#OutInChurch: 125 Mitarbeitende der katholischen Kirche outen sich – obwohl ihnen nun die Kündigung droht

Der homosexuelle Katholik Rainer Teuber ist Teil der Initiative #OutInChurch.

Der homosexuelle Katholik Rainer Teuber ist Teil der Initiative #OutInChurch.

Schwul und katholisch. „Bei Nennung dieser beiden Worte in einem Satz fallen viele um, werden rot. Immer noch. Im 21. Jahrhundert“, sagt Rainer Teuber. Er kann es selbst kaum fassen, dabei begleitet ihn das schon Jahrzehnte. Der 53-Jährige arbeitet für die Kirche. Als Leiter der Museumspädagogik und des Besucherservices der Schatzkammer am Essener Dom hat er schon unzählige Touren durch das Gotteshaus gegeben. Und ist genau das: schwul und katholisch. Mit seinem Mann ist er 2004 eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen und hat diese mittlerweile in eine Ehe umwandeln lassen.

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Dafür, so steht es im kirchlichen Arbeitsrecht, könnte ihn sein Arbeitgeber, das Essener Domkapitel, kündigen. Denn laut Arbeitsrecht der Kirchen sind Homosexualität und eine gleichgeschlechtliche Beziehung ein „schwerer Loyalitätsverstoß“ – und damit ein Kündigungsgrund.

Da ist mir auf einer Veranstaltung der Kragen geplatzt, weil wieder die unselige Verbindung zwischen Homosexualität und Pädophilie und Missbrauch gezogen wurde.

Rainer Teuber,

schwuler Katholik

Mehr als 25 Jahre arbeitet Teuber schon in seinem Job für die katholische Kirche. Erst vor rund drei Jahren hatte er sein Coming-out im Bistum Essen. „Da ist mir auf einer Veranstaltung der Kragen geplatzt, weil wieder die unselige Verbindung zwischen Homosexualität und Pädophilie und Missbrauch gezogen wurde“, erzählt der Katholik. „Aber mein Mann und ich brechen kein Gesetz. Wir leben einfach unsere Liebe.“ Zuvor hatte er, wie viele andere, seine Homosexualität geheim gehalten, aus Angst, seinen Beruf zu verlieren.

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Versteckspiel aus Angst vor Konsequenzen

In ganz Deutschland verteilt verstecken lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen, kurz LGBTIQ+, die für die katholische Kirche arbeiten, ihre Identität und ihre Sexualität. Aus Angst, das zu verlieren, was ihnen wichtig ist. Ihren Job in der Kirche, ihren Platz in der Glaubensgemeinschaft, der sie sich zugehörig fühlen, aus der sie Kraft schöpfen und die sie doch gleichzeitig auf so heftige Weise diskriminiert. Jetzt haben sich rund 125 von ihnen zusammengetan: Als Initiative mit dem Namen #OutInChurch gehen sie gemeinsamen an die Öffentlichkeit – „für eine Kirche ohne Angst“. Mit ihrem Coming-out verbinden sie Forderungen an die katholische Kirche, die gerade wegen des Missbrauchsskandals sowieso schon massiv unter Druck steht. Zuvorderst wollen sie, dass das kirchliche Arbeitsrecht angepasst wird.

Einer von den 120, die nun aufstehen gegen die Regeln ihrer Kirche, ist Teuber, der im Gegensatz zu den meisten anderen der Initiative zumindest keine Angst mehr um seinen Job haben muss. Nach seinem Coming-out im Kirchenkontext folgte keine Kündigung, sondern ein offenes Gespräch mit dem Generalvikar, wie Teuber erzählt. „Seitdem bin ich wie eine Art schwule Gallionsfigur für die Kirche in Essen geworden.“ Das Bistum sei überraschenderweise offen damit umgegangen. Es gilt als eines der liberalsten der insgesamt 27 katholischen Bistümer in Deutschland.

Aktion #liebegewinnt war erster Schritt

Teuber machte bereits im vergangenen Jahr bei der Aktion #liebegewinnt mit. Damals segneten katholische Pfarrer entgegen des erneuerten Verbots durch den Papst und den Vatikan auch homosexuelle oder geschiedene Paare. Noch immer werden diese Segnungen aber nicht vom Kirchenoberhaupt befürwortet – die Initiative #OutInChurch will nun mehr erreichen, tatsächliche Veränderungen, die sich in Rechtsänderungen und auch Entschuldigungen von ganz oben niederschlagen sollen. Viele von ihnen gehen ein großes Risiko damit ein. Denn viele von ihnen sprechen zum ersten Mal öffentlich darüber, dass sie etwa homo- oder transsexuell sind. Das könnte Konsequenzen für sie haben.

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„Die Systeme lassen sich nur von innen verändern“, ist sich Teuber aber sicher, der nie ernsthaft darüber nachgedacht hat, aus der Kirche auszutreten und sich einen anderen Museumsjob zu suchen. „Ich kann klar trennen zwischen meinem Glauben und der Kirche. Wenn Gott LGBTIQ+ nicht vorgesehen hätte, würde es uns nicht geben. Ich glaube, dass wir Teil des göttlichen Plans sind.“

Was ist das für ein göttlicher Plan?

Aber was ist das für ein göttlicher Plan, in dem Menschen wegen ihrer Sexualität oder Identität unterdrückt werden und denen mitunter große seelische Schmerzen zugefügt werden? Das ist eine Frage, die sich wohl auch Teuber und viele andere gläubige Katholiken, die sich als LGBTIQ+ definieren, stellen. So muss auch der Essener Katholik zugeben: „Ich hadere mit meiner Kirche und ihren Strukturen und der gesamten Diskriminierung.“

Doch wie er sind auch all die anderen, die sich nun offen mit der Initiative zu ihrer Sexualität und Identität bekennen, in der Kirche geblieben. Sie wollen sich dem System nicht beugen, nicht ihren Glauben und ihren Beruf, den viele von ihnen auch als Berufung verstehen, aufgeben. Das wird auch in der ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ deutlich, die sich parallel zu der Initiative an diesem Montagabend (24. Januar), ab 20.30 Uhr, mit dem Thema beschäftigt und für die Hajo Seppelt, sonst bekannt durch Investigativrecherchen im Sportbereich, und seine Kollegin Katharina Kühn mit rund 100 LGBTIQ+-Personen gesprochen haben.

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Marie Kortenbusch und Monika Schmelter hielten ihre Liebe fast 40 Jahre geheim

Hört man ihre Aussagen, zum Teil unter Tränen, wird deutlich, wie groß der Druck ist. Da sind etwa die beiden Frauen Marie Kortenbusch und Monika Schmelter, die fast 40 Jahre geheim hielten, dass sie ein Paar sind. Ihr Leben fast 40 Jahre so gestalteten, dass niemand sie „erwischt“ – extra weit von ihrem kirchlichen Arbeitsort entfernt wohnten, nie öffentlich Händchen hielten, sogar bei der Beerdigung des Vaters der einen den Kontakt mieden. Erst jetzt, wo beide im Ruhestand sind, trauen sie sich, ihre Liebe zu zeigen. Da ist aber auch etwa der viel jüngere Transmann Theo, der gerade ein Referendariat als Religionslehrer macht, aber darum bangen muss, wegen seiner Identität danach keine Lehrstelle zu bekommen. Manche sprechen von großen psychischen Problemen, einige wenige sogar von Suizidgedanken oder gar -versuchen.

Sie alle gehen mit diesem Coming-out ein Risiko ein. Und hoffen, dass es sich lohnt, dass sich etwas ändert im Arbeitsrecht – aber vor allem in der Gesellschaft.

Denn: „Der Skandal sind nicht die schwulen und lesbischen und transsexuellen Mitarbeiter*innen bei der katholischen Kirche“, sagt der schwule Katholik Teuber. „Der Skandal ist das System. Der Skandal ist dieses Arbeitsrecht. Der Skandal sind die Strukturen, womit sie uns alle in ein elendiges Versteckspiel getrieben haben.“

Alle Forderungen von #OutInChurch finden Sie auf der Website der Initiative. Die ARD-Doku „Wie Gott uns schuf“ ist bereits am 24. Januar ab 6 Uhr morgens in der ARD-Mediathek zu sehen, ebenso wie weiteres umfassendes Material zu dem Thema. Im TV läuft sie abends um 20.30 Uhr. Zuerst war hier die Rede von 22.50 Uhr, die Sendezeit wurde nun vorgezogen.

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