Museumschef: „Einziger Schutz gegen Übergriffe ist Verglasung“

Eine Ausstellung im Sprengel-Museum Hannover (Archivfoto).

Eine Ausstellung im Sprengel-Museum Hannover (Archivfoto).

Der Fall eines 60-Jährigen, der an seinem ersten Arbeitstag als Wärter im Boris-Jelzin-Museum in Jekaterinburg ein Bild der russischen Avantgardistin Anna Leporskaja (1900–1982) mit dem Kugelschreiber „bearbeitet“ hat, schlägt Wellen. Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel-Museums Hannover, ist der Ansicht, dass eine solche Tat jederzeit und überall geschehen könnte, wo Kunstwerke nicht durch Glas geschützt sind.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Herr Spieler, dass ein Museumswärter sich mit einem Stift an einem Bild zu schaffen macht, ist ja hierzulande kaum vorstellbar, oder?

Dass das generell nicht passieren kann, würde ich nicht sagen. Wie wollen Sie das verhindern? Ich habe gelesen, dass die Aufsichtskraft, die in Jekaterinburg Augen in das Bild gemalt hat, offenbar „psychische Probleme“ hatte. Wenn Sie jemanden eingestellt haben, der sich in den Kopf gesetzt hat, so etwas zu machen, dann bringt er einen Filzstift mit, und niemand kann das verhindern.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wie könnte es doch vermieden werden?

Der einzige Schutz gegen solche Übergriffe ist eine Verglasung. Bei den Werken, die nicht verglast sind, könnte das in jedem Museum geschehen.

Werden die Wärterinnen und Wärter vorher überprüft?

Psychiatrische Vorprüfungen sind nicht Teil von Einstellungsprozessen. Es gibt klare Regeln, die sich aus dem Persönlichkeitsrecht des Arbeitnehmers ergeben. Es kann immer alles Mögliche passieren – davor ist kein Betrieb gefeit. Denken Sie an den Piloten der Germanwings-Tragödie, bei dem ein Pilot mit Depressionen bei seinem Suizid alle Passagiere mit in den Tod gerissen hat.

Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel-Museums Hannover.

Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel-Museums Hannover.

Und wie kann so eine Übermalung wie in Jekaterinburg leise und unbemerkt passieren?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Stellen Sie sich das praktisch vor: Aufsichtskräfte haben in der Regel ihren fest zugewiesenen Bereich. Wenn der- oder diejenige das in seinem Bereich tut, dauert das eine Weile, bis es jemand merkt. Wir haben ja keine Aufsichten, die wiederum Aufsichten kontrollieren. Viele Schäden sind auch gar nicht so einfach zu entdecken. Auffälliges sieht man schnell, wenn aber jemand mit einer Nadel einen Kratzer in ein Bild macht, dann bemerkt man das oft erst später. Und es wird dann schwierig, für die Versicherung den Schadenszeitraum einzugrenzen.

Auf was wird bei der Einstellung von Aufsichtspersonal geachtet?

Die Vorlage eines Führungszeugnisses ist verpflichtend bei allen Mitarbeitern – egal ob Direktor, Kuratorin oder Aufsicht. Wichtig ist, dass die Bewerberinnen und Bewerber einen zuverlässigen Eindruck machen, dass sie den Umgang mit Menschen nicht scheuen und aufmerksam sind.

Haben Sie schon einmal von einem Wärter gehört, der Ähnliches getan hat wie der Mann in Jekaterinburg?

(lacht) Thomas Bernhard hat ein Stück darüber gemacht: „Alte Meister“ heißt es, und darin gibt es einen Museumswärter, der gegen die Bilder einen regelrechten Hass entwickelt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Aber im wirklichen Leben hört man meistens von Besucherinnen und Besuchern, die Kunstwerken etwas antun. Wärterinnen und Wärter sind mir bei der Recherche nicht begegnet.

Deswegen greifen es die Medien ja auch sofort auf. Ein kurioser Fall – für das betreffende Museum natürlich überhaupt nicht witzig, aber alle anderen lachen darüber. Ich war als Student in Paris oft in dem kleinen Musée Zadkine, das dem Bildhauer Ossip Zadkine gewidmet ist, und habe dort die Skulpturen gezeichnet. Und da war ein Aufseher, der mit den Skulpturen wild diskutiert hat. Das war schon verhaltensauffällig, aber handgreiflich wurde der nie gegen die Kunst.

Gab es dafür eine Erklärung?

Ich habe da nicht nachgefragt, sondern das nur erlebt. Aber ich konnte mich schon hineinversetzen. Wenn man da zehn Jahre sechs Stunden pro Tag in diesem Atelier steht, so gut wie nie schaut ein Besucher vorbei, und es gibt nur die Skulpturen – dann redet man irgendwann mit denen.

Es gab ja auch schon Kunstwerke, die von Reinigungskräften „behandelt“ wurden. Bekommen Reinigungskräfte von Ihnen genaue Instruktionen, was sauberzumachen ist und was Kunst?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ja, wenn es bei Ausstellungen entsprechende Werke gibt, bekommen die Hausmeister ein klares Briefing, und die geben das dann an die Reinigungskräfte weiter.

Werden die Kunstwerke selbst auch abgestaubt?

Ja, klar. Das machen aber unsere Restauratorinnen.

Reinhard Spieler (geboren 1964 in Rotenburg an der Fulda) ist seit 2014 Direktor des Sprengel-Museums Hannover. Zuvor war er seit 2007 Direktor des Wilhelm-Hack-Museums in Ludwigshafen am Rhein. Spieler war Gründungsdirektor des Museums Franz Gertsch und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Er studierte Kunstgeschichte, klassische Archäologie und neuere deutsche Literatur in München, Berlin und Paris. 1997 wurde er bei Uwe M. Schneede mit einer Arbeit über die Triptychen von Max Beckmann promoviert. Neben seiner Museums- und Ausstellungstätigkeit nahm er Lehraufträge an der Kunstakademie Düsseldorf sowie an den Universitäten Düsseldorf, Bern und Heidelberg wahr. Seit Mai 2018 ist Reinhard Spieler Mitglied im Vorstand des Deutschen Museumsbundes.

Mehr aus Panorama

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken