Wie Polizeischüler für den Ernstfall trainieren: extremer Stress hinter den Kulissen

Polizeischüler in der Ausbildung.

Polizeischüler in der Ausbildung.

Victor Ocansey ist noch immer fassungslos über die mutmaßlichen Polizistenmorde von Kusel. „Zwei von uns kommen nicht mehr auf die Dienststelle zurück. Von einem auf den anderen Augenblick ist nichts mehr wie es war. Kein Amoklauf oder auch kein Terroranschlag – ‚nur‘ eine Fahrzeugkontrolle“, so der Sprecher des Landesoberbehörde für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei Nordrhein-Westfalen (LAFP NRW). Hier sei man „fortwährend in Gedanken bei der getöteten Kollegin und dem getöteten Kollegen und ihren Angehörigen.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Fall von Kusel führe ein weiteres Mal vor Augen, sagt der 46 Jahre alte Polizeihauptkommissar, „wie gefahrvoll der Polizeiberuf und zerbrechlich das Leben sein kann“. Der Vorfall erinnere ihn – unter anderem – an den Amoklauf im Jahre 1999 in Hagen und auch 2000 in Dortmund, im Zuge derer er selbst in die Fahndungsmaßnahmen vor Ort eingebunden war. In Hagen starb damals ein Streifenpolizist. Eine Polizistin und zwei Polizisten wurden in Dortmund kaltblütig von einem Neonazi erschossen.

Ocansey: „Die Auszubildenden werden bewusst unter Stress gesetzt“

Die angehenden Polizistinnen und Polizisten bekommen in NRW in ihrem dreijährigen Bachelorstudiengang spezielle Trainings dafür: „Wir bemühen uns immer, Gefahrenlagen so realistisch wie möglich darzustellen, um so ein höchstmögliches Maß an professioneller Vorbereitung gewährleisten zu können“, sagt Ocansey.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Kulissentraining finde unter anderem in riesigen Hallen statt, in denen ein nachgebauter Marktplatz, eine Einkaufsstraße oder ein Weihnachtsmarkt aus Holz (samt Lkw und Bus) steht. „Wir haben Rollenspieler, die sehr gekonnt auch aggressives und bedrohliches Verhalten in vielen unterschiedlichen Einsatzlagen simulieren“, so Ocansey. „Wir arbeiten mit Farbmunition oder mit Platzpatronen und erzeugen realitätsnahe Geräuschkulissen und Rahmenbedingungen. Die Auszubildenden und Fortzubildenden werden in schweißtreibenden Trainings schon bewusst stark unter Stress gesetzt.“

Das alles, damit die richtigen Abläufe im Falle eines Falles in Fleisch und Blut übergegangen sind. „Polizistinnen und Polizisten gehen immer in dem Bewusstsein vor, dass sich ein vermeintlich harmloser Einsatz von der einen Sekunde auf die andere in eine gefährliche Situation verändern kann – Beispiele gibt es leider zur Genüge“, weiß Ocansey.

„Wir simulieren Einsatzlagen wie Amoklauf, Geiselnahme, Terroranschlag“

Das Training während der Ausbildung verläuft gestaffelt. Am Anfang würden einfache Situationen geprobt, die ohne Widerstandshandlungen stattfinden – etwa die Verkehrskontrolle bei einem Autofahrer, der einsichtig ist. „Von Modul zu Modul steigern wir den Schwierigkeitsgrad. Im dritten Ausbildungs- bzw. Studienjahr simulieren wir ganzheitlich sehr komplexe, realitätsnahe und damit auch schweißtreibende Einsatzlagen wie Amoklauf, Geiselnahme, Terroranschlag.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch hier wird auf realitätsnahe Situationstrainings gesetzt, die in der LAFP NRW unter anderem in Selm, Brühl oder in Schloss Holte Stukenbrock südöstlich von Bielefeld stattfinden. „Hochdynamische Situationen“ würden erzeugt, um die Polizistinnen und Polizisten das Verhalten bei gewaltsamen bis lebensbedrohlichen Einsätzen zu lehren, bei denen ihnen Angreifer und Angreiferinnen mit Messer oder Schusswaffe entgegentreten.

Schießtraining und die Handhabung der Dienstpistole sind sich wiederholende Bestandteile der Polizeiausbildung (und -fortbildungen) im Bundesland NRW. Nach der Ausbildung würden Polizisten laut Ocansey in den Themengebieten „Eingriffstechniken“ und „Schießen/Nichtschießen“ geschult, um auch auf lebensbedrohliche Gefahren vorbereitet zu sein. Jährlich legen die Beamtinnen und Beamten in NRW eine Prüfung in Treff- und Handhabungssicherheit ab. „In modernen Raumschießanlagen werden sie mit Sachverhalten konfrontiert, in denen sie lernen, blitzschnell zu entscheiden, ob sie schießen oder nicht schießen.“ Über konkrete Einsatztaktiken und Verhaltensmuster will sich der Erste Polizeihauptkommissar nicht detaillierter äußern – „aus Gründen der gebotenen Vertraulichkeit“.

Höchstmögliche professionelle Vorbereitung gewährleisten: Victor Orcansey, Pressesprecher des Landesoberbehörde für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei Nordrhein-Westfalen (LAFP NRW), weiß aus eigener Erfahrung, wie gefährlich der Polizeiberuf ist.

Höchstmögliche professionelle Vorbereitung gewährleisten: Victor Orcansey, Pressesprecher des Landesoberbehörde für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei Nordrhein-Westfalen (LAFP NRW), weiß aus eigener Erfahrung, wie gefährlich der Polizeiberuf ist.

Nach einem Schusswaffengebrauch gibt es umfassende Betreuung

Insbesondere der Schusswaffengebrauch stelle Polizistinnen und Polizisten vor große emotionale, psychische und ethische Herausforderungen, so Ocansey. „Wir lassen sie mit dieser schwierigen Herausforderung natürlich nicht allein, sie werden unterstützt und gestärkt.“ Verschiedene Betreuungs‐ und Beratungsmöglichkeiten stünden bereit, die die Betreffenden immer in Anspruch nehmen könnten. „Unmittelbar nach einem Schusswaffengebrauch oder einer schwerwiegenden Einsatzsituation stehen diverse Unterstützungsmöglichkeiten zur Verfügung – und zwar sofort.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Bei Ereignissen unter gleichzeitiger Beteiligung mehrerer Betroffener sei auch die Betreuung der Gesamtgruppe durch das Team „Psychosoziale Unterstützung“ (PSU) möglich. Das PSU-Team besteht aus Polizeiärzten und psychologisch fortgebildeten Polizeivollzugsbeamten. Die Mitglieder des PSU-Teams sind nach dem SbE/CISM-Standard (Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen / Critical lncident Stress Management) fortgebildet und zertifiziert. Das Team werde bei Bedarf, so Ocansey, durch regionale Polizeiseelsorger unterstützt.

Auch gebe es zur „ethischen Nachbereitung eines Ereignisses“ moderierte „Grenzgänge und Kraftraumbegehungen“. Es handelt sich um einen moderierten Austausch über Grenzerfahrungen und Kraftquellen. Dabei können Teilnehmende ihre Gedanken und Haltungen in vier verschiedenen Themenräumen reflektieren.

Das Thema Kusel ist an den Ausbildungsorten gegenwärtig

Rund 7.500 Kommissaranwärterinnen und -anwärter sind derzeit in der dreijährigen Ausbildung für den gehobenen Polizeivollzugsdienst des Landes Nordrhein-Westfalen. Auch bei ihnen ist Kusel Thema, weiß Orcansey. Die dort Ermordeten waren junge Kollegen – eine Polizeianwärterin von 24 Jahren, ein Oberkommissar von 29 Jahren.

Einschneidend und schmerzlich sei ein solches Ereignis, so Ocansey, „aber gleichzeitig gilt es, den Polizeidienst weiter professionell zu gewährleisten und das rund um die Uhr“. Miteinander reden helfe – „und genau das passiert gegenwärtig in der Polizei. Es braucht Zeit, solche extremen Situationen verarbeiten zu können, aber damit wird niemand alleine gelassen“, sagt Ocansey. „Ich nehme eine sehr hohe Solidarität und Anteilnahme untereinander, aber auch von außen wahr. Solch ein Zuspruch gibt vielen Kolleginnen und Kollegen Kraft und er macht Mut für die weitere gemeinsame Arbeit für die Sicherheit der Menschen im Land.“

Mehr aus Panorama

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen