Lesbisches Pastorinnenpaar übers Queersein: „Kirche wird von allen gemacht“

Stefanie und Ellen Radtke betreiben gemeinsam ihren Youtube-Kanal „Anders Amen“.

Eime/Hannover. Lesbisch, Pastorin, Youtuberin. Das sollte in der heutigen Zeit nichts Besonderes mehr sein. Und doch ist es eine Kombination, die bei manchen noch immer für Aufsehen und Ärger sorgt. Genau deswegen machen Ellen und Stefanie Radtke, ein verheiratetes Pastorinnenpaar mit Kind aus dem Landkreis Hildesheim, ihren Youtube-Kanal „Anders Amen“. Sie wollen damit zeigen, dass Queersein und Kirche gut zusammenpasst – und es etwas ganz Normales ist.

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Aber ist es das auch? Ist diese Art der Lebensgemeinschaft in der evangelischen Kirche voll akzeptiert? Diese Frage kann man wohl stellen, nachdem vor rund zwei Wochen die katholische Initiative #OutInChurch an die Öffentlichkeit gegangen ist. Darin fordern 125 Menschen, dass LGBTIQ+ in der katholischen Kirche anerkannt werden – und das kirchliche Arbeitsrecht, das sie diskriminiert und Kündigungen aufgrund der Sexualität möglich macht, geändert wird.

Im evangelischen Arbeitsrecht werden LGBTIQ+ nicht diskriminiert

„Die Protestanten haben in Bezug auf gleich­geschlechtliche Beziehungen und Neuheirat nach Scheidung keinerlei Restriktionen“, berichtet Oxenknecht-Witzsch, Juristin mit Schwerpunkt im kirchlichen Arbeitsrecht, im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) über die Regelungen der evangelischen Kirche. „Sie stehen dem offen gegenüber“, sagt sie mit Bezug auf die rechtlichen Grundlagen.

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Dass es aber in einigen evangelischen Landeskirchen trotzdem noch zu Diskriminierung von queeren Menschen kommt, erzählen Stefanie und Ellen Radtke dem RND. Dabei sei das größte Problem in der evangelischen Kirche, dass jede Landeskirche ihre eigenen Regeln aufstelle. „Queer sein in Berlin ist überhaupt kein Problem, in Hannover auch nicht. Wenn man aber in Sachsen queer ist, haben wir es schon häufig erlebt, dass die Pastor*innen schnell abwandern“, berichtet die 37-jährige Ellen Radtke. Es gebe zwar in keiner Landeskirche ein Arbeitsrecht, das die Kündigung von LGBTQI+ rechtfertige. „Aber es gibt Arbeitsrechtlücken, die es ermöglichen, dass Ehrenamtliche aus der Gemeinde sagen, dass sie das nicht wollen. Und dann werden die Queeren rausgeschmissen“, schildert sie die Realität. Die Pastorin, die katholisch aufwuchs und als Jugendliche zum evangelischen Glauben konvertierte, meint: „Wir stellen uns als evangelische Kirche gern als die Besseren hin, aber es fehlt auch bei uns manchmal an Schutz vor Ehrenamtlichen.“ Sie konvertierte damals allerdings nicht wegen der Diskriminierung von LGBTIQ+ – das sei damals noch nicht so ein Thema für sie gewesen –, sondern unter anderem wegen des Umgangs mit Frauen in der katholischen Kirche.

Wir haben in unserem ganzen Lebensweg nie von unserer Kirchenleitung Diskriminierung erfahren.

Ellen Radtke,

Pastorin im niedersächsischen Eime

Der größte Unterschied zur katholischen Kirche ist in Sachen Queer-Rechten wohl, dass die protestantischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „von oben“ nichts zu befürchten haben. „Wir haben auf unserem ganzen Lebensweg nie von unserer Kirchenleitung Diskriminierung erfahren“, berichtet Ellen Radtke, die mit ihrer Frau Stefanie wöchentlich Videos auf dem Youtube-Kanal veröffentlicht. „Wir können uns immer, selbst wenn es an der Basis Probleme gibt, an unsere Kirchenleitung wenden, die uns den Rücken freihält. Das ist auf der katholischen Seite genau andersherum. Die können sich vielleicht über Rückenstärkung aus der Basis von ihrer Gemeinde freuen, müssen aber von oben damit rechnen, einen draufzukriegen.“ Ihre Partnerin ergänzt: „Bei uns in der evangelischen Kirche gibt es aber natürlich auch homophobe Menschen wie in der gesamten Gesellschaft. Mit denen agiert man auch als Pastorin. Nur von oben haben wir keine Repressalien zu erwarten.“

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Keine Ausgrenzung in ihrer Gemeinde

Sie selbst hätten auch in ihrer Gemeinde keine Ausgrenzung erlebt. Dass es in einem Dorf wie dem niedersächsischen Eime konservativer zugehe als in einer Großstadt, halten beide für ein Vorurteil. „Das war bei uns überhaupt nicht so. Die Leute in der Gemeinde hatten Fragen und wussten am Anfang nicht, ob sie uns beide Frau Radtke nennen dürfen“, so Ellen Radtke. Aber nachdem das geklärt worden sei, sei das Thema durch gewesen. Ihre Frau Stefanie betont: „Wir sind auch nicht die ersten Queeren im Dorf. Ich sage immer: 10 Prozent gibt es überall. Deswegen ist es so merkwürdig, dass eine katholische Kirche so tut, als ob es das nicht gibt.“

Die beiden Frauen, die vor eineinhalb Jahren Eltern eines Kindes wurden, teilen sich eine Pfarrstelle in Eime. Seit diesem Jahr werden sie sogar für ihren Youtube-Kanal „Anders Amen“ bezahlt. „Wir machen jetzt jeder mit 50 Prozent Pfarramt und mit 50 Prozent ‚Anders Amen‘“, erzählt Ellen Radtke. Zuletzt haben sie auch ein Video zum Thema #OutInChurch veröffentlicht, in dem sie mit einer an der Initiative Beteiligten sprechen.

Ellen und Stefanie Radtke finden #OutInChurch „grandios“

Obwohl sie fest in der evangelischen Kirche verwurzelt sind, beobachten sie die Bewegung genau. Ellen Radtke findet die Aktion „grandios, weil es natürlich bei den Katholik*innen genauso viele queere Jugendliche gibt. Dass die endlich Vorbilder haben, die sich zeigen, bedeutet ganz viel.“ Sie betont: „Am Ende stehen sie einfach nur zur Realität. Ich habe ja auch mitbekommen, dass viele queere Menschen in der katholischen Kirche sind. Die nehmen es jetzt einfach in die Hand und gestalten ihre Kirche.“

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Und rechnet die Pastorin dem wirklich Chancen aus, dass sich durch die Initiative etwas in der katholischen Kirche ändert? In Rom sieht sie Deutschland da auf verlorenem Posten: „Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass eine schrumpfende deutsche Kirche für den Papst ein Argument ist, während andere Länder, in denen die katholische Kirche wächst, kulturell noch ganz anders geprägt sind“, meint die 37-Jährige. Sie könne sich aber vorstellen, dass die katholische Kirche in Deutschland einen Sonderweg gehe. Ihre Frau Stefanie berichtet währenddessen, dass die negativen Kommentare auf ihrem Youtube-Kanal seit dem #OutInChurch-Video wieder zugenommen hätten. Sie erklärt sich das damit, dass sie „deren Feindbilder aufs Tableau bringen“. Die negativen Kommentare aus der evangelischen Community seien in den vergangenen zwei Jahren hingegen weniger geworden.

Negativkommentare nicht nur aus Kirchenumfeld

Stefanie Radtke verweist aber auch darauf, dass solche negativen Kommentare natürlich nicht nur aus dem Kirchenumfeld kämen. „Es gibt genauso viele Queere, die uns angreifen, weil wir Pastorinnen sind. Anfeindungen gibt es überall“, sagt sie. Trotzdem machen sie weiter und tragen ihr Leben als lesbisches, gläubiges Ehepaar mit Kind an die Öffentlichkeit – auch, um eine Anlaufstelle für andere evangelische Queere zu sein. „Uns haben ganz viele Menschen angeschrieben, dass sie durch uns wieder näheren Zugang zu Gott gefunden haben“, berichtet Ellen Radtke. Das Paar erzählt aber auch von Negativkommentaren, die sie an der Kirche zweifeln ließen. So spricht die 36-jährige Stefanie Radtke über ein lesbisches Paar, das ein Kind habe bekommen wollen, und zu dem ein Pastor gesagt habe, dass das nicht klappe, „weil das nicht von Gott gewollt ist“. „Manchmal möchte man die ganze Kirche einfach in den Mülleimer schmeißen, wenn man mitbekommt, was in ihr möglich ist“, so Ellen Radtkes ehrliche Worte dazu.

Stefanie und Ellen Radtke mit Tochter Fides.

Stefanie und Ellen Radtke mit Tochter Fides.

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Am Glauben gezweifelt oder über einen Kirchenaustritt nachgedacht hätten sie deshalb aber beide nie. „Kirche wird von allen gemacht und Kirche gehört niemandem“, findet Stefanie Radtke. „Wir können rumheulen und warten, dass man unsere Kirche gestaltet, oder wir gestalten unsere Kirche selbst.“ Das sei der Sinn ihres Youtube-Kanals und das schaffe auch die Initiative #OutInChurch mit ihrer Message. „Deswegen ist austreten so blöd. Das ist eine Flucht.“ Auch ihre Partnerin kann da klar zwischen Glaube und Kirche unterscheiden. „An der Institution Kirche kann man schon verzweifeln. Aber der Glaube selbst bleibt davon unberührt“, meint sie, und ergänzt lachend: „Sonst gäbe es vermutlich auch keine Katholik*innen mehr.“

Wird aus „Anders Amen“ irgendwann einfach „Amen“?

Beide hoffen jedenfalls, dass Queersein irgendwann in der Kirche – sowohl in der evangelischen als auch der katholischen – etwas ganz Normales, gar nicht besonders Nennenswertes mehr ist. „Dass wir irgendwann nicht mehr ‚Anders Amen‘ heißen müssen, sondern einfach ‚Amen‘.“ Bis dahin aber werden sie ihre mehr als 25.000 Abonnentinnen und Abonnenten weiter auf dem Laufenden halten.

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