Nach dem Richterspruch

Suche nach Abtreibungsklinik wird für Amerikanerinnen zum Wettlauf mit der Zeit

Kritiker des Abtreibungsurteils demonstrieren in Washington vor dem Weißen Haus.

Kritiker des Abtreibungsurteils demonstrieren in Washington vor dem Weißen Haus.

New York. Sie sind verzweifelt am Telefon, verängstigt, am Boden zerstört. Manche von ihnen wurden vergewaltigt, manche sind Opfer häuslicher Gewalt. Andere sind kurz nach der Geburt eines Kindes ungewollt wieder schwanger geworden. Ihre Schwangerschaft austragen, das würden sie einfach nicht schaffen, sagen viele der Frauen.

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Beraterinnen kommen kaum nach

„Herzzerreißend“, sagt Angela Huntington, der die Anrufe gelten. Sie ist Beraterin bei der Organisation Planned Parenthood in Missouri und kommt nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs in Washington, das das grundsätzliche Recht auf Schwangerschaftsabbruch in den USA gekippt hat, bei den vielen Hilferufen kaum nach.

Ihr Ansatz derzeit: Den Anruferinnen, bei denen Abtreibungstermine abgesagt wurden, einen Ersatz vermitteln – manchmal Hunderte Meilen von ihrem Wohnort entfernt. Seit Monaten hat sich Huntington auf den Ernstfall vorbereitet, nachdem ein solches Urteil im Vorfeld schon befürchtet worden war.

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Mit seiner Entscheidung hob der Supreme Court Ende Juni ein Grundsatzurteil aus dem 1973 auf. Bekannt unter dem Namen Roe vs. Wade hatte es bundesweit ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch begründet. Jetzt ist die Regelung Sache der einzelnen Staaten, und immer mehr von ihnen fahren einen rigorosen Kurs.

So treibt das Urteil Frauen quer durchs Land auf der Suche nach Kliniken, in denen eine Abtreibung noch legal möglich ist. Hilfsorganisationen und auch einige Städte und Gemeinden arbeiten an Plänen zur Unterstützung der Reiselogistik. Betreiber von Kliniken planen um und verlegen Eingriffe über die Staatsgrenzen.

Recht auf Abtreibung gekippt: Tausende demonstrieren in den USA

Der Supreme Court hatte zuvor das Urteil Roe vs. Wade aus dem Jahr 1973 gekippt, in dem das verfassungsmäßige Recht der Frau auf Abtreibung anerkannt wurde.

In Arkansas waren einige Frauen schon auf dem Weg zu ihrem Termin für den Schwangerschaftsabbruch bei Planned Parenthood, als das Urteil des Gerichts fiel.

Sie wurden umgehend wieder nach Hause geschickt. Viele hätten entsetzt und ungläubig reagiert, sagt Huntington, andere empört und sarkastisch angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen.

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Angela Huntington und ihre Kollegenschaft versuchen nun, den Frauen Termine in Kansas, Illinois oder Colorado zu vermitteln. Wenn jemand kein Geld für Benzin hat, aber Zugriff auf ein Auto, kann das Helferteam Tankkarten zur Verfügung stellen. Zusammen mit Hilfsorganisationen organisiert Planned Parenthood Flüge und Unterkünfte.

Situation in Missouri besonders schwer

In Missouri, wo Schwangerschaftsabbrüche bislang schon strengen Regeln unterlagen, ist der Eingriff seit Freitag nur noch in medizinischen Notfällen erlaubt. In Kansas City ganz im Westen des Staates überlegen nun die Behörden, Beschäftigten mit 300 Dollar für die Fahrt in einen anderen US-Staat unter die Arme zu greifen.

Auch in St. Louis prüft die Stadt Hilfen für Frauen, die über die Grenze ausweichen. „Es ist eine Art amerikanischer Alptraum, dass wir so darum ringen müssen, Gesundheitsversorgung zu schaffen“, beklagt die Stadtabgeordnete Annie Rice.

Es ist die Hölle.

Jeanne Corwin, Gynäkologin

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Jeanne Corwin sagt: „Es ist die Hölle.“ In dem Krankenhaus in Ohio, in der die Gynäkologin arbeitet, werden die meisten Frauen abgewiesen, die zu ihrem Termin kommen. Denn hier gilt jetzt: Ein Schwangerschaftsabbruch ist verboten, sobald Herztöne erkennbar sind.

Die können schon in der sechsten oder siebten Schwangerschaftswoche im Ultraschall sichtbar sein. Viele der Frauen werden aktuell über die Grenze nach Indianapolis geschickt, wo die Klinik einen weiteren Standort hat.

Die Frauen seien verzweifelt, sagt Corwin. Eine ihrer Patientinnen, im ersten Trimester schwanger, habe kürzlich eine Krebsdiagnose erhalten und brauche nun Chemotherapie. „Sie muss ihre Schwangerschaft beenden“, erklärt Corwin.

Nach Indiana geschickt

Die Frau Mitte 30 wurde nach Indiana geschickt, wo eine Abbruchfrist bis zur 14. Schwangerschaftswoche gilt. Noch – denn ab Mittwoch soll hier im Parlament in einer Sondersitzung über die künftigen Regelungen beraten werden.

Und selbst in Staaten, in denen eine Beendigung der Schwangerschaft noch erlaubt ist, könnten Frauen zur Fahrt über die Grenze gezwungen sein.

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„Nicht wegen einer Gesetzesänderung hier, sondern weil man einfach keinen zeitnahen Termin mehr bekommt“, sagt Susan Frietsche von der Organisation Women’s Law Project in Pennsylvania. Und Zeit sei in diesem Fall eben oft der entscheidende Faktor.

RND/AP

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