Operationssaal aus dem 19. Jahrhundert: Londons gruseliger „Ort der Hoffnung“

In London kann man im „Old Operation Theater“ einen Operationssaal aus dem frühen 19. Jahrhundert besichtigen.

In London kann man im „Old Operation Theater“ einen Operationssaal aus dem frühen 19. Jahrhundert besichtigen.

London. Als Elizabeth Raigen an diesem Freitagmittag im Jahr 1824 im Licht der Mittagssonne und unter den Augen Dutzender wissbegieriger Studenten in den Operationssaal des St. Thomas Krankenhauses in London gebracht wird, hat sie nichts mehr zu verlieren. „Denn wer hier landete“, erklärt Monica Walker, Historikerin im „Old Operating Theatre“, und deutet dabei auf die Holzpritsche vor sich, „der wäre ohne einen Eingriff ohnehin gestorben“.

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Die 60-jährige Patientin, die der armen Arbeiterschicht angehörte, hatte einen Unfall. Sie war von einem Wagen angefahren worden. Dabei erlitt sie einen offenen Bruch, der sich wenige Tage später entzündete. Schließlich blieb laut den Ärzten nur noch eine Möglichkeit, um das Leben der Frau zu retten: eine Amputation des Beines unterhalb des Knies. „Man fragte sie, ob sie dem Eingriff zustimmt, sie willigte ein, sagt Walker. „Sie wollte leben.“ Der Operationssaal sei auch „ein Ort der Hoffnung“ gewesen.

Monica Walker demonstriert, wie die Operation bei Elizabeth Raigen ablief.

Monica Walker demonstriert, wie die Operation bei Elizabeth Raigen ablief.

Bei dem „Ort der Hoffnung“, wie es Walker beschreibt, handelt es sich um den eigens für Patientinnen im Jahr 1822 eingerichteten Operationssaal im früheren St. Thomas Krankenhaus, das sich damals noch im Stadtteil Southwark, südlich der City of London befand. Der neue Saal war nötig geworden, weil sich im Zuge der Industrialisierung zunehmend auch Frauen bei ihrer Arbeit in Fabriken schwer verletzten. Längst in Vergessenheit geraten, wurde der Saal mit hölzernen Sitzreihen Ende der 1950-Jahre durch den Historiker Raymond Russell im Speicher einer Kirche entdeckt, in marodem Zustand zwar, bedeckt von Schmutz und Staub. Vieles war jedoch erhalten geblieben. Der Fund war auch deshalb so außergewöhnlich, weil in Europa kein weiterer Operationssaal aus dem 19. Jahrhundert mehr existiert.

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„Hier ging es gesellig zu – und laut“

Diese im englischen „Operation Theatre“ genannten Räume waren tatsächlich Theater im wörtlichen Sinne. Studenten reihten sich dicht an dicht, um im hellen Tageslicht, das durch das Dachfenster schien, einen Blick auf die blutigen Eingriffe erhaschen zu können. „Hier ging es gesellig zu – und laut“, erklärt die Historikerin. „Die Männer rauchten, unterhielten sich und beschwerten sich, wenn ihnen der Blick auf die Patientin verwehrt blieb.“

Heute gehört der aufwendig renovierte Saal zu einem Museum nahe der London Bridge, das man tatsächlich noch als Geheimtipp bezeichnen kann. Neben dem Operationssaal wird dort außerdem ein zur Lagerung von Heilkräutern genutzter Teil des Speichers des früheren Krankenhauses gezeigt – mit Exponaten, die, je nach Gusto, faszinierend oder gruselig sind, darunter Totenköpfe, Lehrbücher mit anatomischen Darstellungen sowie Gläser mit konservierten Organen.

Operationswerkzeug im „Old Operation Theater“.

Operationswerkzeug im „Old Operation Theater“.

Auch Monika Walkers Schilderungen der Operationen, die in dem Saal in den Jahren nach 1822 stattfanden, sind nichts für schwache Nerven. Denn was die 60-jährige Elizabeth Raigen während der Amputation ihres Beines durchlebte, erscheint aus heutiger Sicht schier unvorstellbar. Nicht nur, dass sie den Eingriff ohne Betäubung und Schmerzmittel überstehen musste, ihr Operateur Benjamin Travers brauchte auch noch sehr lange, um das Bein zu amputieren beziehungsweise den Knochen zu durchtrennen. Zirka 20 Minuten soll er an ihr herum gesägt haben, heißt es. „Idealerweise sollte so ein Eingriff jedoch nur etwa eine Minute dauern“, erklärt Walker. War der Chirurg schnell, erhöhte das die Überlebenschancen für die Patientinnen im St. Thomas Krankenhaus nämlich beträchtlich, unter anderem weil sie dann weniger Blut verloren.

Verband aus Stoff

Zu den schnellsten Chirurgen der damaligen Zeit gehörte Joseph Lister. Er soll in den 1940er-Jahren eine Amputation in nur 30 Sekunden durchgeführt haben und galt damals als das „schnellste Messer des Westends“. Es erscheint erstaunlich, dass Raigen im St. Thomas Krankenhaus ihrer Patientenakte zufolge während des gesamten Eingriffs bei Bewusstsein blieb – trotz der langen Tortur.

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Doch nicht nur die Bedingungen der Operation waren hart, auch von Hygienemaßnahmen verstand man damals noch wenig. Travers jedenfalls säuberte seine Messer während des Eingriffs unter anderem an seiner blutigen Schürze. Schließlich stand eine solche in dem damaligen Verständnis „als für einen erfahrenen Chirurg, der vor nichts zurückschreckt“, erklärt die Historikerin. Der befleckte Schurz war wie eine Art Auszeichnung, eine Trophäe. Und auch die Hände wusch sich der Arzt damals mutmaßlich lediglich nach der Operation, nicht aber davor. Das änderte sich erst, als unter anderem der schon erwähnte britische Chirurg Joseph Lister Ende des 19. Jahrhunderts feststellte, dass Krankheiten durch lebende Organismen verursacht werden, die in den Körper eindringen.

Travers Assistenten wussten das im Jahr 1824 nicht und verbanden die Wunden von Elizabeth Raigen nach dem Eingriff mit Streifen aus Stoff – hergestellt aus den Laken verstorbener Patienten. Die Arbeiterin hatte unter diesen Bedingungen nach der Operation eine statistische Überlebenschance von eins zu drei. Leider gehörte sie zu denen, die den Eingriff nicht überstanden. Sie verstarb wenige Tage nach der Operation im St. Thomas Krankenhauses an der Folge einer Sepsis. „Man muss sich aber auch klarmachen, dass es viele Menschen gab, die dank dieser Operationen weiterleben konnten“, betont Walker. Und: „Die Erfahrungen und Erkenntnisse, die man damals machte, legten den Grundstein für die moderne Medizin.“

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