Jeder und jede Dritte lebt in Armut

Studierende auf Sparkurs: Ab 22 Uhr bleibt die Dusche kalt

An drei Tagen kommt es in Potsdam wegen Bauarbeiten zu Fernwärmeunterbrechungen.

Die Raumtemperatur absenken – auch in den Studentenwohnheimen Deutschlands stehen die Zeichen auf Energiesparen (und steigende Nebenkosten).

Studieren in Deutschland wird teurer. Wer beispielsweise in Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover studiert, für den steigen die Preise für das Mittagessen ab 2023 voraussichtlich um etwas weniger als ein Drittel. Wegen der Inflation und der Energiekrise werden – so das Land Niedersachsen oder der Bund nicht für die erwartete Entlastung sorgen – warme Mahlzeiten in der Mensa 80 bis 85 Cent teurer.

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Auch die Nebenkosten für Wasser, Heizung und Strom erhöhen sich bei gleichbleibenden Energiepreisen für Bewohnerinnen und Bewohner der Studentenwohnheime demnächst (zu Jahresbeginn oder ab April 2023) noch einmal um 25 Euro – falls Hilfspakete diese Kosten nicht senken. Schon zweimal waren die Nebenkosten in Hannover 2022 erhöht worden – im April um 5, im September um 17 Euro.

In Hannovers Studentenwohnheimen wird die Raumtemperatur auf 20 Grad gesenkt

Wer zu den 2774 Studenten und Studentinnen gehört, die in den 20 Wohnheimen Hannovers leben, der wird auch mit weiteren Veränderungen leben müssen. „Gerade jetzt wird die Raumtemperatur auf die empfohlenen 20 Grad abgesenkt“, sagt Miriam Riemann, die Leiterin Werkskommunikation des Studentenwerks Hannover im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Und ab 22 Uhr wird nur noch kalt geduscht – um Gas zu sparen.

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Erhöhungen sind angesichts der Situation an allen Studienorten zu erwarten, aber „solche Wege geht jedes Studentenwerk in jeder Stadt einzeln – da gibt es keine bundes- oder länderweite Vorgaben oder eine einheitliche Regelung“, sagt Stefan Grob, Pressesprecher des Deutschen Studentenwerks (DSW) in Berlin am Telefon. Der Verband habe keine Übersicht oder Liste über Maßnahmen einzelner Studentenwerke. Bekannt ist Grob der Fall Göttingen.

Oft besteht bei Studentenwerken Mietsicherheit für ein Jahr

Dort werden seit drei Wochen 5 Cent mehr pro Essen verlangt – was das Studentenwerk bei Instagram bekannt gab. Die vergleichsweise moderate Anhebung war möglich, weil man zum Energiesparen schon im Sommer die Öffnungszeiten für die große Zentralmensa und das Café Central stark verkürzt hat, wie das „Göttinger Tageblatt“ schrieb.

Studenten und Studentinnen müssten eigentlich nicht damit rechnen, dass ihnen im Laufe eines Jahres mehrfach die Mieten angehoben würden, sagt Grob. „Wir haben oft Pauschalwarmmieten. Das gibt den Studierenden Sicherheit von zumindest einem Jahr.“ Man sei eben nicht gewinnorientiert, sondern gemeinnützig und bestrebt, auch weiterhin die gestiegenen Energiekosten nicht eins zu eins auf die Studenten abzuwälzen. „Damit das so bleibt, fordern wir verstärkte Hilfe von den Bundesländern.“

Sprecherin Riemann: „Ziel, die Studierenden so wenig wie möglich zu belasten“

In Hannovers Studentenwerk unterscheidet man eine Grundmiete, die auch weiterhin fix bleibt und eine Betriebskostenpauschale, die angehoben wird. „So eine Situation hatten wir noch nie, die Preise laufen davon“, sagt Riemann, man könne das nicht mehr auffangen. Kämen die Hilfen vom Land Niedersachsen und dem Bund, würden die Betriebskosten allerdings auch umgehend wieder zurückgedreht.

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„Unser Ziel ist, die Studierenden so wenig wie möglich zusätzlich zu belasten“, versichert Riemann. „Gerade für diese Gruppe ist es eine besonders schwierige Zeit.“ Sie verweist auf die im Mai veröffentlichte Studie des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands, wonach 30 Prozent aller Studierenden in Deutschland von Armut betroffen seien.

Auch die Sache mit der kalten Dusche ist nicht in Stein gemeißelt

Müssten bei solchen Kostensteigerungen dann möglicherweise gerade solche armen Studierenden ausziehen? „Nein“, sagt Riemann so überrascht wie entschieden. „Wir haben einen sozialen Auftrag. Wir setzen gewiss niemanden auf die Straße. Wenn jemand in eine soziale Notlage kommt, sind wir gesprächsbereit und sehen zu, dass wir da Lösungen finden.“ Auch als in der Corona-Pandemie viele Studierenden plötzlich keine Jobs mehr hatten, hätten alle ihre Unterkünfte behalten.

Und man sei auch pragmatisch, gehe immer ins Gespräch, um Maßnahmen anzupassen: „Wenn 70 Prozent der Studis eines Wohnheims sagen, sie arbeiten in Spätschichten in der Gastronomie, dann ist ganz klar, dass sie dort auch nach 22 Uhr noch warm duschen können.“ Es gehe bei allen Entscheidungen bezüglich des Energiesparens darum, dass sie den Tagesablauf der Bewohner und Bewohnerinnen so wenig wie möglich belasten. Die Studierenden hätten ein Mitspracherecht. „Sie sollen sich ja auch wohlfühlen.“

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Challenge „Flip The Switch“ - Deckel auf den Topf, Kühlschranktür zu

Anfang Oktober startete das Deutsche Studentenwerk die viermonatige Kampagne „Flip The Switch“ (den Schalter umlegen), im Kern eine Social-Media-Challenge, um Studentinnen und Studenten individuell zum Energiesparen zu bewegen. Das größte Energiesparpotenzial liege „in den Studierenden selbst“, so Matthias Anbuhl, Generalsekretär des DSW. Unter #myenergychallenge sollen sich Studierende gegenseitig zu Energiesparaufgaben herausfordern, diese dokumentieren und auch in den sozialen Netzwerken posten. Unterstützt von Infobroschüren und Werbematerialien hofft man, „den Schalter im Kopf umlegen zu können“, so Anbuhl, „um gemeinsam gut durch die Krise zu kommen“.

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Persönliche E-Krisenbewältigungsvorschläge finden sich diesbezüglich bei Twitter zuhauf: Das reicht vom Vorschlag, die Raumtemperatur im Zimmer selbst um ein Grad abzusenken bis hin zur Neueinstellung von Bildschirmhelligkeit des Computers. Man solle doch – ganz banal – beim Kochen den Deckel auf den jeweiligen Topf legen, das spare ebenso Energie wie das Ladekabel aus der Steckdose zu ziehen, wenn man seine Geräte gerade nicht lädt. Ferner: Niemals den Kühlschrank länger als drei Sekunden öffnen, mit 37 Grad statt 40 Grad duschen oder am besten gleich mit kaltem Wasser. In Hannover dann nach 22 Uhr – da kommt man gar nicht erst in Versuchung, den Hahn mit dem roten Punkt zu benutzen.

Ein Institut für Owltober beim ZK der SED schlägt unter dem Challenge-Hashtag vor: „Das kapitalistische System überwinden und den Sozialismus erreichen!“ Was wohl keinesfalls bis Januar 2023 möglich ist.

In der Vorderpfalz bekommt der Meistersparer eine Party spendiert

Die Beteiligung des Studierendenwerks Vorderpfalz läuft als Pro-Kopf-Rennen. Die Wohnheime in Germersheim, Landau, Ludwigshafen und Worms mit insgesamt 970 Studierenden sparen um die Wette Kilowatt. Wer bis Ende Januar die beste Bilanz hat, wird mit dem Energiesparmeisterpreis gekürt und bekommt 2023 eine Party bezahlt.

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Über einen solchen Wettbewerb der Wohnheime denkt man in Hannover auch nach. „Wir wissen aber noch nicht genau, wie sich da Gerechtigkeit herstellen lässt“, sagt Riemann. „Die Einsparmöglichkeiten in unseren verschiedenen Gebäuden sind schon sehr unterschiedlich.“

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