Hochwasser-Katastrophe

20 Jahre Jahrhundertflut in Sachsen: Als die Idylle im Müglitztal in Wasser und Schlamm versank

Chaos und Zerstörung – Bilder wie dieses aus Glashütte vom August 2002 prägten sich bei den Menschen ein und stehen für das Leid der Jahrhundertflut.

Chaos und Zerstörung – Bilder wie dieses aus Glashütte vom August 2002 prägten sich bei den Menschen ein und stehen für das Leid der Jahrhundertflut.

Weesenstein/Glashütte. Neue Straßen und Bahndämme, die Häuser restauriert, schmucke Spielplätze, eine Promenade und zwischen den Orten viel Natur – das romantische Müglitztal im Osterzgebirge ist wieder Idylle pur. Spuren der verheerenden Fluten, die im starken Dauerregen am 12. und 13. August 2002 gen Elbe dort durchrauschten, Schienen, Straßen, Brücken und Gebäude mit sich rissen, finden sich kaum noch. „Schon 2006 herrschte wieder Normalität, als wäre nichts gewesen, das letzte Haus wurde 2005 abgerissen“, sagt Bürgermeister Michael Neumann. Das Trauma aber sitzt auch zwei Jahrzehnte danach noch tief bei den Menschen, die Tod und Zerstörung durch die Kraft der Natur erlebten.

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Bei ähnlichen Katastrophen wie der Flut im Ahrtal im Juli 2021 kommt alles wieder hoch, sagt Sabine Kaiser. Sie hatte damals das Café am Anfang der Schulstraße in Weesenstein übernommen, in der die Hälfte der Häuser fehlt. Die Bilder von der Ahr und die Erinnerung der Menschen am Fuße des Osterzgebirges ähneln sich. Seitdem wurden viele Millionen in Schadensbeseitigung und den Wiederaufbau gesteckt – und der Hochwasserschutz verbessert.

Wohnhäuser am Ufer der Müglitz vor dem Schloss Weesenstein: 20 Jahre nach der Jahrhundertflut erinnert kaum noch etwas sichtbar an die Zerstörungen.

Wohnhäuser am Ufer der Müglitz vor dem Schloss Weesenstein: 20 Jahre nach der Jahrhundertflut erinnert kaum noch etwas sichtbar an die Zerstörungen.

„2002 war eine Art Weckruf, etwas zu tun“, sagt Thomas Flasche, Vize-Bürgermeister des Uhrmacherstädtchens Glashütte. So gibt es jetzt eine Wasserwehr mit entsprechender Technik und einem Pool Freiwilliger für den Ernstfall. Am Rathaus liegt ein Ratgeber, wie man sich vorbereitet und was dann zu tun ist. „Nach einer Katastrophe ist die Nachfrage groß, aber das lässt mit der Zeit dann nach“, sagt Flasche, der 2002 schon als junger Feuerwehrmann mit aufräumte. „Wir nannten das Hochwasser-Amnesie, denn die Leute vergessen schnell.“

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Der 44-Jährige hatte damals die Einsatzleitung im zerstörten Schlottwitz. „Wir waren geschockt, dass da gar keine Straße mehr war, und mussten uns erstmal orientieren, wo überhaupt wir im Ort sind“, erinnert er sich. „Das war wie ein großes Flussbett, da bekommt man Respekt vor den Naturgewalten.“ Die Menschen hätten mutig und engagiert zugepackt. „Sie wussten, es muss weitergehen und haben es einfach gemacht.“

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Glashütte wurde zum Verhängnis, dass dort mit Prießnitz und Müglitz zwei zu reißenden Strömen gewordene Gebirgsflüsse aufeinandertreffen, „mit großem Schaden für die Stadt“, sagt Flasche. „Das größte Problem war die Infrastruktur, die weg war.“ Die Müglitztalstraße hatte Vorrang, damit Transporte möglich wurden. Ein Jahr später fuhr auch die über 100 Jahre alte Müglitztalbahn wieder, deren Strecke großteils zerstört war.

In Weesenstein verschwanden elf Häuser und eine Schuhfabrik

Weesenstein, knapp 15 Kilometer südlich, traf es am härtesten. Elf Häuser und eine Schuhfabrik sind verschwunden, vom Wasser mitgerissen oder zu stark zerstört, so Bürgermeister Michael Neumann. Sie standen mitten im Weg, als die Müglitz um den Felsvorsprung mit dem Königsschloss darauf herumtobte. Wie das Heim eines älteren Ehepaares am Ortsausgang - die Leichen wurden erst Tage später gefunden. Eine Tafel an der Brücke zeigt den früheren Ortskern, in dem auch das Haus der Familie stand, die in der Augustnacht stundenlang auf einem Mauerrest im tobenden Strom und Regen ausharrte – das Foto ging um die Welt.

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Der Straßenname erinnert an die dramatischen Ereignisse: Laut Ortschronist Gottfried Köhler war Weesenstein schon nach fünf Jahren und schneller als gedacht wieder ein Ort zum Leben.

Der Straßenname erinnert an die dramatischen Ereignisse: Laut Ortschronist Gottfried Köhler war Weesenstein schon nach fünf Jahren und schneller als gedacht wieder ein Ort zum Leben.

Die Schulstraße ist jetzt zur Hälfte eine Promenade entlang des Flüsschens, das träge in ihrem ausgebauten und besser gesicherten Bett fließt und leise plätschert. Drei Anwohner, die alles verloren, haben oberhalb des Ortes neu gebaut. Die neue Adresse erinnert sie an das Schicksal: Straße des 12. August. „Sie wollen nichts mehr damit zu tun haben“, erzählt Gottfried Köhler, eine Art „graue Eminenz“ im Müglitztal. „Wenn man sie daran erinnert, heißt es nur: Wir haben damit abgeschlossen“.

Sachsen investierte Milliarden in Hochwasserschutz

Seit der Flutkatastrophe 2002 hat Sachsen mehr als drei Milliarden Euro in den Hochwasserschutz investiert. Allein rund 2,2 Millionen Euro seien in Projekte der Landestalsperrenverwaltung geflossen, teilte die Behörde am Donnerstag in Pirna mit. Etwa drei Viertel der 749 Projekte des sächsischen Hochwasserschutzprogramms seien bereits abgeschlossen.

23 Projekte befinden sich derzeit im Bau, 156 sind in Planung oder Genehmigung. „Die Verbesserung des Hochwasserschutzes in gefährdeten Ortslagen ist und bleibt eine Generationenaufgabe“, erklärte der Geschäftsführer der Landestalsperrenverwaltung, Eckehard Bielitz. Es sei allerdings mit dem Bau von Hochwasserrückhaltebecken, Deichen und Hochwasserschutzwänden nicht getan.

Notwendig sei auch der Betrieb und Erhalt der Anlagen. Dafür seien langfristig entsprechende Ressourcen erforderlich. Hochwasser seien extreme und komplexe Naturereignisse, die auch künftig auftreten können, erklärte Bielitz. Ein vollständiger Hochwasserschutz sei aber nicht möglich, es verbleibe immer ein bestimmtes Risiko.

Die Schadenssumme der Flutkatastrophe 2002 lag laut Bielitz bei rund 8,6 Milliarden Euro. Die Schäden beim nachfolgenden Hochwasser 2013 fielen mit rund zwei Milliarden Euro deutlich geringer aus.

Nach dem Augusthochwasser 2002 baute die Landestalsperrenverwaltung mehrere Hochwasserrückhaltebecken. In vielen Talsperren seien zudem Rückhalteräume vergrößert worden, hieß es. Noch in der Umsetzung befindet sich unter anderem die neue Hochwasserschutzlinie in Döbeln.

Nach Angaben des Rentners war Weesenstein schon nach fünf Jahren und schneller als gedacht wieder ein Ort zum Leben. „Für die, die dort wohnten, ging es zu langsam.“ Jedes Jahr gab es ein Fest, zu dem die Helfer von damals kamen, auch aus dem Westen. Da bestehen laut Köhler bis heute private Verbindungen und Freundschaften. Zum Jubiläum fehle die Lust zu feiern, erzählt Kaiser, durch deren Café damals auch die Müglitz stürzte. Ein Schild am Eingang markiert, wie hoch das Wasser stand – fast zwei Meter. „Die Leute wollen nur noch vergessen.“ Viele seien auch weggezogen, wie die Familie auf der Mauer.

Bei den Bildern aus dem Ahrtal kam die Erinnerung an den August 2002 wieder hoch

Auch Kaiser wollte aufgeben, aber die unglaubliche Solidarität und Unterstützung in der Not habe sie dazu bewogen, neu anzufangen. „Wildfremde Leute haben uns geholfen“, sagt sie. Auch aus dem Ahrtal, erzählt Köhler. Mit den dramatischen Bildern von dort im Juli 2021 sei auch die Erinnerung an die August-Tage hier wieder hochgekommen.

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An der Müglitz wurden über 70 Millionen Euro in den Hochwasserschutz investiert. Ein Rückhaltebecken in Glashütte kann eine Million Kubikmeter Wasser aufnehmen, das Staubecken in Lauenstein 15 Millionen Kubikmeter. Das Flussbett wurde verbreitert, Böschungen gesichert und ausgeweitet, Mauern erhöht, Überflutungsflächen vergrößert oder neu geschaffen. Das alles schütze nicht vor einer Katastrophe wie 2002, aber helfe, Schäden zu minimieren, sagt Birgit Lange von der Landestalsperrenverwaltung.

Das Uhrmacherstädtchens Glashütte gehörte vor 20 Jahren auch zu den am meisten zerstörten Orten im Müglitztal.

Das Uhrmacherstädtchens Glashütte gehörte vor 20 Jahren auch zu den am meisten zerstörten Orten im Müglitztal.

Eine Wiederholung sei nie ausgeschlossen, sagt Schlossleiterin Andrea Dietrich. Bei derselben Regenmenge wie damals würden immer noch zwei Drittel des Wassers durch den barocken Park fließen, der in alter Pracht wiedererstand. „Wir müssen damit umgehen, wir haben gar keine andere Wahl.“ Sie selbst vertraut dem „recht großen Schutz“.

Vor allem bei den Älteren im Müglitztal sitzt der Schrecken tief

Bürgermeister Flasche treibt die Naturgewalt Feuer mehr um als eine neue Flut. „Die Frage ist: Was passiert bei Flächen- und Waldbränden?“, meint der Unternehmer. „Aktuell kämpfen wir mit der Trockenheit, was ähnlich dramatisch ist wie Hochwasser.“ Das gab es an der Müglitz schon 1897, 1927 und 1957 – und auch seit 2002. Die Menschen fühlten sich jetzt sicherer. „Aber wenn es hier kräftig regnet und die Müglitz anschwillt, das passiert jedes Jahr, kommt die Angst bei den Leuten wieder.“ Vor allem bei den Älteren sitze der Schrecken tief. „Ich glaube, das überwindet man erst mit dem Tod.“

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Von dpa

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