„Unsere Stimmen werden unterdrückt!“

Corona-Lockdown in der Provinz: Eine chinesische Kleinstadt schreit nach Hilfe

Arbeiter des Gesundheitswesens tragen klappbare Stühle auf dem Weg zu einem abgesperrten Wohnkomplex in Peking (Symbolbild).

Arbeiter des Gesundheitswesens tragen klappbare Stühle auf dem Weg zu einem abgesperrten Wohnkomplex in Peking (Symbolbild).

Peking. Wie ein Lauffeuer verbreiten sich die Nachrichten auf den chinesischen Onlineplattformen Wechat und Weibo, im Sekundentakt ploppen erboste Kommentare auf dem Smartphone auf. Sie stammen von Bürgern aus Yingtan, einer südchinesischen Kleinstadt, die sich seit rund zwei Wochen im Lockdown befindet.

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Auf einigen Fotos, die viral gehen, ist ein kleines Mädchen zu sehen, das – offenbar ohne Begleitung ihrer Eltern – auf dem Boden eines unverputzten Quarantänelagers sitzt. Auf anderen Bildern sieht man gebrechliche Chinesinnen und Chinesen ebenfalls auf dem Boden liegen, da sämtliche Feldbetten bereits belegt sind. „Unsere Stimmen werden unterdrückt! Bitte schenkt uns Beachtung“, lautet einer der verzweifelten Hilfeschreie auf der Onlineplattform Weibo.

Nach wie vor verfolgt die Volksrepublik China eine konsequente Null-Covid-Strategie, bei der selbst kleinste Ausbrüche des Coronavirus mit Lockdowns, Massentests und Quarantäne eingedämmt werden sollen. In den ersten zwei Jahren der Pandemie hat dies auch durchaus funktioniert, wenn auch die Opfer für das Individuum stets immens waren. Doch spätestens seit Omikron stoßen die chinesischen Maßnahmen an ihre Grenzen.

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Denn wer dieser Tage auf die Landkarte der Volksrepublik blickt, sieht einen Flickenteppich aus Dutzenden Städten, in denen sich derzeit kleinere Infektionsstränge ausbreiten. Laut den Berichten von Staatsmedien und den Pressekonferenzen der nationalen Gesundheitskommission ist die Lage allerdings grundsätzlich unter Kontrolle. Von den Schattenseiten erfährt die Öffentlichkeit kaum etwas. Doch wie verlässlich sind die offiziellen Angaben tatsächlich?

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Wer den Bürgern aus Yingtan zuhört, bekommt zumindest Zweifel. „Die Schwere der Epidemie in Yingtan ist unvorstellbar, und die tägliche Zahl neuer Fälle übersteigt die offiziellen Daten bei Weitem“, schreibt etwa ein Nutzer: „In vielen Dörfern der Stadt mangelt es an Gütern des täglichen Bedarfs, Medikamenten und Personal.“

Schwierige Faktenlage

Tatsächlich ist es nahezu unmöglich, jene Berichte aus den sozialen Medien unabhängig zu überprüfen – nicht zuletzt, weil die Null-Covid-Strategie Inlandsreisen insbesondere in Risikogebiete de facto unmöglich gemacht hat. Doch der Fall Yingtan macht mehr als deutlich, dass Chinas Staatsapparat Unmengen an Energien darauf verwendet, das wahre Ausmaß der Pandemie vor der eigenen Öffentlichkeit unter Verschluss zu halten. Denn in den traditionellen Medien wird die desolate Lage der Bewohner nicht aufgegriffen. Und im Internet sorgt der Algorithmus dafür, dass sich die kritischen Meldungen nicht zu prominent verbreiten. Notfalls setzen die Zensoren mit dem digitalen Löschstift an.

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„Ohne die Infektion meiner Verwandten hätte ich nie gewusst, dass die epidemische Lage so ernst ist“, schreibt ein Anwohner auf Weibo: „Jeden Tag trifft es mehr als eine Person, die ich kenne.“

Laut den offiziellen Statistiken halten sich die Corona-Zahlen in Yingtan hingegen in Grenzen. Am Mittwoch waren es 26 Infizierte, am Dienstag nur acht. Ob die Lokalregierung bewusst ihre Angaben manipuliert, lässt sich anhand anekdotischer Social-Media-Postings nicht belegen. Doch sie zeigen deutlich, wie tief das Misstrauen teilweise gegen die Behörden ist. Und dieses ist nicht unbegründet, schließlich gibt es außerhalb des eigenen Parteiapparats kaum mehr eine unabhängige Kontrollinstanz mehr, welche das offizielle Narrativ überprüfen kann.

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„Nur ein oder zwei bestätigte Fälle werden pro Tag berichtet, aber was ist die Realität?“, fragt ein erboster Nutzer auf Weibo: „Jeden Tag fahren die Menschen in Bussen in Quarantäne!“

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