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Israel nimmt jüdische Geflüchtete aus Ukraine auf

„Wenn Odessa bombardiert wird, merken wir das auch in Chisinau“

Am ehemaligen Eingangsbereich zum jüdischen Getto von Chisinau befindet sich seit 1993 ein Holocaustmahnmal.

Chisinau. Daria Cotorobai hat ab ihrem dritten Lebensjahr den jüdischen Kindergarten in Moldaus Hauptstadt Chisinau besucht. Als 2005 der neu erbaute jüdische Campus Kedem feierlich eröffnet wurde, trat sie mit der jüdischen Tanzgruppe auf, dann arbeitete sie nach ihrem Ökonomiestudium als Freiwillige dort und seit 2020 ist die 26-Jährige hier Direktorin des Jüdischen Kulturzentrums.

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„Kedem“ bedeutet auf Hebräisch „Antike“, steht aber in diesem Fall auch als Abkürzung für „Vereinigtes Haus der Juden in Moldau“ und widmet sich sowohl der Pflege jüdischer Tradition und Geschichte als auch der Förderung jüdischen Lebens heute. „Wir veranstalten Events, Sprachkurse, Talkrunden, Buchlesungen und Tanzabende, arbeiten mit Botschaften und Hilfsorganisationen zusammen, feiern am Freitag gemeinsam Schabbat und jetzt kümmern wir uns auch um Flüchtlinge“, berichtet Daria Cotorobai.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine am 24. Februar hat die kleine Republik Moldau rund 480.000 ukrainische Flüchtlinge aufgenommen und damit – gemessen an der eigenen Bevölkerungszahl von 2,5 Millionen – die meisten aller Unterstützerländer. Etwa 90.000 Geflüchtete sind bisher in dem Land zwischen Rumänien und der Ukraine geblieben; sie wurden meist privat in Familien aufgenommen.

Um die jüdischen Geflüchteten aus der Ukraine kümmert sich neben israelischen Hilfsorganisationen auch der jüdische Campus, der in den 2000er-Jahren dort neu gebaut wurde, wo einst eine der ältesten und größten Synagogen in Chisinau aus dem Jahr 1835 stand und der auch heute wieder eine Synagoge beherbergt. „Wir helfen, dass die Geflüchteten eine zeitweilige Unterkunft erhalten, Kleidung und Verpflegung“, berichtet Daria Cotorobai.

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Daria Cotorobai, Chefin des Jüdischen Kulturzentrums, vor dem jüdischen Campus in Moldaus Hauptstadt Chisinau.

Daria Cotorobai, Chefin des Jüdischen Kulturzentrums, vor dem jüdischen Campus in Moldaus Hauptstadt Chisinau.

Bis Mitte Mai hatte Kedem rund 600 jüdische Geflüchtete bei der Erstaufnahme und Unterbringung unterstützt. Etwa 70 Prozent von ihnen wollen nach Israel auswandern, sagt Daria Cotorobai. Dazu müssen Dokumente geprüft, Flüge organisiert werden. Tel Aviv hat die Verfahren zur Ausstellung israelischer Pässe beschleunigt. Rund 16.000 Menschen aus der Ukraine sind nach einem Bericht der „Jüdischen Allgemeine“ seit Kriegsbeginn in Israel aufgenommen worden.

Das sind in etwa so viele, wie heute noch in Moldau und in der von ihr abgespaltenen prorussischen Republik Transnistrien leben. 1940 waren in der damaligen rumänischen Provinz Bessarabien noch über 400.000 Jüdinnen und Juden zu Hause, von denen nur 50.000 den Massenmord durch deutsche Okkupanten und deren einheimische Helfer überlebten. Durch Auswanderungswellen in den 1970er-Jahren ging die Zahl der jüdischen Einwohner und Einwohnerinnen in der ab 1945 zur Sowjetunion gehörenden Republik Moldawien weiter stark zurück.

Westliche Militärbeobachter befürchten seit einigen Wochen, dass Russland den Krieg auf Transnistrien ausdehnen und die Ukraine auch von dort aus angreifen könnte. Seit der Abspaltung von Moldau und der Installation eines De-facto-Regimes stehen rund 2000 russische Soldaten in Transnistrien und es gibt ein riesiges Munitionsdepot, das noch aus Sowjetzeiten stammt.

Israel hatte bereits Ende April eine Reisewarnung für Transnistrien ausgesprochen und seine Staatsbürgerinnen und Staatsbürger aufgefordert, die Region sofort zu verlassen, nachdem es dort verschiedene Anschläge gegeben hatte, für die sich Russland und die Ukraine gegenseitig verantwortlich machten. „Immer, wenn etwas geschieht, steigen die Zahlen der Flüchtlinge sofort an“, hat Daria Cotorobai beobachtet. „Wenn Odessa bombardiert wird, merken wir das auch hier in Chisinau.“ Die ukrainische Schwarzmeer-Metropole Odessa ist nur rund 40 Kilometer vom Südzipfel Moldaus entfernt.

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Und auch im Inneren Moldaus nehmen die Spannungen zu: Mitte der Woche hat ein Gericht den russlandfreundlichen Ex-Präsidenten Igor Dodon im Zuge von Ermittlungen unter anderem wegen Hochverrats unter Hausarrest gestellt. Zuvor war das Haus des 47-Jährigen durchsucht worden. Dodon warf seiner politischen Gegnerin, der prowestlichen Präsidentin Maia Sandu, vor, das Verfahren bestellt zu haben, um ihn politisch auszuschalten. Er stand von 2016 bis 2020 an der Spitze des Landes.

Steht seit Mitte der Woche unter Hausarrest: Igor Dodon (47), von 2016 bis 2020 Präsident der Republik Moldau. Zuvor war das Haus des Politikers von Sicherheitskräften durchsucht worden.

Steht seit Mitte der Woche unter Hausarrest: Igor Dodon (47), von 2016 bis 2020 Präsident der Republik Moldau. Zuvor war das Haus des Politikers von Sicherheitskräften durchsucht worden.

Nach Darstellung der Justiz werden Dodon auch illegale Parteienfinanzierung – durch eine kriminelle Organisation – sowie Bestechlichkeit und Bereicherung im Amt vorgeworfen. Offenbar interessieren sich die Ermittler für Dodons enge Beziehungen zu Russland. Durchsucht worden waren auch die Räume des moldauisch-russischen Geschäftsrats, den Dodon erst im Februar gegründet hatte und seither leitet.

Trotz der drohenden Kriegsgefahr und innerer Spannungen setzt Daria Cotorobai mit ihrem neunköpfigen Team vom jüdischen Kulturzentrum ihre Arbeit unbeirrt fort. Vor dem Holocaust hatte es 77 Synagogen in der Region Moldau gegeben, heute sind es noch vier. Und es gibt auch neuen Antisemitismus. „Wir müssen uns mit antisemitischen Schmierereien an Häuserwänden und auch mit Vandalismus auseinandersetzen“, sagt Cotorobai. „Aber davon lassen wir uns nicht unterkriegen, jüdisches Leben hat in Moldau wieder eine Zukunft.“

(mit dpa)

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