Augenzeuge aus Kentucky: „Der Tornado schnitt wie ein Messer durch die Stadt“

Am Tag nach dem Tornado machte sich Patrick Duncan ein Bild von der Verwüstung in Bowling Green.

Am Tag nach dem Tornado machte sich Patrick Duncan ein Bild von der Verwüstung in Bowling Green.

Bowling Green. Bei der verheerenden Tornadoserie im Mittleren Westen und im Süden der USA haben nach jüngsten Angaben mindestens 88 Menschen ihr Leben verloren. Allein im Staat Kentucky starben mindestens 74 Menschen. Ein Augenzeuge berichtet im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) über die Katastrophe.

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„Der Tornado hat uns mitten in der Nacht getroffen. Wir haben schon geschlafen, als wir gegen 1 Uhr vom Tornado-Alarm auf unseren Handys geweckt wurden“, sagt Patrick Duncan, ein Studiotechniker des lokalen TV-Senders RFD-TV aus Nashville (US-Staat Tennessee), der die Tornadonacht in Kentuckys drittgrößter Stadt Bowling Green verbrachte. Duncan war am Wochenende bei seiner Freundin zu Besuch, als er die ohrenbetäubende städtische Sirene hörte. Duncan, seine Freundin, ihre Tochter und die Katze gingen direkt auf in den Keller, um Schutz zu suchen. Dann fiel der Strom aus.

Der Handyempfang wurde schlechter, riss aber zumindest bei ihm nicht ganz ab. Gegen 1.26 Uhr traf der Tornado die Nachbarschaft rund um die Cedar Ridge Road wenige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums. „Wir konnten den Wind hören und wie die Trümmerteile gegen das Haus geschleudert wurden. Aber es war im Keller doch relativ friedlich“, berichtet er.

Hunderte Häuser zerstört

Draußen muss es es zu der Zeit ganz anders ausgesehen haben. Auf Fernsehbildern des Senders NBC News wird deutlich, wie groß die Schäden durch den Wirbelsturm sind. Wo bis Freitagabend Wohn- oder Geschäftshäuser standen, finden sich in manchen Gegenden der Stadt nun nur noch Trümmer. Teile von Wänden, Türen, Möbeln gemischt mit privaten Gegenständen liegen auf den Flecken, die früher Gärten waren.

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Teilweise stehen noch einzelne Wände oder nur der Eingangsbereich. Von anderen Häusern ist nur das Fundament übrig geblieben. Hunderte sind zerstört. Die 70.000-Einwohner-Stadt zählt zu den am schwersten betroffenen Orten im besonders vom Tornado heimgesuchten Staat Kentucky. Viele Straßen sind wegen umgestürzter Bäume oder herumliegender Trümmer unpassierbar. Der Strom ist ausgefallen. Wie die regionale Tageszeitung „Lexington Herald-Leader“ berichtet, werden 15 Todesopfer gezählt.

Patrick Duncan und seine Familie – alle haben den Tornado unbeschadet überstanden.

Patrick Duncan und seine Familie – alle haben den Tornado unbeschadet überstanden.

Schneise der Verwüstung

„Irgendwann war der Tornado vorbei, aber der Sturm ging weiter. Wir waren wahrscheinlich bis 4 Uhr im Keller, bis es ruhiger wurde und wir schlafen gegangen sind“, so Duncan weiter. Am Samstagmorgen dann die erleichternde Erkenntnis: Das Haus hat keine Schäden davongetragen. Aber im Vorgarten und direkt hinter dem Gebäude waren zwei große, alte Bäume umgestürzt.

Das katastrophale Ausmaß der Sturmfolgen in der Umgebung des Hauses kann Duncan bestätigen: „Der Tornado schnitt durch die Stadt wie ein Messer. Wohnhäuser, Geschäfte, in der Schneise wurde alles zerstört. Und direkt daneben blieb alles unversehrt.“ Die Orte, die er kannte, waren nicht wiederzuerkennen: „Es gab ein mexikanisches Restaurant, wo ich gerne essen war. Am Samstag stand nur noch der Kühlschrank aus dem Eingangsbereich. Alles andere war weg.“

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Sturm hat sich über Tage aufgebaut

Der Tornado zog Duncan zufolge, der durch seine Arbeit als Techniker beim Fernsehen die Sturmfront schon über Tage heranziehen sah, wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt über dicht besiedeltes Gebiet. Auch wenn man wisse, dass ein Sturm mit Tornados kommt, könne man nicht vorhersagen, wo genau sie auftreten. „Wir hatten sehr großes Glück. Es ist einfach erschreckend zu sehen, wie viel Schaden der Tornado direkt neben uns angerichtet hat“, so der Fernsehtechniker.

Den Rest des Wochenendes hat der 32-Jährige dazu genutzt zu helfen, Straßen freizuräumen und Bäume aus dem Weg zu schaffen. Vielerorts gab es auch am Montag noch keinen Strom. Seine Freundin und ihre Familie sind deswegen im Moment, wie viele andere Menschen, in einem Hotel untergekommen. Was ihn positiv stimmt, ist der Zusammenhalt der Gemeinschaft. In den ersten Tagen seien so viele Sachspenden eingegangen, dass von der lokalen Hilfsorganisation darum gebeten wurde, zunächst keine weiteren abzugeben.

Sekunden vor dem Tornado war es komplett still

Die etwa eine Autostunde entfernte Großstadt Nashville, in der Duncan lebt, hat es indes nicht so hart getroffen. Auch dort gab es Sturm und am Rand der Stadt auch einen Tornado. Große Schäden sind aber nicht bekannt. Die Tageszeitung „The Tennessean“ berichtet von dem teilweise abgedeckten Dach einer Schule im Süden der Stadt und einigen Stromausfällen.

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Ähnliche Eindrücke schildert Briana Phillips. Die 28-jährige Verkaufsleiterin aus Bowling Green lebt seit einigen Jahren in der Hauptstadt Tennessees. „Ich habe um 1 Uhr einen Tornado-Alarm aufs Handy bekommen und bin dann direkt mit meinen Haustieren, einer Notfalltasche und meinen Nachbarn in den Keller gegangen. Wir hatten vergangenes Jahr einen riesigen Tornado hier in Nashville, der viel zerstört hat. Die Angst davor war sofort wieder da“, sagt Phillips.

Währenddessen hielt sie Kontakt zu ihrer Mutter in Bowling Green. Da sie in ihrem Haus keinen Keller hat, habe sie sich ins Badezimmer geflüchtet – den nächstbesseren Schutzraum. „Meine Mutter hat mir erzählt, dass es ganz still war, bevor dann der Tornado kam. Diese Ruhe vor dem Sturm ist der beängstigendste Moment. Aber meine Familie hatte Glück. Alle sind unverletzt und auch das Haus wurde nicht beschädigt“, erzählt die 28-Jährige erleichtert.

Ein Leben mit den Wirbelstürmen

Da es sich um eine Region handelt, in der Tornados häufig vorkommen, habe sie von Kindertagen an und auch in der Schule gelernt, wie man sich in einem solchen Fall verhalten soll. „Wir kriegen jedes Jahr Tornadowarnungen. Aber irgendwie scheint es immer genau die gleichen Bereiche zu treffen“, sagt Phillips.

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Auch Duncan ist es von Klein auf gewohnt, mit der Gefahr durch die Wirbelstürme zu leben. Einen so schweren Sturm hat er in Kentucky aber auch schon lange nicht mehr erlebt: „Manche Leute sagen, das ist der schwerste Tornado seit 20 Jahren gewesen.“ Vor allem die sei Zeit ungewöhnlich. Im Dezember passiere so etwas normalerweise nicht.

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