Feindesliste: Impfgegner veröffentlichen Karte mit angeblichen Antifa-Adressen

Eine von Rechtsextremen veröffentlichte Karte soll angeblich die Adressen von Antifa-Aktivisten zeigen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um vor mehreren Jahren gehackt Kundendaten eines Onlineshops.

Eine von Rechtsextremen veröffentlichte Karte soll angeblich die Adressen von Antifa-Aktivisten zeigen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um vor mehreren Jahren gehackt Kundendaten eines Onlineshops.

Berlin. Rechtsextreme Impfgegner haben eine interaktive Onlinekarte mit Tausenden Adressen und Kontaktdaten angeblicher Antifa-Aktivisten in Deutschland, Österreich und Dänemark veröffentlicht. Sie rufen dabei offenbar zu Gewalttaten auf: Die „Jäger“ würden nun zu Gejagten, heißt es auf der Website, auf der die Karte veröffentlicht wurde.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Bei den Namen, Adressen und Kontaktdaten handelt es sich jedoch nicht um Mitglieder von Antifa-Gruppen, sondern um eine bereits 2015 gehackte Kundendatenbank des Onlineshops Impact Mailorder, der unter anderem Punk-CDs und Kleidungsstücke verkauft. Die Kundendaten waren von Rechtsextremen erbeutet und veröffentlicht worden und werden seitdem immer wieder im Internet verbreitet.

Mehrfach wurde der Datensatz mit mehr als 24.000 Personendaten dabei fälschlicherweise als Liste von „Antifa-Mitgliedern“ bezeichnet und mit Gewaltaufrufen verknüpft. Auch eine „Feindesliste“ der unter Rechtsterrorismusverdacht stehenden Gruppe „Nordkreuz“ bestand zum Großteil aus der 2015 erbeuteten Kundendatenbank. Die Liste wurde außerdem bei der 2018 aufgelösten rechtsterroristischen Gruppe „Revolution Chemnitz“ gefunden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch ein ehemaliger AfD-Abgeordneter verbreitet den Jagdaufruf

Die auf der Liste basierende Onlinekarte wurde nun von Impfgegnern erstellt und verbreitet, die unter dem Label „Anonymous“ auftreten – mit dem unter dem gleichen Namen agierenden losen internationalen Hackerkollektiv jedoch offenkundig nichts zu tun haben. „Jetzt schlägt Anonymous zurück“, heißt es in einer Telegram-Nachricht, die in den vergangenen Tagen in mehreren Corona-Leugner- und Impfgegnergruppen auf Telegram geteilt wurde. Auch der frühere baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Heinrich Fiechtner verbreitete die Onlinekarte samt Jagdaufruf.

„Wir kennen diese Listen seit Jahren, und es kommen teilweise auch neue dazu“, sagte Thüringens Verfassungsschutzpräsident Stephan Kramer dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Neurechte und Aktivisten gegen die Corona-Maßnahmen rufen auf Telegram und in anderen sozialen Medien offen dazu auf, neue Listen mit politischen Gegnern zusammenzustellen“, sagte Kramer.

Seine Behörde erlebe es immer wieder, „dass einzelne Personen mit ihren Privatdressen und Kontaktdaten geoutet werden.“ Das beinhalte ganz klar den Versuch, Personen anschließend mit „Hausbesuchen“ einzuschüchtern. Der geschützte private Raum von Menschen werde öffentlich zur Disposition gestellt. „Diese Strategie wird hauptsächlich von Rechtsextremen, aber leider auch von Linksextremisten verwendet“, sagte Kramer.

Einschüchterungsversuche durch Rechtsextreme

„Rechtsextreme versuchen so, Menschen einzuschüchtern und in breiten Teilen der Gesellschaft Angst zu verbreiten“, warnte der Verfassungsschützer. Personen, die öffentlich Haltung zeigen, würden angegriffen. „Menschen bekommen Hinweise, dass man wisse, wo sie zur Arbeit gehen oder wo deren Kinder in die Schule oder in den Kindergarten gehen“, sagte Kramer. In anderen Fällen fänden Menschen Flugblätter bei sich zuhause im Briefkasten. „Das Ziel solcher Angriffe ist es, dass diese Menschen sich nicht mehr öffentlich äußern und zurückziehen“, so der Thüringer Verfassungsschutzpräsident.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Wir können es uns nicht leisten, das nicht ernst zu nehmen“, betonte Kramer. Es gehe ihm nicht darum, zu dramatisieren. „Aber es geht darum, die Leute zu sensibilisieren. Wer Einschüchterungen erlebt, sollte sich an die Sicherheitsbehörden wenden und das auch öffentlich machen.“ In erster Linie sei dann Solidarität aus der Zivilgesellschaft gefordert. Die Behörden müssten außerdem versuchen, „Übeltätern auf die Spur zu kommen und Strafen wirken zu lassen“.

Dass die nun erneut verbreiteten Listen schon mehrere Jahre alt sind, mache sie nicht weniger gefährlich. „Solche Listen treffen heute auf ein gesellschaftliches Klima, in dem die Hemmschwelle, tatsächlich bedrohliche ‚Hausbesuche‘ durchzuführen, deutlich gesunken ist“, sagte Kramer. „Deswegen müssen wir uns grundsätzlich auch dann Sorgen machen, wenn alte Listen neu verbreitet und teilweise sogar als interaktive Karte ins Netz gestellt werden“, erklärte der Verfassungsschützer.

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen