Nun also doch – Katar wird Flüssiggas nach Deutschland liefern. Richtig, das ist das Emirat am Golf, an dem die Deutschen gerade aus Anlass der Fußball-WM ihr hochmoralisches Gemüt kühlen. Ausgebeutete Arbeiter, Diskriminierung von Homosexuellen, ein durch Gier der Seele beraubter Fußball: Das sind die Vorwürfe. Gerade erst hat Wirtschaftsminister Robert Habeck Kapitän Manuel Neuer geraten, die „One Love“-Binde zu tragen. (…) Einerseits die Katarer über die richtigen Werte zu belehren, andererseits ihr Gas zu wollen ist ein typischer Fall deutscher Doppelmoral. Keine Partei symbolisiert diese stärker als die Grünen, weil das Moralisieren Teil ihres Wesenskerns ist.

„Südwest-Presse“ (Ulm): Kaum glaubte man, die Republik ertrinke im rigiden Sofamoralismus, der sich an Katar, der Nationalmannschaft und einer Pseudoprotestbinde abarbeitet, da tauchen zwei überraschende Nachrichten auf. Das ach so verabscheuungswürdige Katar liefert uns ab 2026 Flüssiggas, und der Bundestag beschließt bald das lange ausgehandelte Freihandelskommen mit Kanada, Ceta. Zur Erinnerung: Auch hier hatte ein breites rechts-linkes Bündnis große Bedenken, dass der zusätzliche Handel mit Übersee das Puppenstübchen der Republik schmutzig machen und seine Bewohner verseuchen könnte. Das galt zwar vor allem für das Abkommen mit den USA, doch Ceta wurde großzügig in den gleichen TTIP-Sauertopf gekippt. Der Feldzug Russlands gegen die Ukraine hat die aufrechte Empörung offenbar durchgerüttelt. Zwar stören die Ansichten und Praktiken der Katarer immer noch, aber es geht ja um Gas für Heizung und Wirtschaft und nicht um Fußball.

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„Rhein-Neckar-Zeitung“ (Heidelberg): Möglicherweise wäre es wissenschaftlich gewinnbringend, einmal zu untersuchen, weshalb Staaten, die über sehr große Energiereserven verfügen, meist autoritär geführt werden. Besteht vielleicht ein Zusammenhang zwischen der Befriedigung unseres Energiehungers und der Missachtung von Menschenrechten? (…) Grundsätzlich stellt die Energieabhängigkeit von Diktaturen nur eine der Facetten der Globalisierung dar. Im Prinzip leben reiche Nationen wie Deutschland auf Kosten der armen. Der Ausbau regenerativer Energien wäre deshalb nicht nur ökologisch ein Beitrag zu mehr Weltgerechtigkeit – sondern auch ein sozialer Akt.

RND/dpa

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