Kommentar zu Hollywoods Debatte über schauspielerische Anmaßung

Eine Frage der Nase: Bedient Bradley Cooper in seinem Film „Maestro“ antisemitische Klischees?

Transformiert in den Maestro: Hauptdarsteller Bradley Cooper in der Rolle von Leonard Bernstein.

Transformiert in den Maestro: Hauptdarsteller Bradley Cooper in der Rolle von Leonard Bernstein.

Nicole Kidman hat es getan – als Schriftstellerin Virginia Woolf im Film „The Hours“ (2002). Gérard Depardieu hat es ebenso getan – als Bühnenfigur „Cyrano de Bergerac“ (1990). Beide ließen sich künstliche Nasen aufpfropfen und verbrachten an manchen Tagen mehr Stunden in der Maske als vor der Kamera.

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Niemand störte sich an der Veränderung ihrer Physiognomie – sieht man einmal von dem Spott ab, den Kidman sich einhandelte, als sie mit dieser latexlastigen Rolle den Oscar einheimste. Nicht alle hielten es für ein schauspielerisches Qualitätsmerkmal, dass Kidman hinter Perücke und Nase quasi verschwunden war.

Bradley Coopers missglückte PR-Aktion

Bradley Cooper dagegen hat nun massive Rassismusvorwürfe auf sich gezogen, obwohl sein Biopic „Maestro“ über den Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein („West Side Story“) noch gar nicht im Kasten ist. Der Hollywoodschauspieler, gefeiert in „Silver Linings“ (2012), „American Sniper“ (2014) und vor allem in „A Star Is Born“ (an der Seite von Lady Gaga, 2018), hatte PR-Bilder von den Dreharbeiten in die Welt geschickt. Er wollte die Lust auf den Netflix-Film schüren, der 2023 auch ins Kino kommen soll und bei dem Steven Spielberg als Produzent mit an Bord ist.

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Die Vorfreude trübte sich allerdings alsbald: Auf den Bildern ist Cooper in der Rolle des Maestros zu sehen – und zwar mit jener pointierten Nase, wie sie Bernstein zu eigen war, Cooper aber nicht. Hat Cooper damit antisemitische Klischees bedient? Er ist kein Jude, der 1990 gestorbene Bernstein war es. Die Frage der künstlichen Nase hat eine kulturelle Debatte entfacht, die auch israelische Medien aufgegriffen haben.

Die Verwandlung in Bernstein ist den Fotos nach zu urteilen jedenfalls ausgesprochen gut gelungen. „Ihre Augen täuschen Sie nicht: Das hier ist der komplett zu Leonard Bernstein transformierte Bradley Cooper“, schrieb das Branchenmagazin „Variety“ bewundernd.

„Wollte schon immer Dirigent sein“

Kein vernünftiger Mensch würde Cooper Judenhass attestieren. Anderenfalls hätte er sich kaum als Produzent, Regisseur und eben auch als Hauptdarsteller dieses „Herzensprojekts“ (Cooper) angenommen. „Ich wollte schon immer ein Dirigent sein, ich war davon besessen und habe den Weihnachtsmann um einen Dirigentenstab gebeten, seit ich acht Jahre alt bin“, ließ er „Variety“ wissen. Ausgiebig schwärmte er von seiner Liebe zur Musik.

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Dass er mit seiner künstlichen Nase Unbehagen auslösen könnte, ist Cooper offenbar gar nicht in den Sinn gekommen. Zeugt das von Naivität? Hätte sich ein nicht jüdischer Schauspieler, der eine falsche Nase in seinem Gesicht platziert, um eine jüdische Person zu spielen, für einen Aufschrei wappnen müssen? Oder ist Cooper auf eine übersensibilisierte Öffentlichkeit gestoßen, die bei jedem möglichen oder unmöglichen Anlass begeistert einen künstlichen Entrüstungssturm entfacht?

Verständigen kann man sich vielleicht darauf: Schauspielerinnen und Schauspieler sollten prinzipiell alles spielen dürfen, was sie spielen wollen – und können. Das ist das Prinzip der Schauspielerei: sich als jemand auszugeben, der man nicht ist.

Jeder soll spielen, was er ist

Folglich sollten genauso Juden Nichtjuden wie umgekehrt auch Nichtjuden Juden spielen dürfen. Weder die Religion noch die ethnische Zugehörigkeit dürften bei Besetzungsentscheidungen von Bedeutung sein. Es geht darum, sich möglichst überzeugend in die jeweilige Figur zu verwandeln.

Die US-Kinoindustrie ist allerdings dabei, dieses Prinzip einzuengen und auf dem Altar der Political Correctness zu opfern. Die Entwicklung geht in die Gegenrichtung, und sie lautet bis ins Extrem fortgesponnen: Jeder soll nur spielen, was er ist.

Kompliziert wird die Lage allerdings in dem Moment, in dem Minderheiten ausgeschlossen werden. Die Diskussion, wer wen verkörpern oder eben nicht verkörpern darf, hat sich auch deshalb ins manchmal Absurde hochgeschaukelt, weil immer dieselben weißen Stars für die glanzvollsten Mainstreamfilme ausgewählt wurden.

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Dustin Hoffman als Autist

Die Repräsentation von Randgruppen ist – vorsichtig formuliert – suboptimal. Andererseits: Ohne zugkräftigen Star wäre wohl manch später beklatschte Film nie zustande gekommen.

Ob zum Beispiel Dustin Hoffman heute noch in die Rolle eines Autisten wie in „Rain Man“ (1988) schlüpfen würde? Und würde Hilary Swank noch den Transmann Brandon Teenas spielen, wie sie es in „Boys Don‘t Cry“ (1999) tat? Die Regisseurin Kimberly Pierce hatte damals nach eigenen Worten jahrelang nach Transmännern oder lesbischen Frauen gesucht, fand aber niemanden, der den Part ihrer Ansicht nach hätte überzeugend ausfüllen können.

Sowohl Hoffman als auch Swank wurden für ihre Leistungen mit Oscars geehrt. Hollywood zeigte sich beeindruckt, wie brillant sich zwei Stars in gesellschaftliche Außenseiter hineinfühlten. Vor ein paar Jahrzehnten galten solche Rollen noch als schauspielerische Kür.

Scarlett Johansson sagt lieber ab

Zwei Jahrzehnte später sah das schon anders aus. 2018 hatte Scarlett Johansson zugesagt, in „Rub and Tug“ einen Transgendermann zu spielen. Der Widerstand gegen ihre Besetzung in der Transgendergemeinde wuchs.

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Zunächst hielt Johansson ihren Kritikern noch entgegen, dass auch die Schauspielkollegen Jared Leto und Felicity Huffman erfolgreich in ähnliche Rollen geschlüpft seien. Dann schwenkte sie um: Sie verstehe die Kritik, dass explizite Rollen wie die von Dante „Tex“ Gill, Zuhälter und Betreiber von Massagesalons in den Siebzigern in Pittsburgh, an einen Transschauspieler gehen sollten. Es gehe in diesem Fall auch um Inklusion. Nach Johanssons Absage kam ein Kinofilm nie mehr zustande.

Heute sucht Hollywood – nicht zuletzt sensibilisiert durch die #MeToo-Bewegung – nach einem Weg, Schauspielkunst und gesellschaftliche Achtsamkeit zu vereinbaren. Klar sollte inzwischen sein, dass niemand losgelöst von seinem historisch-kulturellen Umfeld arbeitet – schon gar nicht in einem Beruf, der wirkmächtige Bilder produziert.

Antisemtisches Klischee

Vorbei sind glücklicherweise die Zeiten, in denen sich weiße Darsteller das Gesicht schwarz anmalten, um People of Color zu verkörpern. Oder in denen Europäer Asiaten mit lang gezogenen Kajalaugen spielten.

Eine dicke Nase ist zweifellos ein antisemitisches Klischee, wie es über Jahrhunderte bedient wurde – in sogenannten Rassetheorien genauso wie exzessiv im nationalsozialistischen Hetzblatt „Der Stürmer“. Bei „Maestro“ sehen die Dinge etwas anders aus: Hier hat die Nase keine symbolische Funktion. Sie befördert kein antisemitisches Klischee, sondern dient dazu, der Originalfigur so nahe wie möglich zu kommen.

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Dafür lassen sich triftige Gründe anführen. Zumindest die Älteren wissen, wie Bernstein aussah. Jede Zuschauerin und jeder Zuschauer wird den Film-Bernstein mit dem Original-Bernstein abgleichen. Würden sie darin eher Cooper als den genialen Musiker erkennen, könnte dies der Glaubwürdigkeit des Biografiefilms schaden.

Schon mehrfach hat Cooper historische Figuren verkörpert. Für die Rolle als „American Sniper“ Chris Kyle oder jüngst als leicht irrer Filmproduzent und Friseur Jon Peters in „Licorice Pizza“ verzichtete er auf Prothesen. In diesem Fall entschied er anders.

So hat er sich unverhofft in die Bredouille manövriert. Seine schärfsten Kritiker haben ihm einen radikalen Ausweg vorgeschlagen: Er solle jemanden Leonard Bernstein spielen lassen, der so ähnlich wie Leonard Bernstein aussieht. Es müsste sich unter den vielen Charakterdarstellern überall im Land doch wohl zumindest einer finden lassen, der ohne künstliche Nase auskommt – egal ob jüdischer Herkunft oder nicht.

Sollte Cooper sein Herzensprojekt weiterverfolgen, wovon auszugehen ist, bleibt ihm nur eine Option: Er muss den Menschen und Maestro Bernstein so gut spielen, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer die künstliche Nase vergessen.

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