Krimi mit Jasna Fritzi Bauer

„Tatort: Liebeswut“ aus Bremen: „Der Teufel wird dich holen“

Den Ermittlerinnen Linda Selb (Luise Wolfram, links) und Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer).

Den Ermittlerinnen Linda Selb (Luise Wolfram, links) und Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer).

Dieses breite Norddeutsch, tonlos und immer etwas patzig, klingt nach Detlev Buck und seinen frühen Filmen wie „Karniggels“, die traurig waren, aber als Komödie gehandelt wurden. Das Norddeutsch wirkt, als werde man zur Rede gestellt, auch in einem „Moin“ steckt schon ein Vorwurf, wenn man es beiläufig und formvollendet ausspuckt, wie es Jasna Fritzi Bauer im Bremer „Tatort: Liebeswut“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) tut. Bauer zeigt sich nicht als Schauspielerin, eher als Darstellerin der eigenen Gefühle – ihre Sätze sind kurz angebunden, Glück zählt nicht zu ihrem Repertoire. Das passt ganz gut zu der Hansestadt, wo man zu allen Jahreszeiten bei knapp 13 Grad und feinem Regen lebt.

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Jasna Fritzi Bauer spielt die Kommissarin Liv Moormann, sie wird in dieser Folge von ihrem eigenen erlittenen Missbrauch verfolgt. Denn sie muss im neuen „Tatort“ Kinder suchen, zwei kleine Mädchen, deren Mutter tot im Bett gefunden wurde. Eine Kugel steckt in deren Kopf. Auch der Vater weiß nicht, wo die Kinder sind.

Die Traurigkeit des Filmes ist so uferlos und nimmt minütlich zu, weil Kommissarin Moormann keine Mittel hat, sich abzugrenzen von der Schwermut. Im Gegenteil, sie wird ein Teil von ihr, Moormann fühlt sich hilflos wie ein Kind, igelt sich ein, hat keine Kraft, sich gegen das Gespenster­haus, in dem die tote Frau gefunden wird, zu wehren. Gut, dass sie die Kollegin Linda Selb (Luise Wolfram) an ihrer Seite hat, die mit der Ratio eines Taschenrechners an die Lösung dieses Falles geht. Zur Frage, ob es Selbstmord bei der Mutter war, sagt sie: „Statistisch gesehen erschießen sich Frauen nicht.“ Als sie sieht, dass deren Ringfinger amputiert wurde, jauchzt sie fast: „Das ist ein Arbeitsauftrag!“

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„Der Teufel wird dich holen“

Menschlich lebt die Kommissarin Selb tief in den Minusgraden, doch womöglich ist der kühle Kopf ganz gut, denn Regisseurin Anne Zohra Berrached (Drehbuch: Martina Mouchot) hat die Geschichte eindrücklich zu einem Psychothriller ausgebaut. In diesem Genre werden die Figuren überhöht, dämonisiert, nichts ist, wie es wirkt, im „Tatort“ scheint das Personal der Geisterbahn entnommen.

Das Haus, in dem die Tote liegt, geriet in Brand, nur das Totenzimmer wurde radikal geschützt vor Flammen, an der Wand steht: „Der Teufel wird dich holen.“ Nachbar Schaballa (Aljoscha Stadelmann) hatte angerufen bei der Polizei, weil er Schüsse gehört hatte. Doch er gerät nun selbst in Verdacht, die tote Frau und überhaupt das ganze, abgetakelte, filmisch surreal verfärbte Haus auf dem Gewissen zu haben. Schaballa ist ein Widerling mit Charme, ständig lutscht er Eis, eine Luke aus Schaballas Wohnung führt hinab zum Zimmer der vermissten Kinder. Hat er sie entführt? Oder war es doch Conradi (Dirk Martens), Hausmeister der Schule, der an Kinderkleidern schnüffelt, weil ihn das erregt?

Vielleicht ist es schlicht der Ehemann der toten Frau gewesen, der sie erst erschoss und dann die eigenen Töchter mitnahm und versteckte. Ist es ihm zuzutrauen? Dieser Thomas (Matthias Matschke) ist ein freundlicher, überforderter Mann, von der eigenen Frau entfremdet, ihre Eltern boten ihm 30.000 Euro, wenn er sich scheiden ließe. Längst hat er eine neue Partnerin, Jacqueline (Milena Kaltenbach) ist schwanger mit Zwillingen, sie selbst hat sich eingerichtet in der Kinderwelt, umweht von Räucherstäbchen.

So viel Parallelwelt sah man selten in einem „Tatort“. Der Film tritt kaum nach draußen, falls doch, dann nur, um zu bezeugen, wie sein Personal stolpert. Alle sind sie ans Milieu gebunden, aus dem sie stammen. Wenn sie es verlassen, funkeln die Farben des Filmes, sie blitzen bedrohlich. Ästhetisch ist das ein Spektakel, psychologisch ist es der Ernstfall. Wie sehr der „Tatort“ ins Risiko geht, erzählerisch und visuell, ist ein Grund, ihn zu lieben – oder immerhin zu respektieren. Nichts mehr ist zu sehen von dem Einheitsbrei aus 13 Grad und feinem Regen.

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