Dramatische Ernteausfälle in Italien

„Biblische“ Dürre in der Po-Ebene: 125 Gemeinden stellen nachts das Wasser ab

Das Flussbett des Po ist stark ausgetrocknet. (Archivfoto)

Das Flussbett des Po ist stark ausgetrocknet. (Archivfoto)

Rom. Der kalendarische Sommer hat noch nicht einmal begonnen, und bereits jetzt präsentiert sich der größte Fluss Italiens, der Po, auf seiner ganzen Länge als Kiesbett und Sandbank; wenn in der flirrenden Hitze einmal ein Lüftchen weht, wird dort, wo sonst träge große Wassermengen vorbeiziehen, Staub aufgewirbelt, der auf der schweißnassen Haut der Anwohner kleben bleibt. Das Wasser fließt nur noch in einer engen Rinne, und im weitläufigen Delta östlich von Ferrara, wo der für die Norditaliener mythische Fluss in die Adria mündet, fließt das Wasser rückwärts: Der Pegelstand des Po ist so tief, dass der Meeresspiegel höher liegt. Bereits dringt das Salzwasser des Meeres im Flusslauf zehn Kilometer weit ins Landesinnere vor und sickert unterirdisch in die Äcker und in das Grundwasser ein.

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Die Folge davon schildert Giancarlo Mantovani, Direktor des Unterhaltskonsortiums des Po-Deltas: „Im Umkreis von 200 Metern des Flusslaufs wächst nichts mehr; die Erde ist zur Wüste geworden.“ Zahlreiche Reis- und Maisfelder seien von den Bauern bereits aufgegeben worden, und wegen des Einsickerns von Salzwasser ins Grundwasser sei es nur eine Frage der Zeit, „bis aus den Wasserhähnen wieder Salzwasser fließt wie 2006″. Im Herz der Po-Ebene, zwischen Reggio Emilia und Piacenza, führt der Po derzeit nur 300 Kubikmeter Wasser pro Sekunde – so wenig wie seit 70 Jahren nicht mehr. Normal wären in dieser Jahreszeit 1800 Kubikmeter.

Dramatische Ernteausfälle

Nicht besser sieht es im oberen Flusslauf aus, im Piemont. „Glauben sie mir, ich übertreibe nicht: Wir erleben hier eine Katastrophe biblischen Ausmaßes“, sagt der Landwirt Giuseppe Casalone, dessen Betrieb einige Kilometer südlich von Novara liegt. Der größte Teil seiner Produktion ist so vertrocknet, dass nun auch Regen nicht mehr helfen würde: Die Jungpflanzen sind bereits abgestorben. Der italienische Bauernverband rechnet damit, dass rund 40 Prozent der Früchte- und Gemüseproduktion vernichtet sind; beim Getreide, Reis, Mais und Soja dürften die Ernteausfälle über 50 Prozent betragen. Und das in einem Jahr, in dem wegen des Krieges in der Ukraine ohnehin weltweit ein dramatischer Mangel an Getreide und Mais herrscht.

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Grund für die Dürre sind die seit Monaten ausbleibenden Niederschläge. „Der letzte Regen, der diesen Namen verdient, erlebten wir an ‚Immacolata‘, also am 8. Dezember“, berichtet Bauer Casalone. Laut dem nationalen Forschungsinstitut CNR sind in diesem Jahr 40 Prozent weniger Regen und 60 Prozent weniger Schnee gefallen als normal – die italienischen Alpen sind bereits weitgehend schneefrei. Das zeigt sich auch an den Stauseen, deren Wasserstand ebenfalls viel tiefer liegt als im langjährigen Durchschnitt. Der Pegel des Lago Maggiore, des größten Sees in Norditalien, sinkt unaufhaltsam und nähert sich dem historischen Tiefststand von 1946. Und die Meteorologen prophezeien weiterhin sehr heißes und trockenes Wetter in ganz Italien.

Die Wasserknappheit des Po hat auch Auswirkungen auf die Stromversorgung: Weil es an Kühlwasser fehlt, musste bei Mantua bereits eines von drei Gaskraftwerken vom Netz genommen werden. Wenn sich die Situation nicht bald bessert, werden weitere folgen. Das weckt Erinnerungen an den „großen Blackout“ von 2003, das ebenfalls ein extremes Dürrejahr war: Damals mussten – allerdings erst im September und nicht schon Mitte Juni – gleich mehrere thermische Kraftwerke außer Betrieb genommen werden, weil sie nicht mehr gekühlt werden konnten. Dann stürzte während eines Gewitters in der Schweiz ein Baum auf eine wichtige Hochspannungsleitung, die Italien mit Importstrom versorgte – und in der Folge gingen wegen des plötzlichen Spannungsabfalls in einer Kettenreaktion von Turin bis Palermo in ganz Italien die Lichter aus.

Wasserversorgung wird nachts abgestellt

Die besonders von der aktuellen Trockenheit betroffenen Gemeinden in der Po-Ebene fordern von der Regierung die Verhängung des Notstands. 125 Kommunen haben Rationalisierungsmaßnahmen angekündigt: Während der Nacht soll die Wasserversorgung gekappt werden. In zahlreichen Städten kann die Versorgung ohnehin seit langem nur noch mit dem Einsatz von Tankwagen einigermaßen sichergestellt werden, weil die lokalen Brunnen und Zisternen den Bedarf nicht mehr decken können. Für die Bewässerung der Felder wurden fast überall strenge Restriktionen verfügt.

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Für die Wissenschaft kommt die Dürre nicht überraschend: Italien gilt als Hotspot des Klimawandels und bekommt ihn mit voller Wucht zu spüren. Letzten Sommer wurde in Catania mit 48,8 Grad Celsius die höchste je in Europa gemessene Temperatur registriert; in Städten wie Rom und Perugia sind die jährlichen Durchschnittstemperaturen seit dem Jahr 2000 laut dem nationalen Statistikamt Istat um 2 Grad angestiegen; gleichzeitig hat die Zahl der Tropen-Nächte (Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt) stark zugenommen.

Bei insgesamt geringeren Jahres-Niederschlagsmengen nehmen gleichzeitig die Extrem-Ereignisse zu: Sintflutartige Wolkenbrüche mit 500 Millimetern Niederschlag in 24 Stunden sind keine Seltenheit mehr. Wurden in Italien im Jahr 2009 noch rund 300 Extremwetter-Phänomene gezählt, waren es im Jahr 2019 laut der European Severe Weather Database mehr als 1600 – eine Verfünffachung innerhalb von zehn Jahren.

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