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Evolutionäre Anthropologie

Leipziger Forscher: Homo sapiens hat erst seit 35.000 Jahren rundlichen Schädel

Virtuelle Rekonstruktion vom länglich geformten Schädel des ältesten Homo sapiens, dessen 300 000 alte Jahre Fossilreste in Marokko gefunden wurden.

Virtuelle Rekonstruktion vom länglich geformten Schädel des ältesten Homo sapiens, dessen 300 000 alte Jahre Fossilreste in Marokko gefunden wurden.

Leipzig.Wann wurde der Schädel des Homo sapiens zu einer runden Sache? In einer vergleichenden Studie sind Experten des Leipziger Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie (Eva) dieser Frage jetzt nachgegangen und zu einem überraschenden Befund gekommen. Das Team um Professor Jean-Jacques Hublin berichtet in der aktuellen Ausgabe des renommierten Magazins „Science Advances“, dass erst vor rund 35 000 Jahren und damit vor vergleichsweise kurzer Zeit jene Kopfform vollendet war, die auch für heutige Menschen typisch ist. Eingekreist wurde so auch jene Spanne, in der sich bei den Vorfahren eine moderne Gehirnorganisation herausbildete. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich dieser Prozess von vor 100 000 Jahren bis vor 35 000 Jahren vollzog. „Die allmähliche Entwicklung hin zur runden Hirnform scheint mit dem sukzessiven Entstehen modernen Verhaltensweisen parallel verlaufen zu sein“, erklärte Hublin, der am Eva die Abteilung für Humanevolution leitet und schon im letzten Jahr für einen Paukenschlag sorgte.

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Damals wies eine Forschergruppe unter seiner Ägide anhand von Fossilfunden in Marokko nach, dass sich der Homo sapiens bereits vor rund 300 000 Jahren in Afrika ausgebreitet haben muss. Vorher galten rund 260 000 Jahre alte Schädelrelikte aus Südafrika und 195 000 Jahre alte Kopfreste aus Äthiopien als erste Belege für die Existenz des anatomisch moderner Menschen.

Bei den aktuellen Untersuchungen wurde modernstes Instrumentarium eingesetzt. Per Mikro-Computertomografie erzeugten Hublin und seine an dem Projekt beteiligten Kollegen Simon Neubauer und Philipp Gunz virtuelle Abdrücke der inneren Schädelhöhle von verschiedener Fossilien und von heutigen Zeitgenossen. Diese sogenannten Endocasts wurden eingehend analysiert. Ergebnis: Das Denkorgan hat sich über Zehntausende Jahre hinweg von einer eher länglichen hin zu einer runderen Form verändert. Vor allem bestimmte Wölbungen im Groß- und Kleinhirn prägten sich aus. In Verbindung bringen das die Paläoanthropologen mit einen Schub bei den kognitiven Fähigkeiten. Etwa der Selbstwahrnehmung, der Reizverarbeitung, der Orientierung, der Sprache oder der Emotionalität. Aber auch der gezielte Werkzeuggebrauch könnte im Zuge der Hirnabrundung perfektioniert worden sein. Allerdings legte die Größe des Oberstübchens nicht zu. Beim frühen Homo sapiens aus Marokko, dessen Gesichtspartie modern aussieht, der Hirnschädel aber archaisch langgezogen ist, bestimmten die Eva-Fachleute das Gehirnvolumen auf etwa 1,4 Liter. Das entspricht dem von heutigen Menschen.

Gunz geht davon aus, dass die allmähliche Schädelumformung beim Homo sapiens im Kontext einer schon frühkindlich angelegten Gehirnentwicklung stattfand, die mehr und mehr komplexe Denkprozesse ermöglichte.

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Von MARIO BECK

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