Haiattacke in Australien: Wie der tragische Tod eines Mannes zur voyeuristischen Sensation wurde

Die Haiattacke vom Mittwoch sorgt in Australien für Diskussionen (Archivbild).

Die Haiattacke vom Mittwoch sorgt in Australien für Diskussionen (Archivbild).

Sydney. Bereits wenige Stunden nach dem tödlichen Unfall kursierten Videos in den sozialen Medien, die die letzten Momente des Opfers zeigen. Ein 35-jähriger Brite, der in Australien als Tauchlehrer arbeitete und ein passionierter Schwimmer war, war von einem Weißen Hai angegriffen und so schwer verwundet worden, dass die gerufenen Rettungskräfte nur noch menschliche Überreste bergen konnten.

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Seit 60 Jahren war in der australischen Stadt niemand mehr durch einen Haiangriff ums Leben gekommen. Dementsprechend groß war das Entsetzen in der Bevölkerung. Denn viele fühlen sich durch Netze und Haidrohnen an den beliebten Stadtstränden sicher.

Außerdem wissen viele Schwimmer und Surfer, dass sie vor allem während der Dämmerung oder wenn große Fischschwärme vorüberziehen nicht ins Wasser sollen.

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Videomaterial von Haiattacke geht um die Welt

Insgesamt sind Haiattacken in Australien eher selten, doch wenn sie vorkommen, generieren sie meist weltweite Schlagzeilen. In diesem Fall ging jedoch nicht nur die Nachricht um die Welt, sondern auch Videomaterial, das Augenzeugen von der Küste aus gefilmt hatten.

Die Attacke, die sich in der Little Bay in der Nähe des Stadtteils Malabar im Osten der Stadt abspielte, war besonders schwer gewesen und dauerte mehrere Sekunden: Ein Augenzeuge wurde in lokalen Medien mit den Worten zitiert, dass der Schwimmer von dem Hai geradezu „zerfleischt“ worden sei und sein Blut das Wasser rot gefärbt habe.

Obwohl die meisten Medien sich entschlossen, das Material nicht zu zeigen oder zumindest zu bearbeiten, tauchte es in seiner Reinform schnell auf Plattformen wie Facebook oder Youtube auf oder wurde über Messaging-Apps weiterverbreitet.

„Respektlos gegenüber dem Opfer“

Ein Journalist des australischen Senders ABC, der seine Bekannten danach ausfragte, berichtete, dass die meisten es gesehen hätten und einige dies im Nachhinein bedauert hätten. Von denen, die es an andere weitergeleitet hatten, gestand einer ein: „Auf keinen Fall möchte ich, dass ein Video wie das von mir oder einem Familienmitglied die Runde macht.“

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Das große Interesse an dem Material, das die letzten und dazu recht grausamen Momente im Leben eines Menschen zeigt, hat in Australien eine Debatte über diese Art von Voyeurismus ausgelöst.

Vielen ist dabei bewusst, warum das Schauen eines solchen Videos nicht wirklich in Ordnung ist. So sagte ein 13-jähriger Teenager bei einer Umfrage am Sonntag, ihm sei klar, dass es „respektlos gegenüber dem Opfer und dessen Familie“ sei.

Grenze zwischen Neugierde und Voyeurismus überschritten

Katherine Biber, eine Rechtswissenschaftlerin und Kriminologin der Technischen Universität in Sydney, erklärte im Interview mit der ABC, dass es heutzutage viel mehr Überwachungsvideos und Aufnahmen von Bürgern gebe. Die schiere Masse und auch die Leichtigkeit, mit der Aufnahmen verbreitet werden, würden sich schneller verändern als rechtliche und ethische Konzepte.

„Es ist nicht illegal, was gerade passiert“, erklärte sie. So gibt es in Australien keine rechtliche Handhabe, die Menschen davon abhält, an öffentlichen Orten auch gewaltsame Inhalte zu filmen und zu verbreiten.

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Aber in diesem Fall scheint es, „ein Unbehagen darüber zu geben, dass Menschen eine Grenze überschritten haben“, erklärte die Expertin. Denn auch wenn eine gewisse Neugierde verständlich sei, so ginge das derzeitige Verhalten vieler bereits in Richtung Voyeurismus.

Expertin spricht sich gegen Gesetzesänderung aus

Biber nannte als Beispiel: „Wenn Sie zufällig von einer Person gefragt würden: ‚Möchten Sie den schrecklichen, gewaltsamen Tod eines Fremden sehen?‘ Dann würden Sie wahrscheinlich „Nein“ sagen.“ Aber in diesem Fall hätten viele es einfach gemacht und nicht groß darüber nachgedacht.

Obwohl die Expertin dies verurteilt, plädierte sie nicht für eine Gesetzesänderung. In ihren Augen sollte vielmehr das öffentliche Verständnis für die Ethik des Schauens und die Folgen, die dieses Schauen habe, verbessert werden. Denn solch ein Material zu sehen, könne bei den einzelnen Menschen durchaus einen negativen Effekt hinterlassen.

Eine Datenbank registriert Haiangriffe

Haiangriffe sind in Sydney ausgesprochen selten: Der letzte nicht provozierte tödliche Angriff war 1963, als die Schauspielerin Marcia Hathaway von einem Hai im sogenannten Middle Harbour angegriffen wurde und auf der Fahrt ins Krankenhaus verblutete.

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2009 erschütterte dann der Fall des Navytauchers Paul de Gelder, der beruflich im Hafen von Sydney tauchte, als er angegriffen wurde. Gelder wurde extrem schwer verletzt und verlor einen Teil eines Arms und eines Beines. Er überlebte die Attacke jedoch.

Der Angriff am Mittwoch war zudem der erste tödliche Haiangriff australienweit im Jahr 2022. 2021 sind laut der Australian Shark-Incident Database des Taronga Zoos drei Menschen durch Haiangriffe ums Leben gekommen. 2020 dagegen war ein Jahr mit deutlich mehr Todesfällen: Damals verloren insgesamt acht Menschen ihr Leben.

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