Ex-Kanzlerin im Gespräch

Angela Merkel und Alexander Osang: Ein Abend unter ostdeutschen Gleichgesinnten

Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht im Berliner Ensemble neben dem Journalisten und Autor Alexander Osang.

Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht im Berliner Ensemble neben dem Journalisten und Autor Alexander Osang.

Berlin. Jürgen Trittin hatte an Angela Merkels Auftritt nichts auszusetzen. „Sie hat das anständig gemacht“, sagte der außenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion über das Interview des „Spiegel“-Journalisten Alexander Osang mit der ehemaligen Kanzlerin am Dienstagabend im Berliner Theater am Schiffbauerdamm, das ziemlich mittig zwischen Merkels Berliner Wohnung und der Regierungszentrale liegt. „Sie hat ihre Meinung zum Krieg in der Ukraine gesagt. Sie hat sich aber verkniffen, Ratschläge von der Seitenlinie zu geben.“

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Osang hatte das fast zweistündige Gespräch damit begonnen, seine Nähe zu Merkel herauszuarbeiten, die unter anderem daraus resultiert, dass beide in der DDR aufgewachsen sind. „Meine Kanzlerin werden Sie immer bleiben“, sagte er. Die 67-jährige Kanzlerin außer Diensten sagte, sie wolle in ihrem neuen Lebensabschnitt nun vor allem etwas tun, „was mir Freude macht“. Und sich von dem 60-Jährigen – der unter Berufskollegen Bewunderer, Kritiker und Neider hat – interviewen zu lassen, das schien ihr eine Freude zu werden.

Ex-Kanzlerin offener als früher

Wie es ihr gehe, wollte Osang von Merkel wissen. „Heute geht es mir persönlich sehr gut“, sagte sie – aber wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine „manchmal etwas bedrückt“. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt Anfang Dezember sei sie erstmal fünf Wochen an die Ostsee gefahren und habe dort neben der „Ostsee-Zeitung“ dicke Bücher gelesen. Dabei sei ihr zustattengekommen, dass die Menschen an der Küste so verschwiegen seien wie sie selbst, sagte Merkel, die sich offener und weicher präsentierte als ehedem.

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So berichtete Merkel von den Zitteranfällen, die sie 2019 ereilten und die nach Einschätzung der Frau aus Templin offenbar auch damit zu tun hatten, dass kurz vorher ihre Mutter gestorben war. Grundsätzlich ließ sie wissen: „Ich suche noch meinem Weg: Was ist eine Bundeskanzlerin a.D.?“

Im Wesentlichen ging es um den Krieg gegen die Ukraine, von dem Merkel sagte, er sei „ein brutaler, völkerrechtswidriger Überfall, für den es keine Entschuldigung gibt“. In dem Zusammenhang stellte sie einerseits fest: „Mein Herz hat immer für die Ukraine geschlagen.“ Ihr Respekt gehöre Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Andererseits gab Merkel Einblick in ihre Begegnungen mit dessen russischem Counterpart Wladimir Putin, für den der Zerfall der Sowjetunion eine Katastrophe gewesen sei und der seine Politik daran ausgerichtet habe. Darauf habe Deutschland reagieren müssen. Auch dass Putin sie mal mit einem Hund konfrontierte, obwohl bekannt war, dass sie ein Problem mit Hunden hat, kommentierte Merkel weniger empört als cool. „Eine tapfere Bundeskanzlerin muss mit so einem Hund fertig werden“, sagte sie.

Merkel lehnt Entschuldigung ab

Die Politpensionärin sah jedenfalls keinen Grund, sich für ihre Russland-Politik zu entschuldigen. Sie habe schon früh gewusst, dass Putin etwas unternehmen könnte, „was der Ukraine nicht guttut“, sagte Merkel. Das habe man durch Diplomatie verhüten müssen. „Ich muss mir nicht vorwerfen, ich habe zu wenig versucht.“ Die in Merkels Amtszeit weiter gewachsene Energieabhängigkeit spielte nur am Rande eine Rolle.

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Vizeadmiral Kaack, Inspekteur der Deutschen Marine.

Droht eine Eskalation von Russlands Angriffskrieg in der Ostsee, Herr Kaack?

Seit knapp 100 Tagen ist Jan Christian Kaack Inspekteur der Deutschen Marine. Im Interview spricht der Vizeadmiral ob sich Russlands Krieg gegen die Ukraine auf die Ostsee ausweiten könnte – und was er sich von Verteidigungsministerin Lambrecht wünscht.

Dafür machte Merkel aus ihrer Faszination für das russische Riesenreich trotz der aktuellen Gräueltaten kein Hehl, berichtete von Reisen in den Kaukasus zu DDR-Zeiten und tauschte sich im Gespräch mit Osang über russische Literatur aus. Die Tragik des Krieges werde „größer dadurch, dass ich das Land auch mag“, sagte sie – gemeint war: Russland mag. Da schloss sich unter ostdeutschen Gleichgesinnten ein Kreis, der über Merkels Kanzlerschaft weit hinauswies und zu dem Westdeutsche nur bedingt Zutritt haben.

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