Zinserhöhung

Die EZB und der kleine Mann

Warum fiel die Entscheidung so spät? Der EZB-Tower in Frankfurt im Licht der Abendsonne.

Warum fiel die Entscheidung so spät? Der EZB-Tower in Frankfurt im Licht der Abendsonne.

Gegen Geldentwertung hilft nichts so gut wie eine Zinserhöhung. Eigentlich ist das allseits bekannt. Warum also hat die Europäische Zentralbank so lange einen Bogen gemacht um diese doch eigentlich naheliegende Maßnahme?

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Im glitzernden 185 Meter hohen Büroturm der EZB in Frankfurt wird diese Frage als quälend empfunden. Sie ist aber von zentraler Bedeutung. Die EZB darf nicht zu business as usual übergehen, ohne sie zu beantworten. Den neuen Beschlüssen zur Geldpolitik müssen auch Korrekturen im Entscheidungssystem der Notenbank folgen.

Es geht hier nicht um Kleinigkeiten. Die EZB hat mit ihrer Trödelei die Eindämmung der Inflation verzögert. Die Folgen tragen jetzt 342 Millionen Menschen in der Euro-Zone, deren Geld neuerdings 9 Prozent weniger wert ist als noch vor einem Jahr.

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Inzwischen steht fest: Die Anhebung des Leitzinses am 21. Juli um einen halben Punkt kam zu spät und war zu wenig. Auch der soeben beschlossene 0,75-Punkte-Schritt ist nur der Anfang eines Prozesses mit dem Ziel, die Inflation wieder einzufangen.

Wer langsam hilft, hilft nur halb

Doppelt hilft, wer schnell hilft – die EZB führt jetzt die Umkehrung dieses Sprichworts vor: Wer langsam hilft, hilft nur halb. Die Anstrengung wird jetzt größer sein und sich länger hinziehen, als wenn die EZB früher eingegriffen hätte. Ökonomen erwarten erst fürs Jahr 2024 einen Rückgang auf Inflationsraten von dann hoffentlich nur noch 3 Prozent.

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Natürlich war zu jedem Zeitpunkt alles, was die EZB tat, gut gemeint. Mario Draghi dämpfte durch Geldvermehrung die Bankenkrise, Christine Lagarde lotste Europa auf gleiche Art durch die Corona-Krise. Beide konnten stolz darauf verweisen, dass ihre kühnen „Whatever it takes“-Manöver nicht – oder besser: noch nicht – in eine Inflation geführt hatten.

Aus diesem wundersamen ökonomischem Phänomen erwuchs bei der EZB eine Überheblichkeit – als könne die europäische Notenbank auf Dauer jenseits aller Lehrbuchweisheiten agieren. Doch so ist es nicht. Schon zwischen Juli 2021 und Februar 2022 stieg die Inflation in der Euro-Zone von 2 auf 6 Prozent, wohlgemerkt alles vor Kriegsbeginn.

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Ein zweiter Aspekt kam hinzu. In der EZB fürchtete man offenbar die Rückkehr der Euro-Krise. Diese Sorge ist alles andere als aus der Luft gegriffen.

Demnächst könnte es in Italien knirschen

Quer durch die EU sind höhere Zinsen politisch unwillkommen. Denn sie machen es allen mehr oder minder verschuldeten Staaten schwerer, ihre künftigen Haushalte aufzustellen. Plötzlich wächst der Brocken, der Jahr für Jahr wegen alter Schulden abzutragen ist. Die Unlust, sich all dem zu fügen, man kennt das aus Griechenland, kann zu Aufwallungen gegen die EU führen – als seien die Euro-Stabilitätskriterien das Problem und nicht der vielerorts permanente Verstoß dagegen. Der nächste Staat, in dem es auf diese Art knirschen könnte, ist Italien. Bei der Parlamentswahl am 25. September kann in Rom ein rechtspopulistisches Bündnis mit der Mehrheit rechnen.

Was nun? Die EZB braucht jetzt eine neue Demut. Auch die gigantische EZB kann ökonomische Grundregeln nicht übersteigen. Allein mit dem Drucken neuer Noten hat noch niemand eine Finanzkrise bewältigt. Auch muss die EZB schneller werden bei der Anpassung an aktuelle Krisen. Ein Blick zurück auf Datenreihen aus Zeiten, in denen alles gut ging, hilft niemandem.

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Zugleich aber muss die europäische Politik ihre eigene Verantwortung sehen. Jahrelang war es sehr bequem, Probleme aller Art durch mehr Geld von der EZB lösen zu können. Inzwischen sollten besonders jene, die auf diese Weise sozial Benachteiligten hatten helfen wollen, dazugelernt haben. Niemand ist so sehr auf stabiles Geld in seiner Tasche angewiesen wie der vermögenslose kleine Mann.

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