Grand Prospect Hall: Ende eines deutschen Wahrzeichens in New York

Die Grand Prospect Hall war für viele deutsche Einwanderer in New York ein Ort der Verwurzelung mit der alten Heimat – und schaffte es sogar nach Hollywood. Nun wird der viktorianische Festsaal wohl abgerissen.

Die Grand Prospect Hall war für viele deutsche Einwanderer in New York ein Ort der Verwurzelung mit der alten Heimat – und schaffte es sogar nach Hollywood. Nun wird der viktorianische Festsaal wohl abgerissen.

New York. Der Lärm vorbeifahrender Autos dröhnt von der Autobahn aus auf die Prospect Street im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn. Ums Eck säumen die für das Viertel Park Slope typischen Stadthäuser aus Sandstein die Straße – dazwischen ein tannenwaldgrüner Wall aus Sperrholzbrettern. „Work in Progress“ steht in regelmäßigen Abständen auf Schildern. „Demolition“ – „Abriss“. Bei unerlaubtem Betreten werde man verhaftet. So kann es aussehen, wenn in der US-Ostküstenmetropole ein deutsch-amerikanisches Wahrzeichen verschwindet.

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Das war es wohl mit der 1892 von einem deutschen Einwanderer pompös gebauten Grand Prospect Hall, die es 2001 als Kulisse für die Tragikkomödie „Die Royal Tenenbaums“ sogar in einen Hollywoodfilm schaffte. Keine Spur mehr von Feiernden, die vom Festsaal im oberen Stockwerk auf die beiden steinernen Dachterrassen im griechisch-antiken Stil hinaustraten – nach langen, ausgelassenen Nächten, angesoffen, beseelt. Die „German Dance Hall“ war zuletzt Veranstaltungsort für unzählige Hochzeiten, Familienfeiern, Festivals. Die letzten Besitzer Michael und Alice Halkias warben zeitweise mit dem Slogan „We make your dreams come true“ (auf Deutsch etwa: Wir lassen Ihre Träume wahr werden).

Neben der Unterführung für Passanten entlang der Baustelle zeigt sich ein Bauarbeiter. Weiß er, wie es um die Grand Prospect Hall steht? Um die pompösen Innenräume, die Kronleuchter, die geschwungenen Treppenaufgänge, die Parkettböden und den ersten handbetriebenen Vogelkäfig-Aufzug Brooklyns? „Alles ist weg“, sagt er nur. „Alles ist weg.“ Weitere Fragen will er nicht beantworten.

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Retten, was zu retten ist

Der „New York Times“ zufolge wurde das Gebäude im Sommer gemeinsam mit zwölf weiteren Immobilien für rund 30 Millionen Dollar (etwa 26 Millionen Euro) an einen Bauunternehmer verkauft, nachdem Michael Halkias nach einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben war. Unter Denkmalschutz war es nie gestellt worden – ein Konzept, das in der wandlungsfanatischen Metropole New York sowieso nicht besonders weit verbreitet ist. Damit gibt es nun wohl keine Hoffnung mehr für eine der letzten deutsch-amerikanischen Festhallen in der Millionenmetropole.

„Alles passierte so schnell“, sagt Todd Fine. Der Historiker steht im Schatten eines Baumes an der 263 Prospect Avenue, der Adresse der Grand Prospect Hall. „Wenn man ein Gebäude unter Denkmalschutz stellt, braucht man jedes Mal eine Genehmigung, wenn man es verändern will – das schränkt auch ein.“ Oft seien Besitzer deshalb selbst nicht scharf darauf. Fine will auf den Fall der Grand Prospect Hall als einen von vielen aufmerksam machen – und retten, was zu retten ist. „Diese Orte repräsentieren Europa.“

Deutsche waren einst in so ziemlich jedem New Yorker Bezirk vertreten. Rund 5,5 Millionen Deutsche wanderten Schätzungen zufolge allein im 19. Jahrhundert in die USA aus. Sie fanden sich damals an Orten wie der Grand Prospect Hall zusammen und schufen dort Zusammenhalt in der Fremde.

Petition zum Erhalt des Gebäudes

„Der Ort hatte einen besonderen Platz in meinem Herzen“, sagt Ruth Edebohls mit freudlicher Omi-Telefonstimme. „Ich kann nicht glauben, dass sie es abreißen.“ Edebohls ist als Kind deutscher Einwanderer in Park Slope aufgewachsen. Die Eltern der 78-Jährigen kommen aus der Nähe Hamburgs. Sie lernten sich beim Tanzen in den goldenen 20ern kennen – natürlich in der Grand Prospect Hall.

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Das Gebäude sei ein selbstverständlicher Teil der deutschen Gemeinschaft gewesen. Mehr noch: Die Grand Prospect Hall habe Platz für alle geboten. „Es ist einfach sehr traurig“, sagt Edebohls und ihre Stimme gerät ins Stocken: „Wenn die Leute doch irgendwie früher davon gewusst hätten!“ Das wohl unvermeidliche Ende geht ihr nah. Wie Edebohls sagt: Ohne diesen Ort würde es sie vielleicht gar nicht geben.

Als die meisten Menschen in der Umgebung von dem dem Immobiliendeal erfuhren, hatte sich die Google-Beschreibung der Grand Prospect Hall längst rot eingefärbt: „Dauerhaft geschlossen.“ Die 17-jährige Schülerin Solya Spiegel und ihr Freund Thomas Pannone starteten trotzdem eine Petition zum Erhalt des Gebäudes und sammelten rund 40.000 Unterschriften. „Viele Leute sagten: „Meine Großeltern sind dort aufgewachsen und „Ich war dabei, als meine Eltern geheiratet haben““, sagt Spiegel.

Große Chancen auf Erfolg rechnen sich die Initiatoren jedoch nicht mehr aus. „Im Moment haben wir eine kleine Pause eingelegt“, sagt Spiegel. Sie würden ihre nächsten Schritte abwägen, die Petition zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufnehmen. Auf jeden Fall wollen sie einen Weg zu finden, das Vermächtnis der Grand Prospect Hall weiterzuführen. Vielleicht an einem neuen Ort.

RND/dpa

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