Milliardär plant „perfekte“ Stadt in der Wüste - doch wie realistisch ist das?

Die Zukunftsstadt Telosa. Im Zentrum: der "Equity Tower". In dem luftigen Bauwerk sollen Pflanzen angebaut werden.

Die Zukunftsstadt Telosa. Im Zentrum: der "Equity Tower". In dem luftigen Bauwerk sollen Pflanzen angebaut werden.

Eine Stadt, in der man in 15 Minuten überall hinkommt – und das emissionsfrei. Eine Stadt, durchwachsen von grün. Eine Stadt, in der alle am Wohlstand teilhaben können. Eine Stadt, so sauber wie Tokio, so divers wie New York und mit den sozialen Absicherungen wie in Stockholm. Der US-Milliardär Marc Lore zeichnet in seinen Präsentationen derzeit eine urbane Utopie in den wärmsten Farben – und tatsächlich scheinen die Modellbilder seines Herzensprojektes „Telosa“ zu schillern. Blaue leuchtende autonome E-Autos fahren zwischen glänzenden, luftigen Hochhäusern her, die die rote untergehende Abendsonne einer Wüste irgendwo in den USA reflektieren.

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Marc Lore meint es durchaus ernst mit seinem Städtebauprojekt: Der ehemalige Walmart-Manager hat Anfang des Jahres seinen Job geschmissen, um sich ganz um die Realisierung seines Projektes zu kümmern. Im September hat er auch gleich konkrete Zahlen auf der Projektwebseite vorgestellt: Telosa, das Wort leitet sich vom griechischen Telos für „höheren Zweck“ ab, soll laut Webseite bereits ab 2030 für die ersten 50.000 Einwohner bezugsfertig sein. Für den Bau der Stadt benötigt er 500 Milliarden US-Dollar und einen unbewohnten, günstigen Fleck irgendwo in einem Wüstenstreifen in den USA. Auch noch weiter in die Zukunft wird gedacht: Nach 40 Jahren soll die Stadt eine Einwohnerzahl von 5 Millionen Menschen aufweisen – so der Plan.

Durch Telosa soll die Gesellschaft gerechter werden

Lore und sein Mitstreiter, darunter der dänische Stararchitekt Bjarke Ingels, wollen nicht nur eine von Grund auf nachhaltige Stadt erschaffen, die von Solarenergie lebt, keinen klassischen Autoverkehr hat, in der die Versorgungssysteme unsichtbar unter der Erde verlaufen. Sie wollen durch die Stadt gleich eine bessere Gesellschaft entwickeln – und zwar eine, mit gerechterem Wirtschaftssystem, in der Bildung, Inklusion und Sozialversicherung höchstes Gut sind.

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Doch kann solch eine Utopie Wirklichkeit werden? Peter Jakubowski hat daran so seine Zweifel. Der Stadtforscher ist Abteilungsleiter des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschungsprojekte im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Er hält die Bauzeit von weniger als neun Jahren für kaum umsetzbar: „Das halte ich für wenig realistisch“, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Zum Vergleich: Der Bau der Elbphilharmonie in Hamburg dauerte neun Jahre – wenn gleich das Projekt auch nicht gerade als das Vorzeigebeispiel für schnelles Bauen gilt, hatte sich doch die Fertigstellung durch verschiedene Verzögerungen verschoben.

Auch befürchtet Jakubowski, dass der private Träger abspringen könnte, wenn sich das Projekt nicht mehr rentiert. „Die privaten Betreiberinnen und Betreiber wollen ein eigenes Sozialsystem für die Stadt entwickeln. Doch was wird passieren, wenn sich Telosa nicht mehr geschäftlich trägt oder das Unternehmen Konkurs anmelden muss? Eine staatliche Regierung kann sich nicht aus der Verantwortung ziehen. Ein privates Unternehmen schon.“

Negativbeispiel: Sidewalk Labs in Toronto

Geschehen ist dies bereits beim Vorzeigeprojekt Sidewalk Labs in Toronto. Dort wollte der Google-Mutterkonzern Alphabet ein eigenes, technologiebetriebenes Stadtviertel entwickeln. Auch hier wurde von Innovation und neuen Lifestyleformen gesprochen – nun liegen aber 76 Hektar in Toronto brach, weil der Konzern wegen der Corona-Pandemie nicht mehr in das Projekt investieren wollte.

Auch würden manche Aspekte, wie der elektrobetriebene Nahverkehr, erst einmal nachhaltig wirken, könnten es beim genaueren Hinsehen aber nicht sein. „Bei den autonomen elektrischen Fahrzeugen gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie fahren 24 Stunden am Tag durch die Stadt, immer abrufbereit – dann haben sie aber viele Leerfahrten und verbrauchen Strom sowie Material. Oder sie müssen irgendwo geparkt werden. Dieses Dilemma kennt man von den E-Scootern. Doch unsere Erfahrungen aus Großstädten zeigt: Mit Individualverkehr lässt sich keine Rushhour bewältigen.“

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Das Urteil von Jakubowski ist klar: „Telosa ist in vielen Aspekten nicht zu Ende gedacht.“ Allerdings befindet sich das Projekt derzeit auch noch in der Planungsphase

Dennoch Hoffnung auf Telosa

Doch selbst, wenn sich alle technischen Voraussetzungen lösen lassen, bleibt noch immer das Problem vieler Retortenstädte: Sie werden oftmals nicht so genutzt, wie ursprünglich geplant. Ein Beispiel ist hier die Hafencity in Hamburg: Dort wurde zur Speicherstadt am Hamburger Hafen ein komplettes Stadtviertel entwickelt. Lange stand das Projekt in der Kritik, das seit den Nullerjahren realisiert wurde, da insbesondere zu Beginn Laufpublikum fehlte und das Quartier so eher verwaist als lebendig wirkte. Geändert hat sich das laut Jakubowski erst mit dem Anschluss des Viertels an die Hafenpromenade. „Wenn die ersten 50.000 Bewohner in die Stadt kommen, wird es dauern, bis sie wirklich belebt ist. Ob ein Mensch einen vom Architekten geplanten öffentlichen Ort, von denen es in Telosa viele geben soll, wirklich nutzt, hängt von vielen subjektiven multisensorischen Faktoren ab: Licht, Gerüche, Atmosphäre.“ Dadurch könne es passieren, dass Plätze zwar schön geplant seien, aber in der Praxis nicht angenommen werden würden.

Dennoch: Jakubowski und seine Kolleginnen wie Kollegen werden den Bau von Telosa im Blick behalten: Denn einerseits könnten neuartige und nachhaltige Baumaterialien dafür entwickelt werden, denn der heute so beliebte Beton gelte als wenig nachhaltig. Doch auch die Philosophie hinter Telosa, einer Stadt, die ihren Bewohner eine gerechtere Gesellschaft bietet, reizt Jakubowski: „Wer möchte nicht im Paradies leben?“

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