Dieser Nachwuchs ist unheimlich

Kinder an der Macht: In „The Midwich Cuckoos“ kommen uns die Aliens mal ganz anders

In einem Städtchen in England werden unheimliche Kinder geboren: Dr. Suzannah Zellaby (Keeley Hawes) ist die Heldin der Serie „The Midwich Cuckoos“.

In einem Städtchen in England werden unheimliche Kinder geboren: Dr. Suzannah Zellaby (Keeley Hawes) ist die Heldin der Serie „The Midwich Cuckoos“.

„Man kann uns nicht stoppen. Es ist zu spät“, sagt die kleine Evie (Indica Watson) zu ihrer Mutter Cassie (Synnøve Karlsen) und ihrer Großmutter Suzannah Zellaby (Keeley Hawes). Und es klingt nicht etwa nach irgendeinem Kinderjux oder der Ankündigung einer Meisterschaft, die ihrem Fußballteam nicht mehr zu nehmen ist. Evie ist drei und sieht aus wie fünf. In ihrem Tonfall liegen weder Enthusiasmus noch Bedauern noch eine Drohung.

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Zwei Jahre später, da sieht sie aus wie eine Zehnjährige, sagt sie Suzannah, dass es die Unterschiede zwischen ihnen seien, die Probleme schüfen. „Unterschiede geben uns Bedeutung“, widerspricht die Psychologin. „Wir sind anderer Meinung“, sagt Evie ohne jede Gefühlsregung. Und nach diesem harmlosen Disput weiß der Zuschauende, dass es jetzt für die menschlichen Bewohner des lauschigen Midwich eng werden wird. Ein harmloser Satz. In dem ein Todesversprechen mitschwingt.

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Ratazong! Weg ist der Balkon! Oder gleich das ganze Weiße Haus. Überfälle von Wesen aus anderen Welten laufen seit H. G. Wells‘ „Krieg der Welten“ meist mit Raumschiffen ab. Haushoch überlegene Technik, beängstigende Waffensysteme. Zerstörung, Vernichtung und Versklavung und oft genug ein Happy End – weil die Fremdlinge irdische Mikroben nicht vertragen oder irdische Computerviren. Oder sonst wie besiegt werden.

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Der Science-fiction-Fan freut sich über jede Invasion ohne Raumschiffe

Man ist angesichts der martialischen Norm als Science-fiction-Fan froh über jede Invasionsversion ohne fliegende Untertassen – wenn etwa ein kosmischer Einschlag zu einer bedrohlich zunehmenden Umgestaltung irdischer Flora und Fauna führt wie in Alex Garlands „Auslöschung“ (2018), wenn eine Raumkapsel bei ihrer Rückkehr „tödlichen Staub aus dem All“ an Bord hat wie in Robert Wise‘ Michael-Crichton-Verfilmung „Andromeda“ (1971). Oder wenn Space-Sporen auf die Erde herabrieseln und aus mannsgroßen Schoten fühllose Aliens, äußerlich Doppelgänger von Menschen, „schlüpfen“ wie in Don Siegels „Die Dämonischen“ (1956) und den späteren Verfilmungen von Jack Finneys Roman „Die Körperfresser kommen“.

In Peter Wyndhams bislang zweimal unter dem Titel „Das Dorf der Verdammten“ (1960, 1995) verfilmtem Buch „The Midwick Cuckoos“ von 1957 geschieht die Invasion durch unbefleckte Empfängnis. Den beiden Kinoversionen von Wolf Rilla und John Carpenter folgt nun eine siebenteilige Fernsehserie (nur sechs Episoden wurden den Medien zur Ansicht gewährt), die das Unfassliche und den Umgang damit realistischer zu zeichnen vermag als es 77 respektive 95 Kinominuten können. Eines schönen Tages werden den Bewohnern des Dörfchens Midwich (40 Meilen weg von London, Platz 6 in der Liste der schmucksten Plätze Großbritanniens) „Kuckuckseier“ ins Nest gelegt.

Die seltsamen Schwangerschaften von Midwich

Vögel fliegen auf, Hunde bellen, Pferde wiehern unruhig in den Stallungen – wie so oft sind es Tiere, die die Veränderung als erste bemerken. Elektrische Störungen folgen, selbst batteriebetriebene Taschenlampen blinzeln, im Fernseher sind Schlieren zu sehen. Über den hübschen britischen Landhäusern mit ihren Erkerchen und Sprossenfenstern färbt sich der Himmel mählich pink, und dann fährt ein Strahlenbündel, ein bunter Lichttornado, in die Erde. Woraufhin alle bewusstlos werden.

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Und als sie wieder erwachen, sind alle Frauen im gebärfähigen Alter schwanger. Alle Mutterbäuche wachsen gleich schnell (zu schnell), alle Fruchtblasen platzen zugleich, und man muss den Leuten von der Regierung (ein sehr sehr seltsamer Mr. Wescott, vermutlich vom Geheimdienst, hat hier den Hut auf) applaudieren, dass sie in ihrer sanften Abriegelung des Ortes auch bedacht haben, dass ordentlich Ärzte und Hebammen für den Fall einer Synchronniederkunft bereitstehen – eine Massenentbindungsstation. Hannah kommt zur Welt, Nathan und viele andere. Auch Evie.

Die Kinder haben nur die DNA der Mütter

Für manche der Kinder gibt es nicht mal potenzielle Väter, und kein einziges hat – wie sich bald herausstellt – väterliche DNA. Die Jungen und Mädchen stehen auch untereinander in Kontakt – Dr. Zellaby beweist mithilfe von Tests eine nie gesehene telepathische Verbundenheit. Anders als in den bisherigen Verfilmungen des Stoffs unterscheiden sich die Kinder äußerlich, ist auch „das Menschliche“ in ihnen zunächst noch präsent – sie lächeln, umarmen ihre Eltern, scheinen Geborgenheit zu genießen und verströmen noch kindliche Unschuld.

Aber wenn sie stumm an den Fenstern stehen und mit abwesendem Blick aus sich goldgelb färbenden Iriden die Scheiben berühren, zieht Gänsehaut im Betrachter herauf. Mehr und mehr übernimmt eine unheimliche Schwarmintelligenz die Kontrolle in Midwich, zwingt den Erwachsenen ihren Willen auf. Manche werden zu lächelnden Gefolgsleuten, wer aber misstrauisch ist, wessen Elternliebe sich in Angst oder Aggression verwandelt, bekommt das Fürchten gelehrt. Erst stirbt ein Hund, dann der erste Mensch. Kinder an der Macht.

Der Zuschauende vermutet, nur die Spitze des Eisbergs zu sehen

Wer sind diese Kinder? Die Leute von Midwich tappen endlos im Dunkeln. Und als Zuschauender kann man sich des Gefühls nicht erwehren, als wäre diese Invasion längst weiter gediehen als zu sehen ist, als erfolge die Geheimhaltung der besonderen Kinder weder vorrangig zum Schutz der Allgemeinheit noch zum Zweck wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns.

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Sondern als hielten frühere Ankömmlinge in hohen Positionen ihre schützende Hand über die Kinder, um den großen Plan nicht zu gefährden, nachdem vorherige Versuche – etwa in der Sowjetunion - bereits gescheitert sind. Früh haben wir etwa Bryony Cummings (Cherelle Skeete), die Kollegin von Detective Chief Inspector Paul Haynes (Max Beesley) im Verdacht, nicht der Spezies Homo sapiens sapiens zuzugehören.

Die Bedrohung wird behutsam gesteigert in diesem neuen Projekt von „Night Manager“-Schöpfer David Farr. Der massive Einbruch des Irrationalen in die Kleinstadtnormalität der – zumindest für eine Weile – wie ganz normaler Alltag gelebt wird, kann allerdings nicht mit der extremen Anpassungsfähigkeit des Menschen an „Situationen“ erklärt werden. Schon ab der Erkenntnis des DNA-Phänomens wäre eigentlich nichts anderes vorstellbar als massive, nachhaltige Verstörung auf Elternseite, schreiend weglaufende Leute.

Die „Gefangenschaft“ der Leute von Midwich erscheint unplausibel

Und auch die regierungsmäßig verordnete „Gefangenschaft“ der Midwicher – stete Überwachung, Minimierung sozialer Kontakte, schriftlich eingeholte Schweigepflicht – erscheint so unerträglich wie undurchführbar. Trotzdem (und trotz einer gewissen „Länglichkeit“ der Geschichte und einer deutlichen Skizzenhaftigkeit vieler Charaktere) ist man gespannt, wie Farr das alles auflöst und ob er seine Serie an Wyndhams vertrauten Schlussknall führt oder sich und uns ein eigenes Ende geschaffen hat.

Eine Invasion ist ein feindseliger Akt der schlimmsten Art. Aggressoren – das bewies zuletzt der russische Kriegsherr Putin – darf kein Wort geglaubt werden. Zwei Mädchen stehen auf dem Flur gegenüber DCI Haynes und sehen dabei so „creepy“ aus wie die toten Zwillinge auf dem Flur des Overlook-Hotels in „Shining“. „Wir mögen Sie, Mr. Haynes“, sagen sie. „Wir wollen Ihnen nicht wehtun.“ Da schwingt wieder ein Todesversprechen. „Lauf!“ würde man dem Polizisten jetzt gern zurufen.

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„The Midwich Cuckoos“, Serie, sieben Episoden, mit Keley Hawes, Synnove Karlsen, Max Beesley, Aisling Loftus, Ukweli Roach (ab 16. Juni bei Sky)

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