Stadt setzt Modellprojekt um

Muezzinrufe in Köln: „Machtdemonstration“ oder Zeichen des Respekts?

Im Licht in der untergehenden Sonne ragen die Minarette der Zentralmoschee der Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) vor den Türmen des Kölner Doms in den Himmel.

Im Licht in der untergehenden Sonne ragen die Minarette der Zentralmoschee der Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) vor den Türmen des Kölner Doms in den Himmel.

Die Kölner Zentralmoschee ist ein imposantes Gebäude: Eine große graue Kuppel mit viel Glas, zwei Minaretten, Platz für 1200 Gläubige – eine der größten Moscheen in Deutschland. Die Ankündigung auf ihrer Website liest sich dagegen fast kleinlaut: „Ab dem 14.10.2022 wird aller Voraussicht nach aus der Zentralmoschee Köln der Muezzin wöchentlich für maxi­mal fünf Minuten einmalig, ohne Wiederholung, zum Freitagsgebet rufen.“ Maximal fünf Minuten – einmalig, ohne Wiederholung.

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Imposanter Kuppelbau: Die Kölner Zentralmoschee von außen.

Imposanter Kuppelbau: Die Kölner Zentralmoschee von außen.

Bevor der Gebetsruf das erste Mal überhaupt in Kölner Straßen zu hören sein wird, beschwichtigen die Verantwortlichen bereits. Denn wie so häufig, wenn es in Deutschland um islamische Rituale und Symbole geht, hat sich auch in der Domstadt vor fast genau einem Jahr eine Debatte entzündet.

Damals kündigte die Stadt ein zweijähriges Modellprojekt an: Moscheegemeinden können seitdem beantragen, ihre Gläubigen zum mittäglichen Freitagsgebet zu rufen. Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) wertete das Vorhaben als „Zeichen der gegenseitigen Akzeptanz der Religion“ und als „Bekenntnis zur grundgesetzlich geschützten Religionsfreiheit“.

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Ein symbolischer Gewinn für Erdogan?

Ein Jahr später ist aber nur eine der 35 Moscheen dem Ruf gefolgt, die Zentralmoschee – und hier liegt das Problem. Denn sie gehört zur Ditib, der Türkisch-Islamischen Union. Jener Organisation, die als verlängerter politischer Arm der türkischen Regierung gilt. Präsident Recep Tayyip Erdogan eröffnete die Moschee 2018 persönlich und ließ sich in Köln vor tausenden Anhängern und Anhängerinnen feiern – deutsche Vertreter und Vertreterinnen kamen bei seiner PR-Show nicht zu Wort.

Mit jener Organisation will die Stadt nun einen Vertrag schließen. Eine Sprecherin der Stadt Köln teilte mit, dass am Donnerstag ein entsprechender öffentlich-rechtlicher Vertrag unterzeichnet werde. Die Ditib habe bereits unterschrieben, am Donnerstag werde noch die Unterschrift von Seiten der Stadt erfolgen. Das Freitagsgebet orientiert sich am Sonnenstand und wird je nach Jahreszeit zwischen 12 und 15 Uhr ausgeführt.

Die Muezzinrufe, bemängeln Kritiker und Kritikerinnen, könnten nun als politscher Erfolg der türkischen Regierung verbucht werden. Der Berliner Islamismusexperte Ahmad Mansour befürchtet „fatale Folgen“ und spricht gegenüber der Deutschen Presse-Agentur von einer „Machtdemonstration des politischen Islam“. Die Kölner Initiative werde nicht nur bundesweit, sondern in der ganzen Welt wahrgenommen. „Es ist verheerend, wenn ausgerechnet dieser Organisation jetzt eine derartige öffentliche Anerkennung zuteil wird.“

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Ahmad Mansour wuchs in Israel in einer arabisch-palästinensischen Familie auf. Er ist Psychologe und Autor des Buches „Operation Allah – Wie der politische Islam unsere Demokratie unterwandern will“.

Ahmad Mansour wuchs in Israel in einer arabisch-palästinensischen Familie auf. Er ist Psychologe und Autor des Buches „Operation Allah – Wie der politische Islam unsere Demokratie unterwandern will“.

Auch die ehemalige Kölner Bundestagsabgeordnete Lale Akgün (SPD) hatte nach dem Bekanntwerden der Pläne kommentiert: „Die Ditib-Moschee ist inzwischen ein Symbol für den politischen Islam, eine politische Institution mit Gebetsmöglichkeiten.“ Die Erlaubnis für den Muezzinruf von der Ehrenfelder Moschee sei „ein Knicks vor dem politischen Treiben Erdogans, auch in Deutschland.“

Neben der politischen Dimension begleitete die Diskussion eine gesellschaftliche Skepsis, oft unverständlich verpackt. Es stehe zwar außer Zweifel, dass der Muezzin-Ruf unter die Religionsfreiheit falle, sagte etwa der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). „Als Ergebnis einer Abwägung mit anderen Grundrechten wird aktuell jedoch nur sehr reduziert an einzelnen Orten von Moscheen zum Gebet gerufen.“

Das habe in den vergangenen Jahren zu einer hohen gesellschaftlichen Befriedung dieses Themas geführt. „Ohne Not und Anlass, wie mir scheint, wird nun in Köln in diesen Frieden eingegriffen. Denn die Ankündigung der Stadt kommt ja quasi einem Aufruf an alle Moscheegemeinden gleich, Anträge auf Einführung des Muezzinrufs zu stellen. Ich habe die Sorge, dass damit möglicherweise mehr Streit in die Gesellschaft getragen als der Integration gedient wird.“

Zentralmoschee muss Auflagen erfüllen

Das sagt Wüst vor einem Jahr. Da konnte er nur eine Antragswelle befürchten, aber nicht wissen, dass ein Jahr später bloß eine Moschee konkret vor der Umsetzung steht. Dabei ist bei den Rufen aus der Zentralmoschee eher nicht damit zu rechnen, dass sich Bürger und Bürgerinnen gestört fühlen könnten. Der Ruf wird den Auflagen der Stadt gemäß 60 Dezibel nicht überschreiten, teilte die Kommune. Das entspricht etwa der Lautstärke eines Gesprächs von mehreren Personen. Die Rufe werden auch nicht von den jeweils 55 Meter hohen Minaretten aus gesendet, sondern über zwei Lautsprecher, die auf einen Hof zwischen Moschee und Verwaltungsbau gerichtet sind. Die Moschee liegt zudem an einer Bundesstraße.

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„Ich rechne damit, dass der Gebetsruf nicht weit außerhalb des Innenhofs zu hören sein wird“, sagte die Leiterin des Kölner Integrationsamts, Bettina Baum. Daneben muss die Moschee Flyer in der Nachbarschaft verteilen und eine Ansprechperson für Fragen und Beschwerden benennen.

Die Kölner Zentralmoschee von innen. Die Aufnahme entstand während des Tags der offenen Moschee 2020.

Die Kölner Zentralmoschee von innen. Die Aufnahme entstand während des Tags der offenen Moschee 2020.

Die Stadt hatte ihrerseits in der Ankündigung des Projekts auf christliche Bräuche verwiesen. Während in Kirchen die Glocken geläutet würden, um die Gläubigen zum gemeinsamen Gottesdienst zu rufen, seien es in den Moscheen die Rufe des Muezzins, die diesen Zweck erfüllten.

Für Islamismusexperte Ahmad Mansour funktioniert dieser Vergleich nicht. „Beim Glockengeläut geht es um Klang, beim Muezzinruf geht es um konkrete religiöse Botschaften.“ Der Muezzin rufe, dass es keinen anderen Gott als Allah gebe und dass Mohammed sein Gesandter sei. „Das ist also ein deutlicher Unterschied zu einfachem Läuten.“ Mansour sieht deshalb die türkische Regierung in ihren religiös-politischen Anliegen bestärkt.

Köln ist eines der muslimischen Zentren in Deutschland

Gerade die konservativen unter den Kölner Muslimen und Musliminnen freuen sich dagegen über ein Zeichen der Integration, wie sie betonen. Der Sprecher des Verbands der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), Erol Pürlü, sagt gegenüber dem RND: „Dass eine Stadt von sich aus die Möglichkeit anbietet, einen solchen Antrag zu stellen, zeigt, dass Muslime hier angekommen sind.“

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Neben dem VIKZ und der Ditib hat auch der Zentralrat der Muslime seinen Hauptsitz in Köln. Hier leben etwas mehr als 50.000 Türkinnen und Türken, so viel wie in keiner anderen deutschen Stadt. Hinzu kommen viele Deutsche mit türkischen Wurzeln. Schätzungsweise 11 Prozent der gut eine Millionen Kölnerinnen und Kölner sind islamischen Glaubens.

VIKZ-Sprecher Pürlü lebt seit 1986 am Rhein und ist wie der Verband fest in der Stadt verwurzelt. Der VIKZ bestimmt unter anderem in Hamburg über den Religionsunterricht mit – gilt in der Szene wegen konservativer Bildungseinrichtungen jedoch als umstritten. „Der Muezzinruf ist für uns ein Instrument, das Menschen zum Gebet einlädt. Für uns hat es keine politische Dimension, sondern eine rituelle, religiöse“, sagt Pürlü und weist andere Implikationen von sich.

Bisher, so Pürlü, werde der Muezzin-Ruf im Inneren der etwa 300 vom VIKZ betreuten Gemeinden in Deutschland ausgetragen. Obwohl der öffentliche Gebetsaufruf vielerorts im Land erlaubt sei, gebe es keine Bestrebungen der Mitgliedsgemeinden, dies zu ändern. „Es wird keinen Ansturm geben, nur weil es in Köln möglich ist.“

Landesweit unterschiedliche Regelungen

Köln ist dabei nicht die erste deutsche Stadt, die Muezzinrufe erlaubt. Landesweit einheitliche Vorgaben existieren nicht. In der Fatih-Moschee im nordrhein-westfälischen Düren ruft der Muezzin etwa schon seit den 90er-Jahren dreimal täglich. In Oer-Erkenschwick, im Norden des Ruhrgebiets, klagten Anwohner und Anwohnerinnen der Moschee gegen die Rufe, weil sie sich in ihrer Religionsfreiheit gestört fühlten; sie wollten nicht von religiösen Äußerungen behelligt werden. Auch hier führt Ditib die Gemeinde. Das Oberverwaltungsgericht von Nordrhein-Westfalen wies die Klage ab.

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Ob und wie weit sich Kölnerinnen und Kölner von dem freitäglichen Ruf aus der Zentralmoschee gestört fühlen, wird sich vermutlich erst zeigen, wenn mehr Moscheen teilnehmen. Mittlerweile hätten zehn weitere Gemeinden loses Interesse bekundet, teilte die Stadt auf RND-Anfrage mit. Doch egal, wie viele Gemeinden am Ende zusammenkommen – am lautesten werden die Rufe aus der Ditib-Moschee nachhallen.

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