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Enthauptungsvideo aus der Ukraine

„Schock und Ehrfurcht“: Welche Bedeutung haben Hinrichtungen im Krieg?

Ein ukrainischer Soldat hält sich in einem Unterstand die Ohren zu während des russischen Beschusses an der Frontlinie in Bachmut.

Ein ukrainischer Soldat hält sich in einem Unterstand die Ohren zu während des russischen Beschusses an der Frontlinie in Bachmut.

Berlin. Es dauert nicht einmal zwei Minuten und hat international für Entsetzen gesorgt: ein Enthauptungsvideo aus dem Krieg in der Ukraine. Ein maskierter Mann ist darin zu sehen, der einem am Boden liegenden Mann zunächst die Kehle durchschneidet, dann den Kopf abtrennt und ihn in die Kamera hält. Mutmaßlich sollen Kämpfer der russischen Söldnergruppe Wagner für die grausame Hinrichtung eines ukrainischen Kriegsgefangenen verantwortlich sein. Es wäre nicht das erste Kriegsverbrechen, das seit der Invasion mutmaßlich von Kremltruppen im Nachbarland verübt wurde.

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Warum nutzen Soldaten diese besonders grausame Form der Gewalt gegen ihre Feinde? „Russland versucht ganz bewusst, sein unmenschliches Inneres zu zeigen“, sagt Mykhailo Podoljak, Berater des ukrainischen Präsidenten, der „Bild“-Zeitung. „Die humanistischen Gesellschaften, die Ukrainer und die Europäer, sollen Angst bekommen“, meint Podoljak. Die Strategie der Russen sei „gut durchdacht“ und werde „von der militärisch-politischen Führung Russlands voll unterstützt“. Doch welche Bedeutung haben Enthauptungen in der Kriegsführung?

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Enthauptungen im Krieg: Ein Zeichen, dass Russland die Lage nicht mehr unter Kontrolle hat?

„Meistens handelt es sich dabei um ein Ritual, das in asymmetrischen Situationen der Kriegsführung ausgeführt wird“, sagt der Historiker Marian Füssel von der Universität Göttingen dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Die Enthauptung gelte als eine Art „letztes Mittel“ und deute darauf hin, dass die Täter die Lage nicht gänzlich kontrollieren. Mit einer solch grausamen Hinrichtung wolle man „zeigen, wer der Stärkere ist“.

Viel davon habe zudem mit einer „militärischen Gruppenkultur“ zu tun, erklärt der Gewaltforscher. Oftmals seien irreguläre Truppen, wie etwa die Söldnergruppe Wagner in der Ukraine, für die grausamsten Taten verantwortlich. Das sei jedoch nicht immer der Fall, sagt Füssel. Ein Beispiel dafür seien die Kriegsverbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.

„Das Video kann dazu beitragen, dass der Widerstand der Ukraine wächst“

Robert Gerwarth, Historiker am University College Dublin, sieht in dem Enthauptungsvideo einen weiteren Beleg für eine zunehmende Brutalisierung des Krieges in der Ukraine. „Das Video bündelt bildlich die Kriegsgräuel, die den russischen Verbänden immer wieder vorgeworfen werden“, sagt Gerwarth im Interview mit dem RND. Sollte es sich bei der Aufnahme tatsächlich um russisches Bildmaterial handeln, so sieht er darin eine „gefährliche Strategie“. Die Kampfmoral der Ukraine sei ohnehin schon groß, eine Gegenoffensive stehe bevor. „Das Video kann dazu beitragen, dass der Widerstand der Ukraine wächst, die Rachegelüste aber auch“, schätzt der Direktor des Instituts für Kriegsstudien ein.

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Laut Füssel, der mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft die militärische Gewaltkultur untersucht, handelt es sich dabei um entgrenzte Gewalt, die im Laufe der Geschichte immer wieder auftrat. In der frühen Neuzeit seien etwa die Osmanen „geradezu besessen“ von der Enthauptung ihrer Gegner gewesen. Auch die christlichen Völker Europas nutzten das Mittel vielfach. „Die Praxis der Enthauptung ist so alt wie der Krieg selbst“, bestätigt der Historiker Gerwarth. „Immer wenn es Kriege gibt, gibt es Entgrenzung.“ Daran habe auch das Kriegsrecht nichts geändert, das ohnehin eine relativ neue Erfindung sei.

Bedeutend sind Enthauptungen aus vielerlei Hinsicht. Zunächst sei da der soziale Sinn zu betrachten, sagt Füssel. Werden Kriegsgefangene geköpft, so gebe es gleich eine „doppelte Grenzüberschreitung“: Ein wehrloser Mensch wird auf eine entehrende Art und Weise getötet. Der Täter zerstöre damit die körperliche Integrität seines Opfers. Zudem sei die Täterperspektive wichtig: Dieser versuche damit oftmals, ein Rechtsritual zu simulieren. Denn gerade im europäischen und asiatischen Raum sei die Enthauptung historisch betrachtet ein gängiges Hinrichtungsritual.

Was sind mögliche Motive für die Enthauptung eines Kriegsgefangenen?

Allein aus dem Video könne man zumindest keine Motivation für ein solches Kriegsverbrechen ableiten, sagt Historiker Robert Gerwarth dem RND. „Womöglich ist dies ein Zeichen für eine Brutalisierung der russischen Truppen durch den schleppenden Kriegsverlauf“, vermutet der Experte. Denkbar sei auch, dass der enorme Blutzoll der Wagner-Söldner etwa beim Kampf um Bachmut zur Verrohung der Truppen beitrage. Nicht zuletzt habe die Söldnertruppe viele Schwerverbrecher in ihren Reihen, deren Hemmschwelle bei der Anwendung brutalster Gewalt möglicherweise niedriger liege. Gesichert festzustellen sei jedoch nichts davon.

Krieg in der Ukraine: weltweites Entsetzen über aufgetauchtes Enthauptungsvideo
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Die mutmaßliche Enthauptung eines ukrainischen Kriegsgefangenen löst Entsetzen und Fassungslosigkeit aus.

In der Moderne müsse man auch die „mediale Eigengeschichte“ eines solchen Verbrechens in den Fokus nehmen, sagt Füssel. Denn ein Enthauptungsvideo könne in der asymmetrischen Kriegsführung zu einer Waffe werden. Besonders die Terrormiliz IS hat in den vergangenen Jahren mit Videos von Enthauptungen immer wieder für Angst und Schrecken gesorgt. Von solchen Hinrichtungen wurde auch aus dem Berg-Karabach-Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan berichtet. Auch diese Gräuel wurden gefilmt. Die Verbreitung eines solchen Videos spreche dafür, dass die Täter auf das Terrormotiv setzen, schätzt der Experte ein. Man wolle mit der Aufnahme die Enthauptung nicht einfach dokumentieren, sondern die Menschen bewegen.

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Das Motiv „Schock und Ehrfurcht“ sei besonders für kleinere Verbände wichtig, erklärt Füssel. Diese könnten damit auch das Ziel verfolgen, sich von anderen Einheiten als stärker und grausamer abzuheben. „Oft wollen die Täter vermitteln, dass sie zu jeder Zeit und überall so brutal vorgehen können“, sagt Füssel.

Vor allem mit Blick auf das aktuelle Video könnte dies der Fall sein. Denn die in der Aufnahme zu sehende üppige Vegetation deutet darauf hin, dass der Ausschnitt keinesfalls aus diesem Frühjahr, sondern eher aus dem vergangenen Sommer stammt. Durch die späte Veröffentlichung – wohl Monate, nachdem die Tat begangen wurde – sei das Video aus dem Kontext gerissen worden, so Historiker Füssel. Dies könnte den Schockeffekt womöglich noch verstärken.

Russland will mit dem Video nichts zu tun haben. „Wir leben zunächst einmal in einer Welt der Fakes und müssen daher die Echtheit der Aufnahmen prüfen“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Mittwoch. Das seien „entsetzliche Bilder“, räumte er ein. Zunächst jedoch müsse geprüft werden, ob die Enthauptung tatsächlich stattgefunden habe. Die russische Generalstaatsanwaltschaft hat dazu am Donnerstag eine vorläufige Untersuchung eingeleitet, um „die Zuverlässigkeit des Videomaterials zu beurteilen“.

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