„Nach chinesischem Vorbild“

Null-Covid-Strategie in Hongkong: Quarantäne in Containerzellen

Patienten liegen auf Krankenbetten im provisorischen Wartebereich eines Krankenhauses in Hongkong.

Patienten liegen auf Krankenbetten im provisorischen Wartebereich eines Krankenhauses in Hongkong.

Peking. Allein die Gerüchte über einen möglichen Lockdown „nach chinesischem Vorbild“ haben in Hongkong Panikkäufe ausgelöst: Am Dienstag waren viele Supermarktregale in der Finanzmetropole restlos leer geräumt, laut Medienberichten mangelte es an Fleischprodukten sowie Gemüse und Tiefkühlessen.

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Die auf sozialen Medien zirkulierenden Berichte erinnern nicht durch Zufall an die chaotischen Tage in Europa zu Beginn der Pandemie 2020. Tatsächlich durchläuft Hongkong eine derartige Ausnahmesituation nun zeitverzögert: Während die Metropole bis Ende letzten Jahres mit gerade einmal 12.000 Infizierten vorbildlich durch die Corona-Krise gekommen ist, haben sich allein in den letzten zwei Monaten rund 200.000 Menschen infiziert – und laut Experten dürfte die Dunkelziffer um einiges höher liegen.

Die angespannte Lage wird dadurch verschärft, dass die Zentralregierung in Peking ihre in China erfolgreiche Null-Covid-Strategie mit der Brechstange auch auf Hongkong ausweitet, auch wenn diese dort längst zum Scheitern verurteilt ist.

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Kahle Container mit Gitterbetten, abgesperrten Fenstern und Plumpsklos

Ab Mitte März sollen sämtliche 7,4 Millionen Einwohner auf das Virus getestet werden. Für viele Hongkonger wäre wohl eine mögliche Erkrankung weitaus weniger besorgniserregend als die daraus resultierende Zwangsquarantäne: Denn sämtliche Infizierte sollen – ganz gleich ob mit milden oder keinen Symptomen – nach Möglichkeit in zentralisierten Einrichtungen weggesperrt werden.

Am Rande der Sonderverwaltungszone werden derzeit mit Hilfe aus Festlandchina mehrere, riesige „Camps“ errichtet, die für einen der wohlhabendsten Orte der Welt geradezu beschämend sind: Kahle Container mit Gitterbetten, abgesperrten Fenstern und kommunalen Plumpsklos.

Auf Kritik reagiert die Regierung höchst schnippisch. „Erwarten Sie, dass die Übergangseinrichtungen wie Hotels sind?“, schreibt die pekingtreue Abgeordnete Regina Ip bei Twitter als Antwort auf erboste Hongkonger. Doch tatsächlich sind die Quarantänecamps vor allem ein Beispiel für behördlichen Aktionismus. Denn im Zuge einer Null-Covid-Strategie sind zusammengedrängte Lager an Infizierten mit Gemeinschaftstoiletten eher kontraproduktiv.

Vor allem aber erhöhen sie die psychologischen Folgekosten für die Bevölkerung. In einer zentralisierten Quarantäneanlage in Penny’s Bay haben die Behörden letzte Woche innerhalb von einem Zeitraum von gerade einmal 72 Stunden insgesamt vier Suizidversuche registriert.

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„Niemand würde erfahren, wenn ich sterben würde“

Auf online zirkulierenden Kurzvideos ist zu sehen, wie verzweifelt viele Hongkonger in den Lagern sind. Eine 59‑jährige Frau droht an, vom Dach ihres Gebäudes zu springen. Ein anderer Mann schläft aus Protest im Freien vor seinem Isolationscontainer, da er laut eigener Aussage keine medizinische Hilfe für eine chronische Erkrankung erhält. „Es ist wie ein Konzentrationslager. Niemand würde erfahren, wenn ich sterben würde“, sagt er.

Doch auch medizinische Experten zweifeln die strenge Isolationspolitik in Hongkong längst an. Denn bei weit über 10.000 Infektionen pro Tag sei es aussichtslos, weiterhin zu probieren, das Virus vollständig auszuradieren. Die meisten der Infizierten wären besser dran, sich in ihrer eigenen Wohnung auszukurieren. Doch auf Druck der Zentralregierung in Peking muss Hongkong weiterhin am Null-Covid-Mantra festhalten.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich in Festlandchina erstmals eine abweichende Expertenmeinung zu Wort gemeldet hat. Kein geringerer als Zeng Guang, Chefepidemiologe der nationalen Seuchenschutzbehörde, schreibt in einem Posting auf der Onlineplattform Weibo, dass angesichts milderer Verläufe durch Omikron eine „Koexistenz mit dem Virus“ das langfristige Ziel sein müsse: „Die natürliche Infektionsrate in China ist gering. In der Vergangenheit war dies ein beachtliches Ergebnis, doch mittlerweile ist es eine Schwäche“, schreibt der Virologe. Noch jedoch sei kein geeigneter Zeitpunkt für eine Öffnung des Landes.

„Endlich mal eine andere Stimme“, kommentiert ein User. Ein anderer, offensichtlich von einem der unzähligen Lockdowns betroffen, pflichtet bei: „Ja, ich will endlich zum Arbeiten und Geldverdienen aus meiner Stadt raus. Mittlerweile stecke ich bereits seit über einem Monat hier fest.“

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