LVZ-Interview

Einblicke in die Diktatur: Was denken die Menschen seit Kriegsausbruch in Russland?

Russische Soldaten bei der Invasion in die Ukraine tragen das „Z“ häufig als Erkennungssymbol / Die Polizei geht in Russland rabiat gegen Protestierende vor.

Russische Soldaten bei der Invasion in die Ukraine tragen das „Z“ häufig als Erkennungssymbol / Die Polizei geht in Russland rabiat gegen Protestierende vor.

Leipzig. Tatiana Kulbakina stammt ursprünglich aus Murmansk, einer Großstadt im Nordosten Russlands. Schon als Jugendliche hat sich die heute 35-Jährige dort politisch engagiert und geriet deshalb oft in Konflikt mit dem repressiven Staat. Vor vier Jahren kam sie nach Leipzig und blieb. Der Kontakt zur Heimat – zur Familie, vor allem aber auch zu anderen Oppositionellen in Russland – ist weiterhin eng. Tatiana versucht den Kampf für Menschenrechte aus dem Exil zu unterstützen. Im LVZ-Interview erzählt sie von der aktuellen Situation in ihrer Heimat, vom Aufbegehren gegen den Krieg, von der Propaganda des Staates und von den Auswirkungen der Sanktionen auf die russische Bevölkerung.

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Seit mehr als einer Woche führt Russland Krieg gegen die Ukraine. Wie geht es den Menschen in Russland?

Einige von meinen Freunden sind schon geflüchtet – nach Georgien, Armenien oder nach Europa. Viele sind aber noch in Russland. Zum Teil wurden sie bereits verhaftet, weil sie als Oppositionelle galten. Ich bekomme inzwischen täglich Nachrichten mit der Frage: Wie kommen wir noch raus? Man kann jetzt nichts mehr sagen und nichts mehr schreiben. Es wurden schon Geldstrafen verhängt, weil es offene Kritik an den Armeeaktionen gab. Nach den Geldstrafen kommen dann die Gefängnisstrafen.

Demonstrierende auf den Straßen von St. Petersburg (Foto vom 27.2.). Tausende Russinnen und Russen wurden inzwischen verhaftet.

Demonstrierende auf den Straßen von St. Petersburg (Foto vom 27.2.). Tausende Russinnen und Russen wurden inzwischen verhaftet.

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„Die Zellen der russischen Polizeistationen sind überfüllt“

Wir sehen hier auch Bilder von Demos in Russland. Sind das Randerscheinungen oder eine größere Bewegung?

Es ist größer und mehr als sonst. Seit Tagen gibt es regelmäßig Proteste. Die Menschen gehen trotz Drohungen und Gefahren immer wieder zu den Demonstrationen. Das ist schon sehr außergewöhnlich. Am Sonntag wurden in 56 russischen Städten mehr als 5000 Menschen verhaftet, weil sie sich an Protesten gegen den Krieg beteiligt haben. Insgesamt sind es jetzt 13.000 Verhaftungen seit Kriegsbeginn. Die Zellen der russischen Polizeistationen sind überfüllt. Außergewöhnlich ist auch, dass sich Menschen beteiligen, die bisher eher pro Kreml waren.

Gibt es überhaupt Möglichkeiten in Russland, sich über den Krieg zu informieren? Oder dringt nichts durch?

Doch, es dringt durch. Putin hat ja schon versucht, Telegram zu blockieren und scheiterte damit. Zudem gibt es verschlüsselte Kanäle mit VPN oder über das Tor-Netzwerk. Ich sehe auch bei Twitter, dass viele die Informationen über den Krieg noch immer lesen können. Russland ist in diesem Fall nicht wie China, wo es eine totale Firewall gibt. Solange es das Internet in Russland gibt, wird es Informationen geben. Der russische Staat versucht aber immer mehr Kanäle zu blockieren. Webseiten lassen sich nicht mehr öffnen, nach Wörtern wie „Krieg“ wird in den Kommunikationen gezielt gesucht.

Zur Person

Tatiana Kulbakina (35) wurde in Murmansk, auf der Kola-Halbinsel im Nordosten Russlands geboren. Sie war dort politisch im Bereich Umweltschutz, Menschenrechte und Gleichstellung von LGBTIQA+ aktiv und beteiligte sich an einer Klage gegen den Russischen Staat vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. 2017 kam sie nach Leipzig und blieb aufgrund der zunehmenden Verfolgung Oppositioneller in ihrer Heimat an der Pleiße. Ihre Familie und viele ihrer Freunde leben weiter in Russland. Sie hält engen Kontakt zu engagierten Oppositionsgruppen im Land und versucht die Arbeit aus dem Exil zu unterstützen.

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Verwandte bangen um ihr Leben – aber man glaubt ihnen nicht

Anderseits taucht der Buchstabe „Z“ als Symbol für die russische Invasion in der Ukraine auch immer häufiger auf Bildern aus Russland auf. Auf Autos, auf T-Shirts. Ist das real oder nur Propaganda?

Es ist viel Propaganda. Aber man sollte wissen: Diese Propaganda gibt es in Russland schon seit vielen Jahren. Im Fernsehen wurden schon früher Shows gezeigte, in denen Ukrainerinnen und Ukrainer beleidigt werden. Das wirkt nach. Gerade in Regionen, wo es nur die drei russischen Sender gibt, ist das ein Problem. Ich bemerke das sogar im Familienkreis. Da wurde mir schon gesagt: Schau mal, der Selenskyj ist doch drogenabhängig und da sind doch überall Nazis. Ich kenne auch Menschen in Russland, die haben Verwandte in der Ukraine, die jetzt in Kellern um ihr Leben fürchten. Sie telefonieren mit denen und glauben ihren Verwandten trotzdem nicht, dass es russische Bomben sind, die da fallen. Die sagen einfach: Das ist doch Blödsinn.

Ein Schild in der ukrainischen Stadt Odessa mit dem Buchstaben Z, mit dem die russischen Invasoren ihren Fahrzeuge beschriften. Auf dem Schild steht: „Dem neuen Faschismus Z Neues Hakenkreuz".

Ein Schild in der ukrainischen Stadt Odessa mit dem Buchstaben Z, mit dem die russischen Invasoren ihren Fahrzeuge beschriften. Auf dem Schild steht: „Dem neuen Faschismus Z Neues Hakenkreuz".

Der Westen versucht es mit Sanktionen gegen Putin, gegen seinen Machtapparat, aber auch gegen das ganze Land. Wie sehr wird die russische Bevölkerung davon getroffen?

Die Inflation ist in Russland inzwischen wirklich krass. Seit Tagen öffnet die Moskauer Börse nicht mehr, der Handel wurde ausgesetzt. Der Euro ist gegenüber dem Rubel unglaublich teuer geworden, weshalb jetzt alles sehr teuer wird. Ärmere haben Angst, dass Ihre soziale Unterstützung bald wegfällt, weil ja nur noch Soldaten unterstützt werden. Ausländische Firmen haben ihre Geschäfte geschlossen und die Einkaufszentren sind nun halbleer. Viele Menschen in Russland werden jetzt arbeitslos, denn ein Drittel aller Jobs im Land kommt aus dem Einzelhandel, der jetzt aber wegbricht.

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Was denken die Menschen in Russland, warum es überhaupt Sanktionen gibt?

Dieses Macho-Gefühl, man müsse doch vor allem immer groß und stark sein, ist in Russland sehr verbreitet. Das wird übrigens auch von der orthodoxen Kirche so unterstützt. Nur ein starker Präsident ist eine guter Präsident, heißt es. Und nicht etwa ein Präsident, der verhandelt. Dass nun alle gegen Russland sind, liegt in deren Augen daran, weil die ganze Welt das gute Russland unterdrücken will. Dazu kommt die Sache mit den Nazis. Als ich erzählt habe, in der Ukraine würden jetzt Freunde bombardiert, hieß es: Dann sind deine Freunde Nazis und Faschisten. So denken natürlich nicht alle in Russland, das Land ist sehr gespalten. Aber es sind viele.

Tatiana Kulbakina (35) lebt seit 2017 in Leipzig.

Tatiana Kulbakina (35) lebt seit 2017 in Leipzig.

Immer mehr russische Stimmen erheben sich gegen Putin

Die Frage mag zu optimistisch sein: Gibt es eine Chance, dass die Proteste gegen den Krieg so groß werden, dass sich etwas in Russland ändert und der Krieg aufhört?

Ich hoffe schon. Ich hoffe auch, dass es Menschen in Putins Umfeld gibt, die diesen Krieg gar nicht wollen, die vor allem auch einen nuklearen Krieg nicht wollen. Es gibt immer mehr Stimmen, die sich dagegen erheben – auch bekannte Stimmen, die Millionen Fans in Russland haben. Zum Beispiel der Fernsehmoderator Iwan Urgant, der wegen einer Äußerung gegen den Krieg nun entlassen wurde. Der ebenfalls sehr bekannte HipHop-Künstler Morgenshtern hat sich auch klar positioniert. Wenn allein die Fans dieser beiden Stars nun mitbekommen, dass es einen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gibt, ist das schon viel wert. Auf den Demos sind nun auch viele ältere Menschen – Leute, die im Zweiten Weltkrieg noch die Blockade von Leningrad überlebt haben. Das macht mir Hoffnung.

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Wie viele Menschen braucht es, damit sich in Russland etwas ändert? Millionen auf den Straßen?

Es muss zumindest groß aussehen. Das Netz muss so eng werden, dass kein Apfel mehr durchpasst.

„Wir müssen dann alle hinfahren und die Ukraine wieder aufbauen“

Viele können auch in Deutschland noch immer nicht ganz glauben, dass Russland einfach die Ukraine überfallen hat. Da wird auch jetzt noch von einer Mitschuld des Westens gesprochen. Wie denken Sie darüber?

Schuldgefühle haben wohl alle rational denkenden Menschen. Ich bin trotzdem natürlich erstaunt, dass nicht jedem zumindest schon sehr lange klar war, dass sich Putin überhaupt nicht an Regeln hält. Er dreht immer alles herum. Ich verstehe, wenn man jetzt geschockt ist und sich vielleicht auch hilflos fühlt. Aber wir alle machen jetzt sehr traumatische Erfahrungen durch und müssen nach einer Lösung suchen. Und wenn der Krieg vorbei ist, müssen wir alle hinfahren und die Ukraine wieder aufbauen. Für viele Menschen in Russland wird es spätestens dann sehr bitter werden: Wenn sie erkennen, was passiert ist und wer tatsächlich dafür verantwortlich ist. Dann werden sie ein starkes Schuldgefühl haben und ehrlich gesagt: Ich wünsche ich es ihnen auch.

Was erhoffen Sie sich von Deutschland?

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Das wichtigste: Es braucht einen sehr langen Atem. Jetzt sind viele Menschen engagiert, es fließen Spendengelder, es gibt Hilfe für Geflüchtete. Dieser Krieg wird aber noch dauern und die Betroffenen werden auch danach viel Zeit brauchen, um das Erlebte zu verarbeiten. Es ist toll, dass Deutschland die Ukrainerinnen und Ukrainer aufnimmt und ihnen Sicherheit bietet. Es gibt aber auch Menschen aus Russland, die jetzt fliehen müssen. Die kommen leider nicht raus, weil sie keine Visa erhalten. Ich würde mir wünschen, dass Deutschland auch hier Möglichkeiten schafft.

Von Matthias Puppe

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