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Schirach-Verfilmung „Strafe“: Freiheit für den Mörder

Feldmayer (Hans Löw) hat sich den Dorn aus der Stirn gezogen. In einer Szene der Folge "Der Dorn" der Anthologie-Serie "Strafe".

Feldmayer (Hans Löw) hat sich den Dorn aus der Stirn gezogen. In einer Szene der Folge "Der Dorn" der Anthologie-Serie "Strafe".

Eine Frau tötet den Gatten und kommt damit davon, ein Mörder gesteht seine Tat und wird trotzdem freigesprochen: Dieses Muster zieht sich durch die meisten jener Kurzgeschichten, die Ferdinand von Schirach in seinem Sammelband „Strafe“ erzählt. Am Ende siegt das Böse, zumindest dem Anschein nach, denn oft sind „gut“ und „böse“ bloß eine Frage der Perspektive.

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Die früheren Verfilmungen der Schirach-Sammlungen, „Verbrechen“ (2013) und „Schuld“ (2015/2017), sind fürs ZDF entstanden, „Strafe“ für die RTL-Mediengruppe. Die Produktionsfirma (Moovie) ist die gleiche, aber die Unterschiede sind offenkundig, und das nicht nur, weil es diesmal keine zentralen Figuren gibt. In den Filmen fürs Zweite hatten Sepp Bierbichler und Moritz Bleibtreu als Strafverteidiger die Rolle des Erzählers übernommen. Außerdem sind die RTL-Filme deutlich sperriger; eine Ausstrahlung um 20.15 Uhr käme angesichts verschiedener grausiger Bilder und bizarrer Sexualpraktiken ohnehin nicht infrage.

Studien des Unglücks

Das ändert allerdings nichts an der künstlerischen Qualität der jeweils fünfzig bis sechzig Minuten kurzen Filme. Bei den sechs Episoden des neuen Films, allesamt Studien des Unglücks, waren sechs verschiedene Regisseurinnen und Regisseure am Werk, die auch die Drehbücher geschrieben haben, und weil sie weitgehend freie Hand hatten, sind in der Tat sechs Einzelwerke entstanden. Auf Stars wurde hingegen fast völlig verzichtet. Umso imposanter sind darstellerische Entdeckungen wie Rapperin Ebru „Ebow“ Düzgün als schlagfertige Anwältin in dem Zwangsprostitutionsdrama „Subotnik“ (Regie: Helene Hegemann) und Katharina Rudolph als Titelfigur der Episode „Die Schöffin“ (Mia Spengler). Beide Male geht es um die oftmals bittere Kluft zwischen Recht und Gerechtigkeit: weil die juristisch korrekte Freilassung des jeweiligen Angeklagten zu einem Todesfall führt.

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Allen Beiträgen gemeinsam ist eine stets aufs Neue verblüffende Pointe, die zum Teil bereits gleich zu Beginn preisgegeben wird. In den entsprechenden Filmen resultiert die Faszination aus der Neugier, warum zum Beispiel ein Hausbesitzer (Olli Dittrich) den Gerichtssaal als freier Mann verlassen darf, obwohl er seine Nachbarin erschossen hat. Dennoch ist „Das Seehaus“ (Patrick Vollrath) kein Krimi, sondern das Psychogramm eines Rentners, der sich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände zum Äußersten getrieben fühlt. Der vierfache Grimmepreisträger Dittrich („Dittsche“) hat schon mehrfach bewiesen, dass er ein ausgezeichneter Schauspieler ist.

Methode ein Schritt vor, zwei zurück

Dramaturgisch am interessantesten ist „Hellblau“. Auch dieser wegen seiner Grausamkeit stellenweise nur schwer erträgliche Film beginnt mit dem Schluss, der jedoch vom Abspann bis zum Todessturz eines Mannes erst mal rückwärts läuft.

Wie es zu dem Mord gekommen ist, erzählt David Wnendt nach der Methode ein Schritt vor, zwei zurück. Auf diese Weise beginnt jede neue Szene mit der Wirkung und zeigt anschließend die Ursache. Das ist zunächst verwirrend, verleiht der Episode jedoch einen ganz eigenen Reiz, zumal ähnlich wie in Oliver Hirschbiegels Ehedrama „Der Taucher“ erst das Ende – in diesem Fall also der Anfang der Geschichte – die ganze Wahrheit offenbart. Jule Böwes Spiel weit jenseits aller Eitelkeit ist herausragend.

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Nichthandlung überraschend kurzweilig

Der vielleicht erstaunlichste Film ist dennoch „Der Dorn“, weil es Hüseyin Tabak gelungen ist, eine Nichthandlung überraschend kurzweilig zu gestalten: Ein Mann (Hans Löw) bekommt einen Job als Museumswärter, gerät aufgrund eines Missgeschicks in Vergessenheit und bewacht nun jahrein, jahraus einen immergleichen Saal, in den sich kaum jemand verirrt. Im Lauf der Zeit füllt der Wärter, der immer wunderlicher wird, Dutzende kleiner roter Kladden mit skurrilen Statistiken, bis eines Tages aufgrund einer winzigen Unordnung in seinem klar strukturierten Alltag das Chaos ausbricht.

„Strafe“ ist ab diesem Dienstag, 28. Juni, bei RTL+ streambar.

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