Zwischen Faszination und Entsetzen: Tausende fliehen vor Vulkanausbruch auf La Palma

Menschen beobachten, wie Lava aus einem Vulkan in der Nähe von El Paso auf der kanarischen Insel La Palma fließt.

Menschen beobachten, wie Lava aus einem Vulkan in der Nähe von El Paso auf der kanarischen Insel La Palma fließt.

Madrid. Was sich keiner zu sagen traute, sagte am Montag die spanische Tourismusministerin Reyes Maroto: Jetzt sei der richtige Moment, sich auf den Weg nach La Palma zu machen, um „dieses wunderbare Spektakel der Natur“ zu betrachten und „etwas Außergewöhnliches in erster Person zu genießen“. Die kanarische Politikerin Ana Oramas traute ihren Ohren nicht. „Uns ist nicht nach Scherzen“, schrieb sie auf Twitter. Angesichts evakuierter Dörfer und zerstörter Häuser gebe es nur ein Wort, die Lage zu beschreiben: „Tragödie“.

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Faszination und Entsetzen liegen nah beieinander. Der Höllenschlund hat sich am Sonntagnachmittag im Süden der Kanareninsel La Palma aufgetan, aber wer die Bilder davon sieht, kann kaum seinen Blick abwenden. „Das werden wir bis zum Grab nicht vergessen“, sagte ein Polizist, der neugierige Journalisten und andere davon abhielt, sich das Spektakel aus Feuer und Lärm und Gestank aus nächster Nähe anzusehen.

500 Meter hohe Lavasäule

Am wenigsten werden es die vergessen, die jetzt ihren Besitz verlieren. Rund hundert Häuser fraß die Lavawalze bis zum Montagnachmittag. Landwirte fürchteten um ihre Bananenplantagen. In Puerto de Naos im Südwesten der Insel wurden für alle Fälle Hotels evakuiert. Das große Glück ist, dass bisher kein Mensch zu Schaden kam. Das Höllenspektakel hatte sich angekündigt.

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Die Kanarischen Inseln sind Vulkaninseln, im Laufe der Jahrmillionen vor der westafrikanischen Küste aus dem Atlantik emporgeschleudert. Die jüngsten der acht bewohnten Inseln sind La Palma und El Hierro ganz im Westen, und dort brodelt es hin und wieder noch. Zum letzten Mal vor zehn Jahren unter Wasser vor El Hierro. Zu Lande zuletzt vor 50 Jahren auf La Palma, nicht weit vom jetzigen Ausbruchsort. Die Natur hat die Insel noch nicht fertig gestaltet und fügt alle paar Jahrzehnte ein paar neue Pinselstriche hinzu. Das wissen die 85.000 Bewohner. Sie kennen die Gefahr, aber 50 Jahre sind lang genug, um sie aus dem Bewusstsein zu verdrängen.

Doch vor ein paar Tagen, am 11. September, klopfte die Hölle wieder an: Die Seismografen registrierten erste Erdstöße, zunächst in großer Tiefe, dann immer mehr immer weiter aufsteigend, bis am Sonntag um 15.12 Uhr schließlich die Erde in der Gemeinde El Paso mit gewaltigem Getöse aufbrach, auf mehr als 1000 Meter Höhe im Bergland namens Cumbre Vieja. Im Laufe der Stunden öffnete sich die Erde an sieben weiteren Stellen ringsum und spie Lava bis zu 500 Meter in die Höhe. Aus der Ferne sah es aus, als würde dort eine Kathedrale aus Feuer gebaut. Noch höher in den Himmel stieg schwarzer Rauch auf, kein Wind bewegte ihn.

Im Bann der Bilder von der Kanareninsel

Noch vor dem Ausbruch waren die ersten Anwohner mit Gehbehinderung aus der Gegend gebracht worden, danach auch alle anderen, bis zu 10.000 Menschen. Sie waren vorgewarnt worden, dass sie das Wichtigste zusammenpacken sollten. Es gab keine Panik. Aber dann Tränen bei denen, die sahen oder erfuhren, wie ihr Besitz unter der Lava verschwand. Die wälzte sich erst etwas schneller, dann immer gemächlicher bergab Richtung Meer im Westen, ein gar nicht so gefährlich aussehender Streifen, aber ein gefräßiger. Am Montagabend sollte er die Küste erreicht haben.

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Spanien lebte an diesem Montag weiter im Bann der Bilder von der fernen Kanareninsel, die manche, aber nicht so viele, vom Urlaub kennen. La Palma ist eine Insel für Natur- und Wanderfreunde, mit seinen kurvenreichen Straßen für Autofahrer ziemlich unpraktisch, aber umso charmanter für alle, denen das nichts ausmacht. Im Norden der Insel liegen auf 2400 Metern Höhe die Sternwarten des Roque-de-los-Muchachos-Observatoriums, einem der besten Orte der Welt für den Blick ins All. Zum Glück für das Observatorium ist der Rauch aus dem Vulkan im Süden in die andere Richtung abgezogen, ihre Arbeit sei nicht beeinträchtigt, berichtet ein Sprecher. Auch der Flugverkehr auf La Palma oder den anderen Kanareninseln ist bisher nicht von Rauch oder Asche behindert. Touristen können weiter kommen oder gehen.

Der Ausbruch vom Sonntag ist der siebte im vergangenen halben Jahrtausend. Nach den Erfahrungen der Vergangenheit dürfte er noch ein paar Wochen oder Monate andauern. Keine Gefahr besteht aber für Amerika. Nach einer 20 Jahre alten britischen Studie könnte ein Vulkanausbruch auf La Palma einen Tsunami an der amerikanischen Ostküste auslösen. Das ist Stoff für Katastrophenfilme. Die Wirklichkeit ist dieses Mal, wie oft, friedlicher.

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