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Newsletter „Klima-Check“

Die Klimakrise wird zur Gesundheitskrise

Eine Stechmücke der Art Culex pipiens complex ist an der Decke eines alten Eiskellers zu sehen. Nicht nur die eingewanderten exotischen Arten können Krankheitserreger übertragen. Heimische Stechmücken verbreiten das ursprünglich aus Afrika stammende West-Nil-Virus.

Liebe Leserinnen und Leser,

schon wieder sorgt ein Virus für Aufregung. Expertinnen und Experten beschwichtigen zwar: Eine neue Pandemie droht uns durch die Affenpocken nicht. Der Krankheitserreger hat wenig mit Sars-CoV-2 gemein. Trotzdem fühlen sich viele Menschen – nicht ganz zu Unrecht – an den Beginn der Corona-Pandemie erinnert. Denn auch bei den Affenpocken ist – wie bei Covid – der Ursprung der Infektionen unklar. Das ist ein Problem, denn das Risiko für solche Krisen wird in Zukunft wohl zunehmen.

Zoonosen werden begünstigt

Sowohl bei Corona als auch bei den Affenpocken handelt es sich um sogenannte Zoonosen, also Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen überspringen. Dieser Vorgang wird durch den Klimawandel begünstigt. Auch im Falle der Sars-CoV-2-Pandemie könnte der Klimawandel, so eine Studie aus dem vergangenen Jahr, eine Rolle gespielt haben. Denn er beeinflusst nicht nur die Lebensbedingungen von Menschen, sondern auch von Tieren. Veränderungen des Klimas haben den Ergebnissen zufolge dazu geführt, dass es in Südchina heute weniger Buschland und mehr tropische Savannen und Laubwälder gibt, die Fledermäusen als Lebensraum dienen. Dadurch sei die Region zu einem „Hotspot“ für Coronaviren geworden, die von Fledermäusen übertragen werden.

Ähnliche Verschiebungen lassen sich auch in Deutschland beobachten. Neue, invasive Stechmückenarten etwa breiten sich mit dem Klimawandel hierzulande aus – und so steigt für die Menschen die Gefahr, sich mit gefährlichen Krankheiten zu infizieren. In unserem Faktencheck der Woche erläutert RND-Redakteurin Saskia Heinze die Zusammenhänge. Klar ist: Die Klimakrise wird zur Gesundheitskrise. Nicht nur Hitze, Sturm oder Hochwasser sind eine Bedrohung für das Leben von Millionen Menschen, sondern auch Krankheiten.

 

Faktencheck der Woche

Winzige Plagegeister schwirren inzwischen wieder im Freien: Mücken. Die Tiere können im Alltag nerven, aber auch gefährliche Krankheitserreger auf den Menschen übertragen. Das West-Nil-Virus etwa, das in seltenen Fällen zum Tode führen kann. Nimmt das Ansteckungsrisiko hierzulande durch den Klimawandel zu? Und wird es bald immer mehr Mücken geben? Ein Faktencheck.

Das West-Nil-Virus unter dem Elektronenmikroskop.

Das West-Nil-Virus unter dem Elektronenmikroskop.

Wie viele Infektionen mit dem West-Nil-Virus gibt es in Deutschland – und werden es immer mehr?

Lange kursiert das West-Nil-Virus unter Mücken in Deutschland noch nicht. Ursprünglich aus den Tropen, gelangte der Erreger wahrscheinlich über Zugvögel nach Europa. 2018 wurde dann das erste Mal eine infizierter Mensch in Deutschland registriert. Noch ist eine Ansteckung die Ausnahme: Bis 2021 wurden inzwischen bundesweit 32 Fälle registriert – vor allem im Raum Berlin und Leipzig. „Aber das ist erst der Anfang“, sagt Helge Kampen, Infektionsmediziner am Friedrich-Loeffler-Institut. „Wir müssen davon ausgehen, dass sich das West-Nil-Virus weiter ausbreitet und in Deutschland bleibt.“ Konkret vorhersagen, wann es wo zu wie vielen Fällen kommen wird, kann man aber nicht.

Welche Rolle spielt dabei der Klimawandel?

Höhere Temperaturen kommen den Mücken zugute. Sie vermehren sich dadurch schneller und stechen häufiger. Wird es wärmer, beschleunigt das auch die Entwicklung von Krankheitserregern in den Mücken. Viren entwickeln sich in den Mücken bei höheren Temperaturen ebenfalls schneller. Unter solchen Bedingungen kann es gut sein, dass dann auch mehr Fälle unter Menschen auftreten. Aber auch die Globalisierung und der zunehmende Reiseverkehr begünstigen die Ausbreitung neuer Infektionskrankheiten über Mücken. Erreger aus den Tropen werden eher nach Deutschland eingeschleppt.

Sind bei wärmeren Temperaturen mehr Mücken unterwegs?

Es gibt keine Hinweise darauf, dass es durch den Klimawandel mehr Mücken gibt. Sie werden auch nicht aggressiver und Stiche jucken nicht mehr als noch vor ein paar Jahren. „Das kann persönliches Empfinden sein, aber nicht mit Daten belegt werden“, sagt Mückenforscher Kampen. Allerdings wandern neue, invasive Stechmückenarten zunehmend ein und breiten sich aus. Dazu zählt beispielsweise die Asiatische Tigermücke, die dafür bekannt ist, verschiedene Krankheitserreger übertragen zu können.

Ist das West-Nil-Virus momentan der einzige Erreger, der hierzulande bei einem Mückenstich lebensgefährlich werden kann?

In Italien und Spanien gab es schon mehrere Ausbrüche mit den tropischen Erregern Dengue- und Chikungunya-Virus, die auch lebensbedrohliche Verläufe verursachen können. Die Viren sind in Deutschland aber noch nicht nachgewiesenermaßen durch Mücken übertragen worden. Man müsse sich aber darauf einstellen, dass es hier im Zuge der Klimaerwärmung in zehn bis 20 Jahren eine ähnliche Situation geben könnte wie in Südeuropa, sagt Kampen.

Wie bemerkt man eine Infektion mit dem West-Nil-Virus?

Wenn Symptome auftreten, sind sie oft unspezifisch: Fieber, Schüttelfrost und Unwohlsein. Etwa jeder 100. Infizierte entwickelt im Verlauf eine schwere neuroinvasive Form der Erkrankung. Da wird das zentrale Nervensystem befallen, Hirnhaut- und Hirnentzündungen sind die Folge. Die meisten Menschen haben aber einen symptomlosen Verlauf.

Wie kann man sich präventiv vor dem West-Nil-Virus schützen und im Fall der Fälle behandeln lassen?

Eine Impfung oder antivirale Therapie gegen das West-Nil-Virus gibt es bislang nicht. Mückenstiche vermeiden kann man durch das Tragen langärmeliger Hemden, Blusen und Hosen im Freien. Man kann auch Insektizide, Mückenspray, Moskitonetze und Fenstergitter nutzen. Mückenlarven entwickeln sich im Wasser und brauchen zehn bis 14 Tage, um sich zu entwickeln. Im Garten hilft es deshalb, die Regentonne abzudecken, Eimer und Vogeltränken einmal die Woche auszuleeren.

 

Infografik der Woche

Nur knapp jeder vierte Mensch in Deutschland lehnt einer Umfrage zufolge ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen in der Bundesrepublik generell ab. In einer am Dienstag veröffentlichten Erhebung im Auftrag des Fahrzeugportals Mobile.de sprachen sich 24 Prozent der Befragten gegen ein allgemeines Tempolimit aus. Wo die Grenze angesetzt werden sollte, da gehen die Meinungen jedoch weit auseinander. Frauen konnten sich dabei in der Tendenz häufiger für Tempolimits erwärmen und wählten niedrigere Höchstgeschwindigkeiten als Männer.

Welchen Effekt hätte ein Tempolimit von 100 Stundenkilometer auf die CO₂-Emissionen? Unsere Grafik der Woche zeigt es:

Einsparpotenzial am Personenverkehr. Die Einsparungen wurden anhand von Werten für 2020 berechnet. Fahrleistungen waren coronabedingt niedriger, tatsächliche Einsparungen können höher sein. Datenquelle: Umweltbundesamt, Bundesministerium für Digitales und Verkehr

Einsparpotenzial am Personenverkehr. Die Einsparungen wurden anhand von Werten für 2020 berechnet. Fahrleistungen waren coronabedingt niedriger, tatsächliche Einsparungen können höher sein. Datenquelle: Umweltbundesamt, Bundesministerium für Digitales und Verkehr

 

Verbrauchertipp der Woche

Viele Menschen haben beim Gedanken an die kalten Monate Sorgen. Wird es genügend Öl und Gas geben? Und wie teuer wird das? RND-Autor Sebastian Hoff hat zusammengefasst, wie Sie jetzt von fossilen Heizenergien wegkommen und dabei auch noch Geld sparen (RND+). Klar ist: Um sich wirklich unabhängig zu machen von fossilen Brennstoffen, hilft nur ein Umstieg auf erneuerbare Energien. Hier gibt es viele Alternativen:

Da die Nachfrage nach Heizungen, die ohne Öl und Gas auskommen, stark gestiegen ist, muss mit langen Wartezeiten gerechnet werden.

Da die Nachfrage nach Heizungen, die ohne Öl und Gas auskommen, stark gestiegen ist, muss mit langen Wartezeiten gerechnet werden.

  • Pelletheizungen sind zwar nachhaltig, weil ausschließlich Holzabfälle verbrannt werden. Sollte aber die Nachfrage immens steigen, könnte es sein, dass die Pellets weite Transportwege zurücklegen müssen.
  • Blockheizkraftwerke bieten sich meist für mehrere Haushalte an. Sie werden in der Regel mit Gas oder Holzhackschnitzeln betrieben und nutzen den Brennstoff optimal aus, weil sowohl Wärme als auch Strom erzeugt werden. Allerdings wird beim Verbrennen CO₂ freigesetzt.
  • Ein Anschluss ans Fernwärmenetz kann, wenn möglich, auch sinnvoll sein. Mit Solarthermie wird Wasser erwärmt. Sie ist oftmals eine gute Ergänzung zum Heizungssystem.
  • Die größte Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen bieten Wärmepumpen. Sie gibt es in drei Varianten: Entweder wird Wärme aus der Luft, aus der Erde oder dem Grundwasser gewonnen.
 

„Klima und wir“: unser Tiktok-Kanal

Wie funktioniert das 9-Euro-Ticket? Warum führt die Ampel es ein – und welche Auswirkungen hat es auf das Klima? Diese Fragen beantwortet Sophie Marie Peschke im jüngsten Video auf unserem Tiktok-Kanal „Klima und wir“.

 

Die gute Nachricht

Jeder vierte Mensch weltweit ist von Wasserknappheit bedroht. Doch es gibt noch viel Potenzial, ungewöhnliche Maßnahmen zur Wassergewinnung stärker unter die Lupe zu nehmen. So werden in Peru, Chile, Marokko und Südafrika schon teilweise seit mehr als 100 Jahren Netze eingesetzt, um Flüssigkeit aus feuchter Luft zu ernten. Eine weitere Möglichkeit sehen Experten und Expertinnen der UN-Universität sowie der UN-Agrarorganisation FAO in den Polarregionen: „Die mehr als 100.000 arktischen und antarktischen Eisberge, die jedes Jahr im Ozean schmelzen, enthalten mehr Süßwasser, als die Welt verbraucht“, schreiben sie in einem neuen Buch. In Grönland und Kanada würden sie bereits für die Trinkwasserversorgung genutzt.

 

Aktuelle Hintergründe

„Ich halte auch nichts von den aktuellen Initiativen, das Plastik aus dem Meer zu holen. Das funktioniert nicht", sagt die Umweltaktivistin Tharaka Sriram.

„Ich halte auch nichts von den aktuellen Initiativen, das Plastik aus dem Meer zu holen. Das funktioniert nicht", sagt die Umweltaktivistin Tharaka Sriram.

Die Meere spielen eine entscheidende Rolle im Kampf gegen den Klimawandel. „Das Meer ist eine essenzielle CO₂-Senke“, sagt die Umweltaktivistin Tharaka Sriram im Interview mit RND-Autorin Miriam Keilbach. „Das Meer ist unsere Lebensversicherung, damit wir weiter auf diesem Planeten existieren können.“ Doch die Ozeane versauern und erwärmen sich zunehmend. Die Plastikverschmutzung im Meer ist omnipräsent. Zahlreiche einzigartige Ökosysteme – wie etwa die Korallenriffe – sind bedroht. Das Problem: Oft fühlt sich niemand für den Schutz der Meere zuständig. Die „hohe See ist so eine Art Wilder Westen“, kritisiert Sriram.

Der Klimawandel trifft zwar die Kinder, doch der Klimaschutz darf nicht allein ihre Aufgabe sein. Müll sammeln oder Bäume pflanzen: Es gibt zahlreiche Aktionen für Kinder, bei denen sie lernen, der Umwelt und dem Klima etwas Gutes zu tun. Doch ist das fair? Klimaschutz ist die Aufgabe von Erwachsenen, sagt RND-Kolumnistin Insa Thiele-Eich.

So sollen die CO₂-Kosten zwischen Vermieter und Mieter künftig aufgeteilt werden: In dieser Woche haben es die Ampel-Minister endlich geschafft, sich auf einen Modus für die Aufteilung der CO₂-Kosten beim Heizen zwischen Mietern und Vermietern zu einigen. Sie sollen sich nach dem Energieverbrauch pro Quadratmeter richten. Frank-Thomas Wenzel erklärt, wie das aussehen soll (RND+).

 

Bild der Woche

Umgestürzte Bäume, Dächer ohne Ziegel, zerbrochene Fenster. Ein Tornado hat in Paderborn und Lippstadt vergangene Woche massive Schäden verursacht. Die Tornados in Nordrhein-Westfalen zeigen nach Ansicht von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) einmal mehr, dass mit häufigeren Extremwetterereignissen gerechnet werden muss.

Umgestürzte Bäume, Dächer ohne Ziegel, zerbrochene Fenster. Ein Tornado hat in Paderborn und Lippstadt vergangene Woche massive Schäden verursacht. Die Tornados in Nordrhein-Westfalen zeigen nach Ansicht von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) einmal mehr, dass mit häufigeren Extremwetterereignissen gerechnet werden muss.

 

Termine

Montag, 30. Mai, München: Der EU-Rechnungshof legt einen Bericht über Ausgaben fürs Klima im EU-Budget vor. Wissenschaftler der TU Kaiserslautern haben – auf Basis von Untersuchungen der Universität der Bundeswehr in München – in ihrer Studie ermittelt, was passieren muss, um München, Bayern und Deutschland insgesamt an den Klimawandel anzupassen.

Mittwoch, 1, Juni: Erster Tag im Regional- und Nahverkehr mit dem 9-Euro-Ticket.

Donnerstag, 2. Juni, Heilbronn: Das Nachhaltigkeitsfestival Wild Spaces startet. Dabei geht es um Ideen von morgen, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen soll oder wie alle zur Klimawende beitragen können.

Donnerstag, 2. Juni, Stockholm: Der Umweltgipfel Stockholm+50 in Schweden startet. Unter dem Motto „Stockholm+50: a healthy planet for the prosperity of all – our responsibility, our oppurtunity“ laden die Vereinten Nationen und Schweden mit Unterstützung der Regierung von Kenia nach Stockholm ein, um 50 Jahre nach der ersten UN-Konferenz zum Thema Umwelt über Fortschritte in der Umweltpolitik zu sprechen.

 

Haben Sie schon Ihre erste Tour mit dem 9-Euro-Ticket geplant? Welche Wirkung das Angebot haben wird, wird auch wissenschaftlich erforscht. Mehrere Universitäten haben Projekte gestartet, um seine Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen zu beleuchten.

Wie der Start des 9-Euro-Tickets läuft, darüber halten wir Sie natürlich auf dem Laufenden.

Falls Sie Anregungen oder Kritik haben, melden Sie sich gern direkt bei unserem Redaktionsteam: klima@rnd.de. Wir freuen uns auf Ihr Feedback!

Nachhaltige Grüße und bis nächste Woche

Anna Schughart und Saskia Heinze

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