Kommentar

Eine deutsche Blamage – Gedenkfeier an Opfer des Olympiaattentats ohne Angehörige

Bei dem Olympiaattentat am 5. September 1972 kamen elf israelische Olympiateilnehmer ums Leben.

Bei dem Olympiaattentat am 5. September 1972 kamen elf israelische Olympiateilnehmer ums Leben.

Lässt sich die Trauer um den Tod eines geliebten Menschen, lassen sich die Verzweiflung und der Schmerz mit Geld, und sei es noch so viel, heilen? Nein, das wird nicht gelingen. Und ist die Forderung der Hinterbliebenen der Opfer des Olympiaattentats von 1972 für deutsche Verhältnisse sehr, sehr hoch? Ja, das ist wohl richtig. Aber um beides geht es hier auch schon längst nicht mehr.

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Dass die Angehörigen der elf israelischen Sportler nun für sich keine andere Möglichkeit sehen, als ihre Teilnahme an der Gedenkfeier zum 50. Jahrestags Anfang September in München abzusagen, ist für die Bundesregierung, die bayerische Landesregierung, aber auch für Deutschland insgesamt eine Blamage sondergleichen. Doch verschuldet hat sie nicht nur die aktuelle Regierung mit ihrem eigenartig verzagten Verhalten in den vergangenen Wochen – sie ist das Resultat einer 50‑jährigen Mischung aus deutschem Hochmut, Naivität und Ignoranz.

Blauäugigkeit schon vor dem Attentat

Das Drama begann, genau genommen, schon vor den Olympischen Spielen von 1972 selbst, in der Vorbereitung dessen, was doch bitte „die heiteren Spiele von München“ werden sollten. Deutschland wollte sich lösen vom Makel der bis dahin letzten Spiele auf deutschem Boden, den Nazi-Spielen 1936 in Berlin. Fröhlich sollte es zugehen, friedlich, zivil, und dafür war Politik und Polizei vor allem in München jede Blauäugigkeit recht. An Warnungen hat es nicht gefehlt, doch die deutsche Polizei wehrte ab: Ein palästinensisches Attentat? Aber bei uns doch nicht. Doch mit Blumen statt Pistolen ließen sich die Sportler nicht schützen. Noch als am mörderischen Ernst der palästinensischen Terroristen keinerlei Zweifel mehr bestand, lehnten die Deutschen die Hilfe israelischer Spezialisten und Spezialistinnen borniert ab. Nein, wir können das schon selbst, beschied man den Mossad-Fachleuten. Niemand weiß, ob sich die israelischen Geiseln mit anderen Mitteln hätten retten lassen. Doch es war nicht nur palästinensischer Hass, der die Israelis auf dem Flugfeld Fürstenfeldbruck tötete, sondern auch deutscher Dilettantismus.

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Trauerfeier nach dem Attentat auf israelische Sportler 6.9.1972. Unser Bild zeigt die israelische Mannschaft in tiefer Trauer.

Trauerfeier nach dem Attentat auf israelische Sportler 6.9.1972. Unser Bild zeigt die israelische Mannschaft in tiefer Trauer.

Was dann begann, war so etwas wie die zweite Schuld im Umgang mit den Opfern der Spiele. Über Jahrzehnte mussten die Angehörigen um Aufklärung, Anerkennung und Entschädigung kämpfen. Bis heute, klagt die Sprecherin der Opferfamilien, Ankie Spitzer, die bei dem Massaker selbst ihren Mann, den Fechttrainer Andrei Spitzer, verloren hat, habe sie keine Entschuldigung aus Deutschland gehört. Es dauerte bis zum Jahr 2017, bis in München zumindest eine Gedenkstätte für die Opfer errichtet wurde (und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, auch das gehört zur Wahrheit, zumindest würdigende Worte fand). Doch bis heute sind nicht alle Archive geöffnet und blieb die Frage der Entschädigung nicht letztgültig geklärt. Die Angehörigen der Opfer, sie mussten sich lange Zeit vorkommen wie ein Störenfried in einer fröhlichen Gesellschaft, der bemüht übersehen und bei nächster Gelegenheit immer wieder hinausgebeten wird.

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Jetzt geht es ums Geld

Das alles muss man wissen, um die Situation, den Eklat, jetzt zu verstehen. Natürlich stand die Bundesregierung jetzt vor einem unangenehmen Dilemma: Sollte sie den Angehörigen der israelischen Opfer mehr zahlen als den deutschen Opfern etwa nach dem Terroranschlag in Berlin? Das wäre schwer zu vermitteln. Deutschland hat beim Schutz und der Befreiung der israelischen Sportler versagt – aber Deutschland war, anders als Libyen im Falle des Lockerbie-Attentats, natürlich nicht der Urheber dieses Verbrechens. Insofern trifft es auch der Vergleich der Angehörigen mit entsprechenden Entschädigungsleistungen nach diesem Attentat nur bedingt.

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Und, auch das stimmt: Die Bundesregierung ist den Opferfamilien mit ihrer extrem späten Zusage einer nun endlich umfassenden Aufarbeitung durchaus entgegengekommen. Jetzt geht es ums Geld. Da wird es oft hässlich. Aber die Bundesregierung, federführend ist hier das Innenministerium, hätte diesen Eklat vermeiden können, wenn es sich früher und beherzter um die Angehörigen, die seit 50 Jahren kämpfen, gekümmert hätte. Dazu hätte ein höheres Angebot gehört – und echtes, frühes und beherztes Engagement. Es wäre durchaus möglich gewesen, den Opferfamilien zu vermitteln, dass man ihr Anliegen endlich ernst nimmt. In gleichsam letzter Minute vor dem historischen Jubiläum jedoch den neuen deutschen Botschafter in Israel, Steffen Seibert, mit einem schmalen, einseitigen Angebot loszuschicken, mussten die Opferfamilien als weiteren Affront interpretieren. Nun, da sich auch der israelische Staatspräsident Herzog auf die Seite der Familien stellt, ist der Eklat da. Er wäre vermeidbar gewesen. Man hätte es nur wollen müssen.

Für ein weiteres Angebot, das die Angehörigen doch noch umstimmt, dürfte es nun zu spät sein. Der Flug und die Hotelzimmer sind storniert. Immerhin können München, Bayern und der Bund nun wiederum Geld sparen – indem sie die Gedenkfeier absagen. Ohne die Angehörigen der Opfer wäre sie nicht mehr als eine Farce.

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