Kommentar

In Cherson stößt Putin an Grenzen

Die Ukraine soll in Cherson die russische Frontlinie durchbrochen haben.

Die Ukraine soll in Cherson die russische Frontlinie durchbrochen haben.

Militärs und Geheimdienste rund um den Globus nehmen gerade per Satellit die Lage in vier ukrainischen Dörfern unter die Lupe. Von Novodmytrivka, Arkhangelske, Tomyna Balka and Pravdyne hat die Welt zwar noch nie gehört. Doch Anfang dieser Woche hat in den unbekannten kleinen Ortschaften offenbar etwas Großes begonnen, etwas, das am Ende sogar den Gang der Weltgeschichte beeinflussen könnte: der Kampf um Cherson.

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Schon im März, kurz nach Beginn der Invasion, war es Russland gelungen, die 300.000-Einwohner-Stadt im Dnjepr-Delta einzunehmen. In den folgenden Monaten ließen Wladimir Putins Truppen in Cherson, wie überall in der Ukraine, Menschen foltern und verschwinden. Menschenrechtler beklagen massenhafte Vergewaltigungen, Umerziehungsversuche und eine Rund-um-die-Uhr-Beschallung durch Putins Staatsmedien. Bis heute jedoch fürchten die Russen den örtlichen Widerstand: Auf die Straßen von Cherson trauen sie sich nur in größeren Kolonnen, mit hohem Aufwand für die Eigensicherung.

Ein Plakat in Cherson: Untergrundgruppen drohen den russischen Besatzern, sie sollten sich zurückziehen – anderenfalls würden bald die Raketenwerfer vom Himars nachhelfen.

Ein Plakat in Cherson: Untergrundgruppen drohen den russischen Besatzern, sie sollten sich zurückziehen – anderenfalls würden bald die Raketenwerfer vom Himars nachhelfen.

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Sollte die Ukraine es in diesem Spätsommer schaffen, Cherson zurückzuerobern, wäre dies der wichtigste Wendepunkt seit Kriegsbeginn. Ohne Cherson verliert Russland die Kontrolle über die Wasserversorgung für die Krim. Ohne Cherson wird es nichts mit der durchgängigen Landverbindung von Luhansk bis Sewastopol. Ohne Cherson wird auch ein russischer Angriff auf das immer noch freie Odessa schwierig.

Keine guten Optionen für Putin

Noch bedeutsamer aber als die militärischen sind die politischen Konsequenzen. Würde die Ukraine ihre als erste an Russland verlorene Großstadt auch als erste wieder befreien, geriete Putin in die Defensive wie noch nie, auf der Weltbühne ebenso wie in den undurchsichtigen Zirkeln der Macht in Moskau.

Was will er tun, um die Blamage abzuwenden? Irgendeine heillose, auch für Russland selbst gefährliche Eskalation wagen, etwa mit atomaren oder chemischen Waffen? Oder rasch einseitig einen Waffenstillstand verkünden in der vagen Hoffnung, dies werde als Zeichen der Stärke ausgelegt? In Wahrheit hat Putin keine guten Optionen mehr.

Schon die bloße Aussicht auf eine ukrainische Gegenoffensive hat psychologisch viel verändert. Russland verlegte einige Einheiten eilends von anderen Frontabschnitten nach Cherson. Erstmals seit Kriegsbeginn musste Moskau auf Impulse der anderen Seite reagieren.

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Zugleich hat das Vertrauen russischer Zivilistinnen und Zivilisten einen Knacks bekommen: Auf der Krim sagten Putins Leute den russischen Badegästen, man habe alles unter Kontrolle – bis rauchende russische Flugfelder und nächtens berstende russische Munitionsdepots vom Gegenteil kündeten. Die Aktionen, möglich gemacht durch ein Versagen der russischen Flugabwehr, gehörten offenbar zur Vorbereitung der ukrainischen Attacke auf Cherson.

Am 9. August geriet die russische Luftwaffenbasis Saki auf der Krim unter Beschuss. Russische Touristen an den nahen Stränden entschlossen sich massenhaft zur schnellen Heimreise.

Am 9. August geriet die russische Luftwaffenbasis Saki auf der Krim unter Beschuss. Russische Touristen an den nahen Stränden entschlossen sich massenhaft zur schnellen Heimreise.

Putins Truppen wirken angreifbar

Die russische Armee zeigt in Cherson bereits unübersehbare Zeichen der Schwäche. Neuerdings versorgt sie ihre Einheiten in der westlich des Dnipro gelegenen Stadt von Osten her mit Lastwagen auf Pontonteilen, die wie Flöße notdürftig über den Fluss gesteuert werden. Die Brücken halten nach ukrainischem Präzisionsbeschuss keinen Schwerlastverkehr mehr aus. Und eine durchgängige Pontonbrücke lässt die Strömung des Dnipro nicht zu.

Noch weiß niemand, wie die ukrainische Gegenoffensive genau aussehen wird. Man wird wohl keinen großen Aufmarsch erleben, eher eine Schlinge, die sich rund um die in Cherson stationierten russischen Truppen zuzieht. Eins aber steht bereits fest: Putin ist in Cherson an Grenzen gestoßen. Plötzlich erscheinen seine Truppen angreifbarer denn je – in einem Kräftemessen, in dem es um nichts Geringeres geht als die Zukunft Europas.

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