Urteil im Fall Lügde: „Erschreckend empathielos und unfassbar gleichgültig“

Heiko V. versteckte sein Gesicht zu Prozessbeginn. Er wurde wegen Anstiftung zum schweren sexuellen Missbrauch und Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Kindern verurteilt.

Heiko V. versteckte sein Gesicht zu Prozessbeginn. Er wurde wegen Anstiftung zum schweren sexuellen Missbrauch und Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Kindern verurteilt.

Detmold. Als Richterin Anke Grudda am Mittwoch das erste Urteil im Lügde-Prozess verkündet, sitzt eines der Opfer ihrem Peiniger am anderen Ende des Saals direkt gegenüber. Die damals Zehnjährige wurde, wie so oft, von Dauercamper Andreas V. in seinem Wohnwagen missbraucht – der Angeklagte Heiko V. aus Stade sah live dabei zu, via Webcam-Chat. An mindestens vier solcher Videochats zwischen 2010 und 2011 soll der heute 49-Jährige teilgenommen haben, so lautete die Anklage. Mehr als 42.000 kinderpornografische Dateien fanden Ermittler außerdem bei ihm. Er wurde zu einer Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

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Angeklagter legte Geständnis ab

Ein umfassendes Geständnis hatte Heiko V. bereits am ersten Verhandlungstag abgelegt, sein Verfahren wurde von dem der beiden mutmaßlichen Haupttäter abgetrennt. Seine Rolle im hundertfachen Missbrauchsfall auf dem Campingplatz in Ostwestfalen bewertet die Vorsitzende Richterin weit geringer als die der beiden Mitangeklagten – das spiegelt sich auch im Urteil wider.

Anzurechnen sei ihm vor allem sein „wertvolles Geständnis“, das der Nebenklägerin erspart habe, vor Gericht detailliert auszusagen, betonte Richterin Grudda. Heiko V. habe die Taten nicht selbst ausgeführt, verurteilt werde er daher wegen Anstiftung und Beihilfe zu schwerem sexuellen Missbrauch sowie wegen Besitzes kinderpornografischen Materials.

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Frage der Schuldfähigkeit

Die Zahl der Taten und der Opfer sei auch nicht vergleichbar mit denen der beiden Mitangeklagten. Andreas V. und Mario S. werden 280 beziehungsweise 150 Fälle von Kindesmissbrauch in einem Zeitraum von über zwanzig Jahren vorgeworfen. Die jüngsten Opfer sollen noch im Kindergartenalter gewesen sein.

Im Verfahren von Heiko V. sollte vor allem die Schuldfähigkeit des 49-Jährigen geklärt werden, der - graues Poloshirt. Schwarze Hose, Halbglatze – sein Gesicht hinter einem grünen Pappordner versteckte. Gerichtsgutachter Bernd Roggenwallner malte nach eingehender Betrachtung der durchwachsenen Kindheit des Angeklagten, dem frühen Tod dessen Eltern und der beruflich durchaus gelungenen Entwicklung des gelernten Kochs das Bild eines Mannes, der trotz schwieriger Verhältnisse gut klargekommen sei.

Nach dem Scheitern der Ehe kam er mit Kinderpornos in Kontakt

Er sprach von einer normalen Sexualentwicklung mit weiblichen Geschlechtspartnern. Erst nach dem Ende seiner Ehe um 2010 habe er sich, als 37-Jähriger, erst für Pornografie und dann für Kinderpornografie interessiert. Eine krankhafte Pädophilie, eine Sucht oder eine Störung attestierte der Nervenarzt dem Angeklagten nicht. Er habe nie realen sexuellen Kontakt zu Kindern gehabt, sei „durchaus abstinenzfähig“ und habe sein Sexualleben mit Partnerinnen ebenfalls gepflegt.

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An seiner Schuldfähigkeit zweifelte das Gericht letztlich nicht. Und auch wenn seine persönliche Schuld am realen Missbrauch der Kinder begrenzt sei, „heißt das nicht, dass Ihr Verhalten harmlos war“, sagt Richterin Grudda zum Angeklagten. Die Tat und der E-Mailverkehr mit den beiden Mitangeklagten darüber sei „an Widerwärtigkeit nicht zu überbieten“.

Richterin: „Empathielos und gleichgültig“

Im Verfahren habe sich der Angeklagte als „erschreckend empathielos und unfassbar gleichgütig entlarvt“. Heiko V, der unter Ausschluss der Öfentlichkeit nach den Plädoyers das letzte Wort hatte, soll sich bei seinem Opfer unter Tränen entschuldigt haben.

In zwei Fällen soll er den Mitangeklagten Andreas V. zum Missbrauch aufgefordert haben. Heiko V. soll sich unter Tränen entschuldigt haben.

Von RND/Julia Rathcke

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