Ist Achtsamkeit nur eine Masche, Jan Eßwein?

Jan Eßwein

Jan Eßwein

Guten Morgen Herr Eßwein, haben Sie heute schon Achtsamkeitstraining praktiziert?

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Ja, das mache ich immer gleich nach dem Aufstehen. Die Zeit nehme ich mir. Ich starte mit aktivierenden Yogaübungen, mal eine Viertelstunde, mal 45 Minuten. Danach meditiere ich ein bisschen.

Sie gaben Seminare, beraten Unternehmen zu Achtsamkeitstraining und zur Stressabbaumethode MBSR – wie erleben Sie den Achtsamkeitsboom, von dem immer die Rede ist? Gibt es den?

Das Bewusstsein für das Thema Achtsamkeit ist in den vergangenen Jahren extrem gestiegen, viele Menschen beschäftigen sich damit. Im Vergleich dazu ist das in Unternehmen noch nicht in der Breite angekommen, wie es zum Beispiel in den USA und Großbritannien der Fall ist.

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Was interessiert die Leute daran? Ist es eine Reaktion auf die immer stressigere Welt?

Es ist eine Reaktion auf die Digitalisierung, auf die starke Beschleunigung, der wir heute ausgesetzt sind. Laut Studien geht der Trend dazu, dass wir heute in einem Lebensjahr so viele Informationen aufnehmen wie früher in einem ganzen Menschenleben. Mit früher meine ich: vor dem Internetzeitalter. Das fängt ganz früh an: Laut einer Studie sind sogar Kinderfilme heute 25-mal schneller geschnitten als vor 20 Jahren. Diese Beschleunigung, diese Überlastung mit Informationen, bedeutet für uns einen ungeheuren Stress, und da müssen wir schauen, dass wir gut auf uns achten.

Bei Achtsamkeit geht es ja auch oder vor allem darum, sich konzentrieren zu können und diese Fähigkeit zu trainieren. Genau das wird uns im Alltag mit dem Smartphone ja abtrainiert. Wir lernen ja gerade, uns nicht mehr zu konzentrieren. Können Ihre Kursteilnehmer das überhaupt noch?

Die Entwicklung, die Sie beschreiben, verläuft ja schleichend. Daher ist es vielen Menschen gar nicht bewusst, wie schlecht sie sich konzentrieren können. Wir können uns heute spontan maximal 15 Sekunden mit einer Sache beschäftigen, bevor die Aufmerksamkeit weiterspringt. Je mehr Menschen Multitasking betreiben, desto kürzer wird diese Aufmerksamkeitsspanne und desto schwieriger wird es, sich zu konzentrieren.

Eine Kritik am Achtsamkeitstraining ist, dass es ein bisschen zu perfekt in diese Welt der permanenten Selbstoptimierung und Leistungssteigerung passt. Sich nach der Arbeit entspannen zu können wird plötzlich auch als Leistung gesehen. Was sagen Sie dazu?

Achtsamkeit und Arbeitsleben ist für mich kein Widerspruch. Für mich ist dieser Zusammenhang schlicht notwendig. In der neuen Arbeitswelt wird viel weniger hierarchisch gesteuert, viel mehr kommunikativ gearbeitet, in dieser Welt braucht es eine gute Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, sich selbst einschätzen zu können: Kann ich jetzt gerade kreativ sein, oder brauche ich eine Pause? Und daher ist Achtsamkeit ein perfektes Element, das wir wirklich brauchen in der Arbeitswelt.

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Um nicht zu überdrehen und auszubrennen?

Ja.

Die Frage ist nur, ob das den Chef interessiert, ob ich mich jetzt gerade produktiv fühle. Der könnte ja auch sagen: In einer Stunde musst du fertig sein!

Wenn ich lerne, mehr auf mich zu achten, kann das auch heißen, dass ich die Entscheidung treffe, ein Arbeitsumfeld zu verlassen. Etwa wenn ich zu dem Schluss gekommen bin, dass die Bedingungen nicht hilfreich, nicht förderlich für mein Leben oder meine Gesundheit sind. Im Kleinen fängt die Achtsamkeit damit an, dass ich meinen Körper, meinen Atem besser wahrnehme. Es bedeutet, dass ich meine Emotionen und Gedanken wahrnehme. Aber im Größeren heißt es, dass ich wahrnehme, was mir guttut und was nicht. Und auf dieser Basis kann ich meine Entscheidungen treffen. Dann suche ich mir vielleicht als Konsequenz einen Arbeitsplatz, bei dem ich auf eine gesündere Weise tätig sein kann.

Sie haben gesagt, in den USA und Großbritannien sei es weitaus üblicher, dass Unternehmen Achtsamkeitstrainings für ihre Mitarbeiter buchen. Sie bieten das jetzt auch in Deutschland an. Welche Unternehmen interessieren sich dafür?

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Das geht von einem Impuls-Vortrag bei einem großen Konzern bis zur Umgestaltung in einem Unternehmen, das sich stark auf New Work und Umorganisation der Arbeitsprozesse einlässt. Die sagen: Das ist genau die Ergänzung zur Arbeit, die wir brauchen.

Sie kündigen Ihre Arbeit als “100 Prozent esoterikfrei“ an. Was bedeutet das genau? Muss Achtsamkeitstraining aus der Esoterik-Ecke befreit werden?

Die Ursprünge liegen im Buddhismus. Sie haben im Rahmen der stressreduzierenden MBSR-Methode einen säkularen Kontext gefunden, der in keiner Weise ideologisch geprägt ist.

Ein wichtiger Bestandteil dieser Methode ist der so genannte Body Scan. Das klingt für viele wie eine Art des Autogenen Trainings. Worin bestehen die Unterschiede?

Beim Autogenen Training geht es darum, einen bestimmten Zustand zu erreichen und herzustellen – warm und weich und so weiter. Beim Body Scan, beim Achtsamkeitstraining generell, geht es darum, die Qualität der eigenen Wahrnehmung, die Wahrnehmungsfähigkeit zu schärfen und zu stärken. Ein Nebeneffekt davon kann eine sehr tiefe Entspannung sein, aber es geht bei der Achtsamkeit um einen wach-entspannten Zustand. Nicht um das Wegkippen in einen schlafähnlichen Zustand wie beim Autogenen Training. Deswegen ist die Achtsamkeit auch so alltags- und realitätsnah – und mit der Arbeitswelt kompatibel –, weil wir diesen wach-entspannten Zustand genau so brauchen können in einem intensiven Gespräch, in einem kreativen Arbeitsprozess, in dem Moment, wenn wir Emotionen spüren, die im Alltag auftreten. Andere Meditationstechniken wirken während der Zeit, die man auf der Matte liegt. Achtsamkeit begleitet einen durch den ganzen Tag.

Der letzte Tarifkonflikt in der Metallbranche drehte sich interessanterweise nicht um mehr Geld oder weniger Stunden, sondern um individuelle Arbeitszeitregelungen, die zur jeweiligen Lebenssituation passten.

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Der Megatrend in unserer Gesellschaft ist die Individualisierung. Immer mehr Unternehmen entsprechen den Wünschen nach individuellen Arbeitszeiten. Dazu gehört Achtsamkeit. Unternehmen sollten auch darauf hören, was die Angestellten für sich richtig finden. Der eine will kein Dienst-Tablet, weil es ihn verrückt macht, der andere braucht es, weil er beim Pendeln morgens schon einmal Mails abarbeiten will. Es gibt immer mehr Unternehmen, die dem Bedürfnis der Angestellten nach Auszeiten, nach individuellem Arbeiten Raum geben.

Das Familienleben ist weniger flexibel – wenn man kleine Kinder hat, die morgens vor sechs Uhr aufwachen, ist man meist weder wach noch entspannt und muss trotzdem für sie da sein. Was hilft mir dann, achtsam zu sein?

Es kann sehr viel helfen. Eine Teilnehmerin in einem meiner Kurse hat beim vierten Treffen erzählt, dass es ihr jetzt zum ersten Mal seit einem Jahr gelungen sei, ihre pubertierende Tochter in einer bestimmten Situation nicht anzuschreien. Das gelang ihr, weil sie früh genug spürte, also auch wirklich körperlich spürte, wie ihre Anspannung in ihr hochkam. Sie hatte Freudentränen in den Augen. Achtsamkeit hilft uns, die eigenen Emotionen bewusster wahrzunehmen und dadurch zu regulieren. Und das hilft immens im Privatleben.

Von Jan Sternberg

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