Antisemitisus-Eklat

Documenta: Unions-Antrag im Bundestag gescheitert - Mendel nicht länger Berater

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, ist als externer Berater für die Documenta zurückgetreten.

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, ist als externer Berater für die Documenta zurückgetreten.

Berlin/Kassel. Nach dem Scheitern von zwei Anträgen im Bundestag richtet sich die Aufmerksamkeit um die Aufarbeitung des Antisemitismus-Eklats zu Beginn der Documenta zunächst wieder nach Kassel. In der nordhessischen Stadt wird eine Sitzung des Aufsichtsrates des Documenta-Gesellschaft erwartet.

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Die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag forderte mit einem Entschließungsantrag eine „lückenlose Aufklärung“ der Hintergründe. „Wir wollen, dass so etwas nicht nochmal passiert“, sagte die CDU-Abgeordnete Gitta Connemann am Donnerstag im Parlament.

Union fordert unabhängige Untersuchungskommission

Die Union setzte auf „transparente und konsequente Antworten“ auf den Eklat. Es sollte eine unabhängige Untersuchungskommission eingesetzt werden, „die Fehlplanungen, Fehlprozesse sowie Fehlentscheidungen aufzeigt sowie personelle Verantwortlichkeiten benennt“. Der Antisemitismusbeauftragte sollte einen Bericht vorlegen, in dem Tragweite und Folgen des Skandals bewertet würden. Planungen für die nächste Documenta in fünf Jahren sollten zurückgestellt werden, bis der Skandal aufgearbeitet sei und daraus entsprechende Maßnahmen folgten.

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Regierungsmehrheit lehnte Antrag ab

Der Unions-Antrag wurde von der Regierungsmehrheit aus SPD, Grünen und FDP sowie der Linken abgelehnt. Auch ein Antrag der AfD, deren Abgeordneter Marc Jongen von einem „unfassbaren Skandal“ bei der Documenta sprach, fiel durch.

Weitgehend einig zeigten sich die Abgeordneten in der Verurteilung der Darstellungen. Bei der neben der Biennale in Venedig wichtigsten Ausstellung für Gegenwartskunst war nach der Eröffnung Mitte Juni eine Arbeit mit antisemitischer Bildsprache entdeckt worden. Das Banner „People's Justice“ des indonesischen Kunstkollektivs Taring Padi wurde daraufhin abgehängt. Bereits vor der Eröffnung hatte es weitgehend unbelegte Antisemitismusvorwürfe gegen das kuratierende Kollektiv Ruangrupa gegeben, das ebenfalls aus Indonesien stammt. Beide Kollektive haben sich inzwischen mehrfach entschuldigt.

CSU-Abgeordneten Bär: Skandal hat Documenta geschadet

Aus Sicht der CSU-Abgeordneten Dorothee Bär hat der Skandal dem Ansehen der Documenta geschadet. Sie forderte personelle Konsequenzen, vor allem in Kassel. Helge Lindh (SPD) verwies darauf, dass es beim Antisemitismus nicht um Befindlichkeiten gehe, sondern um Fakten, Tatsachen und Geschichte, die zeige, dass Antisemitismus tötet. Erhard Grundl (Grüne) bezeichnete Antisemitismus als Angriff auf die Menschenwürde, der niemals geduldet werde.

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Die Linken-Abgeordnete Petra Sitte (Linke) vermisste eine funktionierende Kuratierung bei der Documenta. Nach einem „Skandal mit Ansage“ übernimmt aus Sicht von Anikó Merten (FDP) niemand Verantwortung „für das Kontrolldesaster“. Die Aufarbeitung sei bereits in vollem Gange.

Sie verwies wie andere Abgeordnete auf Pläne von Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Die Grüne hatte Änderungen in der Struktur der Documenta gefordert. Im Kern will Berlin mehr Einfluss, sonst soll es kein Geld mehr geben. Der Rückzug des Bundes aus dem Aufsichtsrat 2018 bei Festhalten an der Bundesförderung wird von Roth inzwischen als „schwerer Fehler“ gewertet.

Der Vorsitzende des Documenta-Aufsichtsrats, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD), lehnt die Pläne des Bundes ab. Die hessische Kunstministerin Angela Dorn (Grüne), als Vertreterin des Landes Aufsichtsratsvize, stützt die Position Roths. Dorn hat auch eine Sondersitzung des Aufsichtsrats beantragt.

Ministerpräsident Rhein: Enormer Schaden für die documenta

Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) hat von einem enormen Schaden für die Kunstausstellung gesprochen. „Wir werden uns jetzt sehr intensiv unterhalten müssen, ob die Strukturen der Documenta noch zeitgemäß sind“, sagte der Regierungschef dem „Wiesbadener Kurier“ am Freitag. Das betreffe nicht zuletzt die Frage, wer die Träger der Documenta seien. „Ich habe mir immer schon gewünscht, dass der Bund ein zusätzlicher Gesellschafter wird, neben dem Land Hessen und der Stadt Kassel.“

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Klar sei, dass auch die Kunstfreiheit ihre Grenzen habe und dass Antisemitismus niemals akzeptiert werde. „Und die Bildsprache des abgebauten Kunstwerks von „Taring Padi“ war in höchstem Maße antisemitisch und hat auf einer deutschen Kunstausstellung nichts verloren“, betonte der Ministerpräsident. „Ich akzeptiere auch keinen in Israelkritik verkleideten Antisemitismus.“

Meron Mendel nicht länger Berater der Documenta

Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, hat zudem sein Engagement für die documenta fifteen in Kassel als externer Experte aufgekündigt. „Es gibt auf der Documenta jede Menge Gutes, aber bei der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Antisemitismus-Skandal vermisse ich den ernsthaften Willen, die Vorgänge aufzuarbeiten und in einen ehrlichen Dialog zu treten“, sagte er im Gespräch mit dem „Spiegel“. Daher habe er der Documenta-Leitung Anfang der Woche mitgeteilt, dass er als Berater nicht mehr zur Verfügung stehe.

Die Organisatoren der Documenta hatten als Konsequenz auf den Skandal angekündigt, alle weiteren Werke mithilfe externer Experten, darunter auch Mendel, auf antisemitische Inhalte zu prüfen. Er habe gedacht, es sollte darum gehen, die Kunstwerke zu begutachten und mit Ruangrupa in den Dialog zu treten, führte Mendel jetzt aus. „Aber nach mehr als zwei Wochen ist weder das eine noch das andere passiert.“ Auch die Idee zur Gründung eines hochkarätig besetzten Beirats aus Antisemitismus-Experten sei abgelehnt worden. „Mir drängt sich der Eindruck auf, dass hier auf Zeit gespielt werden sollte, bis die documenta fifteen vorüber ist.“

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Vorwürfe der Generaldirektorin

Der Generaldirektorin der Documenta, Sabine Schormann, wirft Mendel Untätigkeit vor. „Als sie mich anfragte, hatte ich den Eindruck, dass sie die Schwere der Krise verstand. Sie sagte, dass sie die Verantwortung für die Bearbeitung des Antisemitismus-Skandals mit der notwendigen Eile und aller Entschiedenheit übernehme. Aber dieser Ansage sind keine Taten gefolgt“, erklärte Mendel.

Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank hatte sich seit Bekanntwerden der Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta immer für die Schau eingesetzt. So nahm er unter anderem an einem Podium zum Thema „Antisemitismus in der Kunst“ teil. Die Veranstaltung sollte laut documenta den Auftakt einer Reihe zur Aufarbeitung der Vorwürfe bilden. „Wenn ich mich nicht selbst bemüht hätte, wäre wohl kein Vertreter von Ruangrupa bei der Diskussionsveranstaltung anwesend gewesen, die die Bildungsstätte Anne Frank mit organisiert hat“, sagte Mendel jetzt. Nur als er schriftlich seinen Ausstieg in Erwägung gezogen habe, sei die documenta-Leitung tätig geworden.

RND/dpa

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